Süddeutsche Zeitung

Geburtstag von Aenne Burda:Schnittmuster für Millionen

Generationen von Frauen folgten ihren Entwürfen, und als Verlegerin war sie eine Macht: Vor 100 Jahren wurde Aenne Burda geboren.

Anne Goebel

Als Andy Warhol 1973 nach Offenburg reiste, dem "Tor zum Schwarzwald", war der Fototermin in der Schanzstraße nicht ganz einfach. Warhol, in Jeans und mit schiefhängender Fliege, hatte die Dame des Hauses abzufotografieren als Vorlage für ein Porträt. Sie erschien im Gemusterten mit Perlenkette und war Auftritte vor Kameras in jeder Größe und Anzahl gewöhnt. Es scheint trotzdem eine Weile gehakt zu haben zwischen den beiden. Wahrscheinlich waren ihre Welten einfach zu verschieden, der schillernde Stern am New Yorker Popart-Himmel und die badische Eisenbahnertochter. Jedenfalls erinnerte sich Hubert Burda später, dass seine Mutter Aenne ein paar Anfeuerungen brauchte. "Mudder, jetzt schau halt mol wie Hollywood".

Danach ging's, und es ist ein schönes Bild geworden. Aenne Burda markant im Halbprofil, den Kopf herausfordernd im Nacken. Es ist eines der wenigen gemalten Porträts, auf denen sie sich gefiel - denn auch wenn sie nicht warm wurde mit Warhol, seinen Hunger nach Unverwechselbarkeit teilte sie. Niemals übersehen werden. "Brand yourself." Mach dich zur Marke. So hat Aenne Burda ihr ganzes Leben gelebt.

Ein Leben für die Mode

Natürlich war Aenne Burda, geboren am 28.Juli 1909, bei der Begegnung schon lange nicht mehr die Lokomotivführertochter. Sie war Großverlegerin, vielfache Millionärin, Herrscherin über Burda Moden, ihr 1950 gegründetes Blatt mit den Anleitungen zum Selbernähen. Mehr als zwei Millionen Auflage in 112 Ländern und 18 Sprachen, für Frauen rund um den Globus Inbegriff bezahlbarer Konfektion, der größte Modeverlag der Welt. Und das beste daran: Sie hat ihn selbst erfunden

Die Gattin von Franz Burda, Verleger mit ebenso goldener Hand, das war sie nur nebenbei. Sie hat sich selber nach oben gearbeitet, und in Offenburg ist man in den Tagen um ihren 100. Geburtstag herum besonders stolz auf "die Chefin", wie sie hier heißt. "Aenne Burda - Ein Leben für die Mode" heißt die Ausstellung im Museum im Ritterhaus, überall ist die Rede von ihrer Heimatverbundenheit. Und es ist ja auch wahr: Offenburg war ihr Lebensmittelpunkt. Hier wuchsen die Söhne Franz, Frieder und Hubert auf, hier haben Teile des Verlags, inzwischen zum Konzern "Hubert Burda Media" gehörig, noch ihren Sitz; hier wurde die Patriarchin beigesetzt im November 2005. Trotzdem, Aenne Burda wollte immer raus aus der Enge ihres Zuhauses.

Das klappte mit Schnittmustern, reichlich unglamourös also - es ist auch eine sehr deutsche Modegeschichte. Während die Franzosen nach dem Krieg ihrem Nationalhelden Christian Dior zu Füßen lagen wegen der vollkommenen Eleganz seiner Entwürfe, folgten die Frauen der Bonner Republik gelehrig der pragmatischen Vornäherin der Nation.

Die hatte daheim in Offenburg früh modisches Gespür bewiesen. Schon nach der vielversprechenden Hochzeit 1931 mit dem promovierten Franz Burda, Erbe einer ortsansässigen Druckerei, gehört die ambitionierte Anna mit ihrem Bubikopf zu den bestangezogenen Frauen. Später wird sie sich Aenne nennen, nach ihrem Lieblingslied "Ännchen von Tharau", aber mit apartem Umlaut. Stets auf gesellschaftliches Ansehen bedacht, sieht man die junge Familie auf Fotos feingemacht durch die Hauptstraße spazieren. Die Dame macht den Führerschein, kauft Seidenstrümpfe in Straßburg. Und der Herr hat eine Geliebte.

