Süddeutsche Zeitung

Halloween:Kampf der Kürbisse

Wie die Axt im Schädel spaltet ein Fest die Gemüter: Halloween. Konsumterror oder feinster Partyspaß? Amerikanisierung des Abendlandes oder uralter Brauch? Ein Streitgespräch um die Rückkehr des Kürbisses.

Sarah K. Schmidt und Violetta Simon

Es ist dunkel, es ist kalt, es ist nass, es ist Ende Oktober. Die letzte Grillparty ist längst gefeiert, die Picknick-Decke tief im Schrank verschwunden - vorbei die glücklichen Zeiten, in denen man auf dem Balkon bei Bier und Caipirinhas die lauen Abendstunden verplauderte. Und auch bis zur weihnachtlichen Gemütlichkeit mit Plätzchen backen, Glühwein und Familienfeiern gilt es noch lange, düstere Wochen zu überbrücken. Allein die Grippeviren haben Grund zur Freude, der Rest des Landes versinkt in tiefer Herbstdepression.

Doch Halt! Ein Event kämpft tapfer an gegen Trübsal und Schmuddelwetter: Es ist Halloween, Retter der verlorenen Jahreszeit. Endlich sitzen die Kinder mal wieder nicht vor dem Fernseher, sondern - mit Löffel und Messer bewaffnet - vor medizinballgroßen Kürbissen, die sie in mehr oder minder furchterregende Fratzen verwandeln. Der Rest, mit Karotte und Ingwer verfeinert, ergibt eine wärmende Herbstdelikatesse - die es dank Halloween bis in die Szene-Bars der Republik geschafft hat. Kürbissuppe ist in, und vor allem: so gesund.

Im Licht der Kürbislaternen verwandeln sich die Kleinen dann in Chucky die Mörderpuppe oder blutleere Untote und ziehen von Haus zu Haus. Bewegung an der frischen Luft, was gibt es Besseres? Und ein bisschen Englisch lernen sie auch noch dabei: "Trick or treat?", quäkt es im Abendnebel über Deutschlands Türschwellen. Auch die Erwachsenen haben Halloween längst für sich entdeckt. Endlich eine Gelegenheit, mal wieder all die Freunde und Bekannte, bei denen man sich schon ewig melden wollte, zum Feiern einzuladen. Die Bedingungen sind ideal, schließlich folgt - zumindest in einem Teil der Bundesländer - auf das rauschende Fest ein Feiertag. Und jene Frohnaturen, die sich schon zu Fasching für infantilen Spaß im Ganzkörperkostüm begeistern können, werden auch viel Freude an Wackelpudding-Augäpfeln, Axt-im-Kopf-Haarreifen und Werwolfbeißerchen finden.

Natürlich verdient sich der Einzelhandel an all den Vampirzähnen aus Plastik und den Gummibärchen in Fledermausform dumm und dämlich und versucht, Halloween nach allen Regeln der Marketing-Kunst für sich zu nutzen. Aber ganz ehrlich: Was ist schon dabei? Sind die hart verdienten Euros in Scream-Masken so viel schlechter angelegt als in überteuerte Adventskalender oder Silvesterböller? Und die angeknackste Wirtschaft freut sich ohnehin.

Halloween als Marketing-Schnickschnack der amerikanischen Werbeindustrie abzutun, wird der Sache nämlich außerdem nicht gerecht: Die Sause in der Nacht zum 1. November ist die lautmalerische Verschmelzung der englischen Wörter "All Hallows' Eve", also dem christlichen Allerheiligen. Doch die Wurzeln des Heidenspaßes reichen - wie der Name schon sagt - sehr viel weiter zurück. Schon die alten irischen Druiden machten es zu einer schönen Tradition, gemeinsam mit ihren anderen Keltenfreunden zum Ende des Sommers eine ordentliche Party zu schmeißen.

Rückkehr einer europäischen Tradition

Sie glaubten, dass mit Einzug des Viehs von der Weide in die Ställe auch die Seelen der toten Ahnen zu den Häusern zurückkehren. Ob sie im störrischen Gemüt mancher Ziege die reinkarnierte biestige Großtante vermuteten, ist jedoch nicht überliefert. Mit der Christianisierung der Grünen Insel war dann Schluss mit manch lustigem Elfenkult - auf die Feier Ende Oktober wollten jedoch auch Jesu Anhänger nicht verzichten. Zu den Gespenstern der Urahnen wurden einfach noch ein paar Märtyrer und Heilige gesellt - fertig ist der christliche Feiertag Allerheiligen.

