Süddeutsche Zeitung

Wanderausstellung "David Bowie" in Berlin:Im Kosmos des androgynen Pop-Halbgotts

Die internationale Wanderausstellung "David Bowie" macht Station in Berlin. Dass die Retrospektive gar nicht erst versucht zu ergründen, was sich hinter dem blendenden Schimmer des Künstlers verbirgt, macht nichts. Im Gegenteil.

Wenn es jemandem zuzutrauen ist, dass er eine Einzelausstellung von Ai Weiwei zu einer weiteren Dimension seiner eigenen Inszenierung macht, dann ist das David Bowie. Die große Londoner Wanderausstellung "David Bowie", die gestern im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet wurde, strahlt jedenfalls unweigerlich auf Ai Weiweis Schau "Evidence" ab, die im selben Haus zu sehen ist. Neben dem Glam-Spektakel wirkt die politische Kunst des chinesischen Weltkünstlers nicht mehr ganz so universal, sondern sehr viel, nun ja - ostiger.

Der Nachbau einer chinesischen Gefängniszelle findet sich jetzt neben dem Kosmos eines androgynen Pop-Halbgotts wieder, der schon als 26-Jähriger eine Visagistin beschäftigte, die sich mur um seine Fingernägel kümmerte. Auch dass direkt neben dem Martin-Gropius-Bau noch ein Stück der Berliner Mauer steht, könnte zum Plan gehören: 1987 hatte David Bowie über genau diese Mauer eine Rede zur Freiheit an die Ostdeutschen gerichtet. Im Jahr 2014 nimmt - als unfreiwilliger Stellvertreter Chinas - Ai Weiwei die Botschaft entgegen. Was auch erklären könnte, warum bei der Eröffnung Außenminister Frank-Walter Steinmeier (unten) gesichtet wurde.

Keine gute und schlechte Ästhetik

Dabei gehört es ebenso zu dem ephemeren Gesamtkunstwerk namens "David Bowie", dass es sich auch über die Fundamentalismen des Westens erhebt, also etwa über die herrschenden Identitätsregime oder einfach auch mal über Rock 'n' Roll. Es ist eben nicht so, dass man nicht aus seiner Haut kann. Man kann zum Beispiel einfach Ziggy Stardust sein. Und Rock 'n' Roll hat eben auch in den Sechzigerjahren niemanden befreit, sondern ist schon damals - als David Bowie noch David Robert Jones hieß - durch ein starres Regelkorsett aufgefallen.

In der Ausstellung ist es nun das Jahr 1968, in dem der junge Liedermacher aus Brixton in London versteht, dass es keine gute und schlechte Ästhetik gibt, sondern dass - von oben besehen - letztlich alles Klang, Farbe und Sehnsucht ist, und dass am Ende der gewinnt, der von alldem am meisten auf die Bühne bringt.

1968 war auch das Jahr, in dem die Menschheit zum ersten Mal ein Bild sah, das den Planeten als Ganzes zeigte. Im Jahr darauf erschien Bowies Song "Space Oddity", in dem er die Geschichte von "Major Tom" erzählt: In einer kleinen Blechdose irgendwo über dem Mond schwebend erblickt der Astronaut den Planeten in seiner ganzen Schönheit und erschrickt so, dass er umgehend zum Buddhisten wird. "Planet earth is blue / and there is nothing I can do". Millionen Radiohörer, die in ihrer eigenen Blechdose von Chevrolet oder Volkswagen zufällig auf diese Zeilen stießen, atmeten auf und verfielen augenblicklich dem neuen Propheten.

In den Jahrzehnten danach löste sich der Sänger so lange in unzähligen Identitäten auf, bis nur noch seine Allgegenwart übrig blieb. Dass diese Ausstellung gar nicht erst versucht, zu ergründen, was sich hinter dem blendenden Schimmer verbirgt, sondern selbst Teil des überlebensgroßen Glitzergewitters namens Bowie wird, ist deshalb die vollkommen richtige Entscheidung.

David Bowie, Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 10. August.

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SZ vom 21.05.2014/ina
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