Sie wollte alles - und bekam es

Dass aus einer Demütigung am Ende Aennes großer Coup wird, gehört zu den Besonderheiten dieser Biographie. "Having it all", das hat die amerikanische Journalistin Helen Gurley Brown in den achtziger Jahren ihren Geschlechtsgenossinnen als dröhnende Devise ausgegeben: Sexappeal, schöne Kinder, vorzeigbarer Ehepartner, Karriere - bloß kein Feld den Männern überlassen. Aenne Burda benötigte vier Jahrzehnte vorher für solche Pläne keine Frauensolidarität. Sie wollte von ganz alleine alles. "Mein Streben ging immer nach Reichtum und Macht", sagte sie später in der Offenheit, die typisch für sie gewesen sein muss.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Aenne Burda die Affären ihres Mannes für sich nutzte.

Die Verletzung durch ihren untreuen Mann hat sie nicht still ertragen, sondern genutzt. 1949 lässt sich die Frau von Dr.Franz Burda als Wiedergutmachung für seine Affäre einen maroden Modeverlag schenken. Im Januar 1950 erscheint das erste Heft von Burda Moden. Sieben Jahre später erreicht die Auflage eine halbe Million Exemplare.

Frauen Appetit auf Mode machen

"Ein Frühlingstag macht Mariannes Herz froh und weit und gibt die richtige Stimmung, um ihr hinreißend elegantes Complet, das Schlagermodell für den Monat Mai, auszuführen." So heißt es in einer Burda Moden-Ausgabe von 1957. Es ist nicht überliefert, wie viele Frauen im zauberhaften Mai-Complet über die Bürgersteige der jungen Bundesrepublik schwebten, aber genau so funktionierte Aenne Burdas Idee: Frauen Appetit auf Mode machen. Nach den tristen Nachkriegsjahren war das Magazin die farbfotografierte Verheißung von Normalität, in der es endlich wieder dazugehörte, sich schön anzuziehen.

Wünsche wecken, die Erfüllung mitliefern, hieß das Erfolgsrezept. Aenne Burda hat erkannt, dass die im eigenen Studio inszenierten Bildstrecken - "Elegantes zur Cocktailstunde" oder "Frohe Jungmädchenzeit" - nur dann nicht als hohles Vorgaukeln einer Kunstwelt erscheinen, wenn die Anleitungen konkrete Nähhilfe leisten. Das Versprechen von Machbarkeit hat Burda Moden zur Komplizin gemacht, wo Luxusblätter wie Vogue mit Berichten vom Laufsteg in Paris nicht mehr waren als schnell verglühende Feuerwerke phantastischer Verkleidungen.

Der Erfolg gab der Verlegerin recht. Das Team aus Schneiderinnen, Grafikern, Redakteurinnen wuchs ständig; zwei Büroneubauten wurden während der Ägide der Chefin errichtet. Die Redaktion entwarf bis zu achtzig Modelle pro Heft samt dazugehörigem "Schnittmusterbogen", der für Laien einem gekrakelten Tohuwabohu aus Linien gleicht - die Kennerin rädelt treffsicher die Vorlagen für das gewählte Modell mit einem Schnittbogenrädchen aus.

Keine Experimente

"Aenne machte nicht auf Avantgarde", kommentierte Karl Lagerfeld die Kollektionen aus dem Hause Burda. Und wahrscheinlich kann man den Einfluss des stets maßvollen, man könnte auch sagen: braven Burda-Schicks auf den deutschen Modegeschmack nicht hoch genug einschätzen. Die Stilwächter an den Nähtischen orientierten sich zwar an den Trends der Modemetropolen, vor allem in den mondäner gehaltenen Sonderheften Burda International.