Zu Unrecht vermuten also all die traditionsbewussten Spaßverderber, die alle Jahre wieder gleichzeitig mit den Kürbisbergen am Straßenrand zurückkehren, hinter Halloween einen weiteren Angriff auf die europäische Hochkultur. Ganz im Gegenteil: Mit Halloween kehrt eine uralte europäische Tradition zurück, die schon fast in Vergessenheit geraten wäre. Grund genug also, sich voller Inbrunst ins Gruselvergnügen zu stürzen.

Sarah K. Schmidt

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Die Euro-Krise, das Sarkozy-Baby, die gefärbten Haare von Ministerpräsident Bouffier - und jetzt Halloween. Was denn noch alles? Einst gab es ein Leben vor dem Kürbis. Bis Anfang der neunziger Jahre war der 31. Oktober als Reformationstag noch nicht einmal ein richtiger Feiertag. Dann begannen wir, die orangefarbenen Riesenbeeren auszukratzen und dämlich grinsende Fratzen hineinzuschneiden. Heute glotzt einem schon Wochen vorher aus jedem Laden, jedem Lokal, jedem Fenster ein ausgehöhlter Kürbis entgegen. Immerhin, ohne Halloween wüssten wir vielleicht bis heute nicht, dass man die Dinger essen kann.

Doch selbst wenn man Kürbissuppe mag: Halloween nervt. Genau wie Valentinstag, Muttertag und Weihnachten. Es ist nicht die Existenz dieser Termine, die einen ärgert - es ist die Art, sie zu begehen: im totalen Konsumwahn.

Die Deutschen stehen auf kollektiv verordnete Kostümierung, selbst zum Oktoberfest erscheinen alle verkleidet: in Tracht. Die Tracht der Untoten - vom Vampirumhang bis zum Zombiekostüm - kommt von der Stange. Die Regale biegen sich unter Gummifratzen, Werwolfgebissen und offenen Wunden zum Aufkleben. Ob im Darth-Vader-Strampler fürs Baby oder im "Chucky, die Mörderpuppe"-Set für den Schwiegerpapa, nie gruselten wir uns so dekorativ wie heute - allen voran Heidi Klum, die rheinische Frohnatur.

Seit sie in den USA lebt, weit weg vom Kölner Karneval, hat sie sich selbst zur Halloween-Beauftragten auserkoren und verkleidet sich mal als Alien, mal als Roboter, mal als Apfel. In diesem Jahr will Klum die Gäste ihrer Halloweenparty in einem ganz besonderen Kostüm empfangen: als Anatomiemodell - ein "toter Körper, an dem die ersten Hautfetzen abgefallen sind". Man muss sich das vorstellen als eine Art roher Schinken auf Beinen nach der Begegnung mit dem Leichenpräparator Gunther von Hagens. Schlimm.

Eine Menge Trends aus den USA werden bereitwillig von uns aufgesogen und - ohne Reflexion und Kenntnis der Herkunft - kopiert. In den USA hat Halloween eine Kulturgeschichte. Bei uns ist sie nichts als eine Erfindung der Spielwarenindustrie, verkümmert zu einer Art Ersatzfasching. Die kulturgeschichtliche Bedeutung für Deutschland ist schnell erklärt: 1991 war der Karneval wegen des Golfkriegs ausgefallen, das Geschäft mit Masken und Kostümen war ins Stocken geraten. Der Deutsche Bundesverband der Spielwarenindustrie suchte eine Alternative, führte Halloween ein und verkaufte dadurch jede Menge Masken, Kunstblut und Vampirzähne. Im Jahr darauf kam wieder der Karneval, doch Halloween blieb.

Und damit kam eine weitere Begleiterscheinung: das essbare Grauen. Auf Halloween-Partys werden Schädelpizza, Finger aus halbierten Wienerwürstchen, abgetrennte Füße aus pfundweise Hackfleisch gereicht. Dazu gibt es Blutsuppe aus roter Beete oder Augäpfel in Eiter aus Litschi und Vanillepudding. Und die kleinen Monster, die sonst beim Anblick einer roten Tomate angeekelt das Gesicht verziehen, geraten in Extase vor wohligem Gruseln.

Nicht mehr lang, und der Thanksgiving-Truthahn wird der Martinsgans den Garaus machen. Und dabei wird er eine Hannibal-Lecter-Maske tragen.

Violetta Simon

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