Süddeutsche Zeitung

Alben der Woche:"Macht dich 'ne Pistazie locker?"

Wie man als Musiker mit der Pandemie umgehen kann. Ein Stück in mehreren Akten. Mit: Mine, Sufjan Stevens, Fatoni & Edgar Wasser und "Weezer".

Von Jakob Biazza

Mine - "Hinüber" (Caroline International)

Stimmt ja, es ist wirklich zäh gerade. Dieser ganze Zustand dehnt sich - zermürbend, nagend, bösartig. Die Berliner Songwriterin Mine hat es auf "Hinüber", dem Titelsong ihres neuen Albums (Caroline International), grad ganz gut formuliert: "Mein Kopf ist voll, die Füße kalt / die ganze Welt hat sich auf meine Brust gesetzt." Dunkles Stück, trübe Stimmung. Schwere Geigenvorhänge sperren das Licht aus. Popschlager-Traurigkeit beinahe, aber immer nur im Erstimpuls. Dann übernimmt wieder Mines famoses Gespür für Sprache und Ästhetik. Und irgendwann auch die Leichtigkeit. Man höre, dringend, den federleichten Pop-Minimalismus von "Eiscreme": "Steig auf meinen Lenker, Chopper / Macht dich 'ne Pistazie locker? / Apricot, Kokos, Haselnuss, Schoko / Ich mach gern' Promo für Frozen Joghurt". Das wird ein super Sommer.

Sufjan Stevens - "Convocations" (Asthmatic Kitty Records)

Wie man bis dahin als Musiker mit der Pandemie umgehen kann, Teil I: Atmen. Loslassen. Frei werden. Chakren. Sufjan Stevens veröffentlicht am Freitag fünf (fünf!) Alben auf einmal. Auf dem Papier. Wenn man ehrlich ist, ist es womöglich eher nur ein Album, und wenn man ganz ehrlich ist, vielleicht auch einfach nur ein sehr langer Song. Denn Stevens, den man an sich lieben, seit seinem Familiengeschichten-Verarbeitungsmeisterwerk "Carrie & Lowell" aber eigentlich vergöttern muss, hat eine Art Meditationsalbum geschrieben. "Convocations" (Asthmatic Kitty Records) ist unterteilt in die Einheiten "Meditation", "Lamentation", "Revelation", "Celebration" und "Incantation", damit insgesamt zweieinhalb Stunden lang und, nun ja, vermutlich irgendwie tantrisch oder so - aber halt schon auch gleichförmig. Anders gesagt: Wenn man sich unbedingt ein Album mit bläwolkigem Synthie-Gesäusel zulegen möchte, dann sollte das freilich unbedingt von Sufjan Stevens sein. Aber der Vorgang an sich ist eben doch grundfalsch.

Fatoni & Edgar Wasser - "Delirium" (LOL Records / Groove Attack)

Wie man als Musiker mit der Pandemie umgehen kann, Teil II: Meint in diesem Teil allerdings die pandemisch grassierende Blödheit der Welt und der Menschen. Konkreter: Rechtsruck, Frauenhass, Verschwörungsmythen, Cancel-Culture-Gewimmer. Also: Vollgas-Ironie. Also: Fatoni & Edgar Wasser. Die beiden klingen auf "Delirium" ein wenig, als würde der Satiriker Nico Semsrott, zu gleichen Teilen manisch und depressiv, Gangsta-Rap machen - also ziemlich lustig, wenn manchmal auch ein bisschen brachial. Beispiel: "Alle elf Minuten, alle alle elf Minuten, alle elf Minuten - fick' ich deine Mutter." Um den womöglich etwas in Vergessenheit geratenen Twitter-Account mal wieder heranzuziehen: "Das ist witzig, weil ..." sie das natürlich alles ganz anders meinen.

Weezer - "Van Weezer" (Warner Music)

Was zum Schluss zu Weezer führt, die auf ihrem von einigen sehr sehnlich erwarteten Album "Van Weezer" (Warner Music) - ganz unabhängig von Pandemie und Weltblödheit - jetzt Metal machen. Was bei den Kaliforniern natürlich heißt: eine (sehr ernst gemeinte) Persiflage von Metal. Was ganz genau genommen heißt, dass es zwar schon irgendwie Metal ist, aber gleichzeitig wirklich grandios strahlende Pop-Refrains und Strophen-Schmeicheleien hat. Kann man sich, nun ja: hart drauf freuen.

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