Süddeutsche Zeitung

Gesetzesänderung für Intersexuelle:Im Fremdkörper

Georg Selb wächst als Mädchen auf, fühlt sich aber immer fremd in seinem Körper. Er ist schon über 30, als er erfährt: Genetisch ist er ein Mann. Und die Qualen, die er leiden muss, sind die Qualen eines Intersexuellen. Eine Gesetzesänderung soll sie nun lindern.

Von Alex Rühle

Am 1. November wird das sogenannte Personenstandsgesetz geändert: Bei Kindern mit uneindeutigen Geschlechtsorganen muss ins Geburtenregister kein Geschlecht mehr eingetragen werden. Es wird also endlich auch von Amts wegen anerkannt, dass es Intersexuelle gibt. Aber ob solch ein bürokratischer Akt diesen Menschen helfen wird?

"Mei", sagt Georg Selb und zuckt mit den Schultern, "mei, vielleicht zeigt es den Eltern solcher Kinder, dass es immer besser ist zu warten, als dass man das Neugeborene in ein Geschlecht zwängt." Selb, der in Wahrheit anders heißt und als Journalist in München lebt, macht seinen Eltern keine Vorwürfe mehr, ihn nach der Geburt als Mädchen aufgezogen haben. "Ich wunder' mich nur, dass die nicht irgendwann gemerkt haben, dass mit mir was anders ist."

Noch heute ist "was anders" mit Selb: kantiger Schädel, Bartwuchs, starke Augenbrauen und eine tiefe Stimme. Dazu ein feiner Mund, eine Stupsnase und mandelförmige Augen mit geschwungenen Wimpern. Er ist mit dem Motorrad zu unserem Treffen gekommen und spielt manchmal mit dem Schlüsselbund, an dem ein Bayern-Anhänger klimpert. Die Hände aber, die diesen Anhänger durch die Finger gleiten lassen, sehen weiblich aus. Kurzum: In Selbs Gesicht und seinen Gesten überlagern sich männliche und weibliche Anteile auf derart irritierende Art und Weise, dass es wie eine Kippfigur wirkt, eines dieser Bilder, in denen man verschiedene Motive erkennen kann, je nachdem, wie man gerade den Blick fokussiert. Ah, doch eher eine Frau - nein, ein Mann.

Nun wehren sich Intersexuelle ja gerade gegen solche Festlegungen. Gegen den Zwang, sich eindeutig verorten zu lassen, wenn ihr Körper nun mal uneindeutig ist. Und genau der Blick, mit dem man Selb festlegen will auf Mann oder Frau, um die eigene Irritation loszuwerden, ist das, worunter diese Menschen leiden.

"Schamlippen - Mädchen - Name"

Als Selb im Jahr 1967 zur Welt gekommen war, gaben ihm seine Eltern einen Mädchennamen. Wie auch nicht. "An Säuglingen macht man ja keine gynäkologischen Untersuchungen", sagt Selb. "Schamlippen - Mädchen - Name - erledigt". Selb sagt das ohne jeden Vorwurf. Woher sollten die Eltern wissen, dass die Hoden ihres Babys zu einem frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft verkümmert waren und jetzt winzig klein irgendwo neben der Blase lagen; dass sich wegen dieser Verkümmerung eine Vagina ohne Eierstöcke und Uterus gebildet hatte; dass die unsichtbaren Hoden trotzdem Testosteron produzieren würden und er eine männliche DNA besitzt.

Aber hätten seine Eltern nicht spüren müssen, dass etwas mit ihm anders war? "Als ich mich mit zwei Jahren mal beim Spielen dreckig gemacht habe, haben es zwei Tanten mit vereinten Kräften nicht geschafft, mich in ein sauberes Kleid zu zwängen. Ich wollte eine Hose. Und als mein Vater sich mal eine Puppe wünschte, damit ich mir auch eine wünsche, hab ich die Puppe an den Haaren ins Wohnzimmer geschleift und ihm gesagt: Das hast dir du gewünscht, nicht ich."

Weibliche Kindheit in der Er-Form

Auch im Nachhinein spricht er von der Zeit, als er noch als Mädchen galt, von sich in der Er-Form. "Als ein Nachbarskind mal zu mir sagte, ich sei kein richtiger Junge, weil ich ja kein Schwänzchen hätte, hab ich ihm erklärt, mein Penis sei nach innen gewachsen, das stülpe sich schon noch aus."

Zorn empfindet Selb nur dem Arzt gegenüber, der ihm im Alter von elf Jahren einen Testosteron-Blocker mit Östrogen verschrieb. "Der muss gewusst haben, dass ich intersexuell bin und hat mir trotzdem weibliche Hormone aufgezwängt." Mit dem Resultat, dass ihm riesige Brüste wuchsen, sein sonstiger Körper aber das Wachstum praktisch einstellte und weiterhin Testosteron produzierte. Seither weiß Selb, was das heißt: Fremdkörper sein. Der ganze Körper war ihm fremd. "Die Dinger", so nennt er heute die behaarten Brüste. Er musste sich an den Beinen und Armen rasieren. "Gesagt wurde mir damals nur, dass ich zu wenig Östrogen produziere. Und dass ich Gefahr laufe, an Osteoporose zu erkranken, wenn ich die Hormone nicht nehme." Also nahm er sie. Jahrelang. "Ich war ja allein mit mir, das war vor dem Internet, wer hätte mich bestärken sollen in meinem Widerwillen?"

