Süddeutsche Zeitung

Die Literatur-Kolumne:Was lesen Sie?

Lesezeit: 3 min

In unserer Interviewkolumne fragen wir bekannte Persönlichkeiten nach ihrer aktuellen Lektüre. In dieser Folge: Eva Geulen.

Von Miryam Schellbach

Die Betrachtung und Untersuchung von Büchern ist Eva Geulens Profession. Die Literaturwissenschaftlerin ist Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin, zuletzt erschien von ihr mit "Aus dem Leben der Form" eine Studie zu Goethes Morphologie.

SZ: Frau Geulen, was lesen Sie gerade?

Eva Geulen: Henry David Thoreau, "Walden, or, Life in the Woods" von 1845. Mir war schon vor Abflug an die Ostküste der USA klar, dass nach einer Woche Sommerschule in New Haven zu Schreib- und Leseszenen (von Quintilian bis Hip-Hop) ein Kontrastprogramm fällig sein würde, das Buch war vorsorglich im Gepäck. Walden Pond liegt außerdem auf dem Weg nach Deer Isle, Maine, wo im Anschluss an die Sommerschule eine Woche Familienurlaub anstand. So ging der Besuch der legendären Stätte der Lektüre voran. Der genius loci blieb aus, aber die Lektüre hält, was ich mir versprochen hatte: Thoreaus Auskünfte über seine Zeit im Wald am See sind nämlich keine romantische Weltflucht in "wilde Natur": "I am not a hermit". Der Autor macht stattdessen die Probe aufs Exempel, ob ein Leben der "simplicity" unter modernen Bedingungen möglich ist, in Hörweite der Eisenbahn und nur wenige Kilometer vom städtischen Concorde, Massachussetts entfernt. In meiner Lesebiografie bildet dieser Text ein viel zu lange vernachlässigtes Bindeglied zwischen Goethes Naturforschungen und Stifters Prosa. Vieles findet man bei Thoreau wieder, aber die Bandbreite seiner Tonlagen ist größer. Sinn für bis zum Zynismus gehenden Humor haben weder Stifter noch Goethe.

Bettlektüren sind oft rezeptfreie Schlafmittel. Welches Buch hat Sie in letzter Zeit wach gehalten?

Patricia Highsmiths kürzlich erschienene Tagebücher: ein dicker Brocken, aber durch die Datierung sehr überschaubar. Die täglichen Protokolle einer angehenden lesbischen Schriftstellerin im New York der 40er Jahre sind eine seltsame Mischung aus Kühle und Intimität.

Was haben Sie zuletzt aus einem Buch gelernt, das Sie vorher nicht wussten?

Stefan Bollmann hat unter dem Titel "Der Atem der Welt" kürzlich eine Goethe-Biografie vorgelegt, die Goethes Leben fast ausschließlich anhand seiner Naturforschung erzählt, im Abgleich mit dem Stand der damaligen Forschung einerseits und heutigen Überlegungen andererseits. Dort habe ich viel über Geologie und Elektrizität gelernt, aber auch, dass Goethe sich gerne Geräte oder Bücher auslieh, die er entweder gar nicht oder nur sehr spät wieder zurückgab.

Haben Sie sich schonmal mit jemandem wegen eines Buches zerstritten (oder fast) und wegen welchem?

Im Frühjahr hatte eine Genfer Kollegin zu einer Tagung über das Fragen in der Literatur eingeladen. Mein Gegenstand war Peter Handkes 1989 erschienenes Theaterstück "Das Spiel vom Fragen oder die Reise zum sonoren Land". Zwei Freunde kritisierten meine Entscheidung. Sie kannten den Text nicht, fanden es aber unmöglich, sich in diesen Zeiten mit diesem Autor zu beschäftigen. Bevor der Streit zu heftig wurde, habe ich die Diskussion abgebrochen und den Vortrag geschrieben.

Ein nicht gelesener Klassiker?

Cervantes' "Don Quichotte". Ich kannte einzelne Episoden und Stellen, aber ich habe das Ganze nie am Stück gelesen. Am ZfL gibt es eine Lesegruppe, die sich schon länger nur mit nicht so leicht zu bewältigenden Texten beschäftigt, etwa Foster Wallaces Roman "Infinite Jest", den ich alleine auch nie zu Ende gelesen hätte. Das Jahresthema des ZfL lautet seit dem Sommersemester "Gegenwelten", und die Gruppe hat sich in diesem Zusammenhang dankenswerterweise für Cervantes' Roman entschieden. Man lernt schnell, wie schwierig es mit den Gegenwelten ist und wie viele es offenbar gibt.

Können Sie uns in zwei, drei kurzen Sätzen erklären: Was ist der Zusammenhang von Goethe und einem, sagen wir, Hamster?

Goethe hatte ein gespaltenes Verhältnis, zu den von ihm als "lüderlich" bezeichneten Pflanzen- oder Tierarten, bei denen das Verhältnis von Art und Unterart besonders diffus und die Art besonders vielgestaltig ist. Die Faszination bestand darin, dass sie ältere Klassifikationssysteme in Frage stellten. Die Irritation bestand darin, dass der nach Goethe alle Metamorphosen hegende 'Typus' zu fehlen schien. Dass der "unförmige Biber im Ufersumpf" und das grazile "Eichhörnchen in luftiger Höhe" derselben Gruppe der Nagetiere angehören sollten, war weder mit dem gängigen Fachwissen noch mit der eigenen Metamorphosetheorie adäquat zu erklären, zumal das relevante Merkmal der namengebenden Schneidzähne im Oberkiefer keineswegs die erwartete Funktionalität aufwies. Des Nagers "fortgesetztes fast krampfhaft leidenschaftliches, absichtsvoll zerstörendes Knuspern" hat Goethe schwer zu schaffen gemacht. In einer Rezension zu der 1823 und 1824 erschienenen vergleichenden Studie zu den Skeletten der Nagetiere von D'Alton hat er sich dazu geäußert. Diesen Text habe ich zum Ausgangspunkt meiner Lektüren von Goethes "Heften zur Morphologie" gemacht.

Sie haben lange auch Germanistik in Amerika gelehrt. Was ist der größte Unterschied zwischen der dortigen Germanistik und der hiesigen?

Man liest und schreibt anders. Schon im BA-Studium werden Studierende in den USA in die Stellenlektüre eingeübt (vor allem anhand von Klassikern wie etwa den homerischen Epen oder der Bibel) und entwickeln so nicht nur gute Techniken der Textbeobachtung, sondern auch einen flüssigen Schreibstil. Dass gerade kanonische Texte eine sehr lange Rezeptions- und Forschungsgeschichte haben, wird dabei weitgehend ausgeblendet. Mit dem "Stand der Forschung" (oder, in jüngerer Zeit, der Theorie ) und der Methode fängt aber in Deutschland die Wissenschaft im Studium an und hört damit leider häufig auch auf. Das ist natürlich etwas vergröbert, aber die eine Fachkultur hat jeweils, was der anderen fehlt.

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