Aber entscheidend war immer "Tragbarkeit". Kein aufdringliches Dekolletée, Röcke nicht zu hoch geschlitzt, Hosen bis in die sechziger Jahre verpönt - das waren die Standards der ersten Hefte, und so ist es im Grunde bis heute gelieben: keine Experimente. Das erklärt den länderübergreifenden Erfolg des Hefts. Aber er ist längst nicht mehr so groß. 2007 betrug die weltweite Auflage 1,2 Millionen, 1989 noch vier Millionen. Damals hatte es die russische Ausgabe als erstes westliches Heft in die Sowjetunion geschafft. Inzwischen heißt das Magazin Burdastyle und wird hierzulande monatlich 150000 Mal verkauft.

Abgesehen davon, dass der Umgang mit Mode lässiger geworden ist, die richtige Rocklänge kein ernsthaft diskutiertes Thema mehr darstellt und die Einkleidung der Massen "Zara" oder "H&M" besorgen - vielleicht war der ganz große Erfolg von Burda an die Gründerin gebunden. Dankesbriefe aus allen Teilen der Welt in den Vitrinen der Offenburger Ausstellung machen deutlich, dass die Monatsnachrichten aus dem Schnittmusterreich auch wegen des Editorials samt Foto sehnsüchtig erwartet wurden. Aenne Burda teilte ihre Gedanken mit über Weihnachtsbräuche, die Tugend der Pünktlichkeit oder extrafeine Kochrezepte, und es war, als käme die patente Freundin ins Haus. Die FAZ schrieb passend von "seelischen Schnittmustern".

Schnelle Autos, schöne Kleider

1994 übergab Aenne Burda das Zepter an ihren Sohn Hubert. Sie war 85 und eine einflussreiche Frau, die mit ihrer Idee vom Schnittmustermagazin, mit Sonderheften und Kochbüchern "Geld verdient hat, wie Blätter an den Bäumen wachsen". So hat sie es selbst ausgedrückt. Ihr Anteil am Erfolg des Burdakonzerns ist unbestritten - für sie selbst war entscheidend: "Ich bin Burda Moden." An ihr vorbei schaffte es keine Rockfalte ins Heft.

1994 übergab Aenne Burda das Zepter an ihren Sohn Hubert. Sie war 85 und eine einflussreiche Frau, die mit ihrer Idee vom Schnittmustermagazin, mit Sonderheften und Kochbüchern "Geld verdient hat, wie Blätter an den Bäumen wachsen". So hat sie es selbst ausgedrückt. Ihr Anteil am Erfolg des Burdakonzerns ist unbestritten - für sie selbst war entscheidend: "Ich bin Burda Moden." An ihr vorbei schaffte es keine Rockfalte ins Heft.

Legendär sind ihre Wutausbrüche mit Herumtrampeln auf misslungenen Bildstrecken, die Inspektionen auf Betriebsfeiern: "Des isch aber ein schönes Kleidle." Sie hat sich Freiheiten genommen, schnelle Autos vergöttert, Hof gehalten in den Ferienvillen in Antibes und Anif; sie bewegte sich im Kreis der Reichen und der Politprominenz, wollte "immer die Schönste sein", auf Bällen, beim jährlichen "Bambi"-Medienrummel. Mit ihrem sizilianischen Liebhaber und Malerfreunden im Süden fand sie Ablenkung vom Wirtschaftswunderfraudasein.

Dieses Image ist sie nie losgeworden, und dazu passt ein schönes Foto von 1952. Aenne Burda beim "Rosencorso" in Baden-Baden, prämiert werden Dame und Auto. Ihr gelber "Rometsch" mit roten Lederpolstern ist nelkenübersät, die Fahrerin eine Schönheit mit Lippenstift und Hut. Das gab den zweiten Preis. Aenne Burda schwärmte noch im hohen Alter nie von diesem Auftritt, ohne den Kopf zu schütteln. "Warum ich nicht den ersten bekommen habe, weiß ich nicht."

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Quelle:
SZ vom 28.07.2009/aro/bre
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