Geschichten medizinischer Zurichtung

Schätzungen zufolge leben in Deutschland 85.000 bis 100.000 Intersexuelle. Transsexuelle, mit denen sie oft verwechselt werden, sind Menschen mit eindeutigem Geschlecht, die aber das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben. Intersexuelle sind Menschen mit nicht eindeutiger Geschlechtszugehörigkeit, wobei nicht alle Intersexuellen dieselbe Ausformung haben, im Gegenteil: Selb weiß nur von einem Intersexuellen, der eine ähnliche Geschichte hat. In dessen Fall ließ sich die Mutter die Pille verschreiben - um sie dem Kind zu verabreichen. Damit das endlich zum richtigen Mädchen werde. Das Kind war damals sieben und leidet noch heute an den Folgen der Hormonschocktherapie.

Es gibt unendlich viele Ausformungen der Intersexualität, Frauen mit Eierstöcken und Hoden, Männer mit klitoriskleinem Penis. Mädchen, die zu viel Testosteron, Jungs, die Östrogen produzieren. "Weil ja auch so unendlich viel schiefgehen kann in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft, in denen sich das Geschlecht ausdifferenziert", sagt Ursula Kuhnle-Krahl, eine pädiatrische Endokrinologin, die seit 20 Jahren mit intersexuellen Kindern arbeitet. Kuhnle-Krahl kennt aus früheren Jahrzehnten viele Geschichten wie die von Georg Selb. Geschichten der brutalen medizinischen Zurichtung, der ärztlichen Anmaßung und Inkompetenz. Auf die Frage, was sie von dem neuen Gesetz halte, sagt sie, es sei natürlich notwendig, dass medizinische Eingriffe bei Kindern nur sehr eingeschränkt vorgenommen werden dürfen. Andererseits, sagt sie, "sollten sich verantwortungsvolle Ärzte immer schon so verhalten haben: zuwartend, beobachtend, beratend und offen".

Sie will ihre Kollegen keineswegs in Schutz nehmen, sagt aber, dass deren rigoroses Verhalten auch damit zusammenhing, "dass Psychologie und Soziologie damals davon ausgingen, dass wir zu Jungen und Mädchen erst erzogen und gemacht werden". US-Sexualwissenschaftler John Money etwa behauptete, der Mensch komme "neutral" auf die Welt. Um zu beweisen, dass Geschlecht etwas Erlerntes sei, schreckte er 1965 nicht davor zurück, ein Zwillingskind nach einer fehlgegangenen Beschneidung kastrieren zu lassen und zu behaupten, dass es als Mädchen genauso glücklich werden könne wie sein Bruder. Der Fall ging als John/Joan in die Wissenschaftsgeschichte ein. Der "Proband" nahm sich 2003 mit 38 Jahren das Leben.

Späte Offenbarung

Georg Selb kann ein Lied singen von den Zurichtungszwängen der Medizin. Er war schon über 30, als endlich seine Wahrheit ans Licht kam: Bei einer Routineuntersuchung stellten die Ärzte per Ultraschall fest, dass er keine Eierstöcke und keinen Uterus besitzt, dafür aber verkümmerte Hoden. Ein Gentest zeigte, dass er XY-Chromosomen hat, also genetisch gesehen ein Mann ist. "Und was fragen die mich nach dieser Entdeckung im Krankenhaus? Ob sie mir weibliche Hormone spritzen sollen. Als ich entgeistert fragte, warum sie das machen wollen, sagte die Schwester: Vielleicht wollen Sie ja Kinder bekommen."

Wollte er nicht. Selb ließ sich die Brüste entfernen, gab sich seinen neuen Namen und lebt heute offiziell als Mann. Klingt sehr viel einfacher, als es in Wahrheit ist. Aber immerhin lebt er ein selbstbestimmtes Leben und engagiert sich nebenher für die Belange der Intersexuellen.

Tabuisierte Fehlbildung

Bis Intersexuelle voll anerkannt sind, ist es ein weiter Weg. Das Thema ist immer noch mit einem Tabu behaftet. "Sagen Sie mal einer Mutter in der 20. Schwangerschaftswoche, dass ihr Kind eine genitale Fehlbildung hat", sagt Kuhnle-Krahl, "das ist sehr hart." Eine Mutter sagte mal zu ihr: "Eltern, die ein Down-Kind haben, können zu allen gehen und weinen. Ich kann das nicht. Weil's so unaussprechlich ist."

Aber es gibt positive Beispiele, etwa eine Nürnberger Familie, die ihr Kind als Hermaphroditen aufziehen und später selbst entscheiden lassen will, ob er sich einem Geschlecht zugehörig fühlt. "Tja", sagt Kuhnle-Krahl, "klingt souverän. Aber was macht dieses Kind in der Schule? Auf welches Klo geht es? Und soll es bei den Jungs mitspielen oder bei den Mädchen?" Selb sagt, als er das hört, klar werde es schwer, "aber Rothaarige oder Brillenträger haben es ja auch schwer. Es geht darum, mit seiner Besonderheit zu leben. Und im Schulalter wird das Kind längst wissen, auf welches Klo es seiner Meinung nach gehört."

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SZ vom 28.10.2013/leja
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