Süddeutsche Zeitung

Cellist Heinrich Schiff:Der Energiespender

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Heinrich Schiff war einer der prägenden Cellisten und Musiker der vergangenen Jahrzehnte - eine 21-CD-Box präsentiert nun seine wichtigsten Aufnahmen.

Von Harald Eggebrecht

Will man Heinrich Schiffs Celloton beschreiben, dann fällt eine Grunderregtheit auf, der es in allerletzter Konsequenz ein wenig an klanglicher Gelassenheit fehlt, was nicht als Makel verstanden sein, sondern nur der Differenzierung dienen soll. Innerhalb dieses Tonbildungsraums verfügte Schiff allerdings über ein grenzenloses Variationspotenzial von heftigster Attacke bis zu tonlosem Ersterben, von romantischem Fieber bis zu konstruktiver Klarheit, von barocker Leichtigkeit bis zum mitreißenden Wärmestrom. Als er 2016 starb, verlor die Musikwelt einen der großen musikalischen Energiespender nicht nur seiner Zeit.

Schiff wurde 1951 im österreichischen Gmunden geboren, mit sechs Jahren begann er auf dem Klavier und wandte sich unter Anleitung des Vaters mit zehn dem Violoncello zu. Er studierte in Wien bei Tobias Kühne und in Detmold bei André Navarra. Navarras Bogentechnik, die dem Celloton Konsistenz und Präzision in allen Lagen und dynamischen Registern geben soll, eignete sich Schiff bezwingend an. 1971 debütierte er in Wien und in London. Danach entwickelte sich seine Karriere unaufhaltsam. 1983 spielte er erstmals in den USA beim Cleveland Orchestra unter Colin Davis. Schiff hat mit allen großen Orchestern konzertiert, mit den größten und schwierigsten Dirigenten musiziert, etwa mit Sergiu Celibidache genauso wie mit Nikolaus Harnoncourt, mit Michael Gielen oder Claudio Abbado, Mariss Jansons oder Esa-Pekka Salonen und anderen.

Dabei war Schiff nicht nur imponierender Cello-Virtuose, begabter Dirigent und großartiger Lehrer, sondern stand mitten im Leben. So wandte er sich am 22. März 2003 im Münchner Herkulessaal zuerst an das Publikum, bevor er das Münchener Kammerorchester in Mozarts Es-Dur-Symphonie dirigierte. "In tiefer Betroffenheit" habe man sich trotz des Beginns des Irak-Krieges doch zum Konzert entschlossen. Das Publikum applaudierte anerkennend. Heinrich Schiff stellte sich der Komplexität der Verhältnisse und war aufgewühlt von der Fatalität der Kriegsentscheidung der USA.

21 CDs zeigen Wandlungsfähigkeit und Lebendigkeit ohne jede Masche

Die bei Decca erschienene Box versammelt auf 21 CDs jene Aufnahmen von Konzerten und Kammermusik, die Schiff für die Deutsche Grammphon und Philipps in den Achtziger- und Neunzigerjahren gemacht hat. Von Camille Saint-Saëns und Édouard Lalo bis Witold Lut0sławski oder Bernd Alois Zimmermann, von Beethovens Sonaten bis zu Alfred Schnittkes Streichtrio, von Haydns bis zu Schostakowitschs Konzerten zeigt sich die Wandlungsfähigkeit und die immer glühende Einsatzfreude, manchmal der geradezu explosive Impetus, mit denen Schiff diese so grundverschiedenen Musikwelten gestaltete, dabei stets auf höchste Lebendigkeit bedacht. Schiff präsentierte also nie eine Art Stil-Passepartout oder Masche, mit der er die Stücke hätte überziehen und ähnlich machen können.

Seine Erfahrungen mit der historisch orientierten Aufführungspraxis zeigen sich an Vivaldi-Konzerten oder den beiden Konzerten von Joseph Haydn. Dass er auch den großen romantischen Ton der russischen Musik beherrschte, beweisen die Aufnahmen von Sergei Rachmaninows Sonate mit der Pianistin Elisabeth Leonskaja oder von Sergei Prokofjews mächtiger Sinfonia concertante mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra unter André Previn.

Edward Elgars schwermütiges Konzert etwa wird gern als depressiv klagende Abschiedsmusik dargeboten, oft bis ins unangenehm Sentimentale hinein. Doch Schiff orientierte sich an der Aufnahme von 1928 mit der britischen Cellistin Beatrice Harrison, die das Stück unter Leitung des Komponisten zügig und versammelt, nicht tränenreich gespielt hat. Schiffs schäumendes Temperament erfüllte die Melancholie dieses Werkes mit aufregender Zuspitzung, die nicht an weinerliches Klagen, sondern fast an zorniges Aufbegehren denken ließ. So hat er es öffentlich gespielt, und davon kündet auch die Einspielung mit der Sächsischen Staatskapelle unter Neville Marriner. Oder Dmitri Schostakowitschs Konzerte glückten mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Maxim Schostakowitsch deshalb beispielhaft, weil Schiff das erste als enorm rauen Parforceritt bot und den Charakter des zweiten genau traf, das von Trauer und jener Ironie und jenem giftigen Charme durchdrungen ist, den Schostakowitsch entfalten kann, um nicht Verzweiflung und Wut laut herauszuschreien.

Mit brennender Intensität und physischer Hingabe spielte Heinrich Schiff immer, der zu den Exaltierten, manchmal auch positiv Hysterischen zählen konnte. Er kannte keine Grenzen des Repertoires und keine Grenzen der musikalischen Erkenntnis. Deshalb hat er sich bei Nikolaus Harnoncourt mit Barockspielweisen beschäftigt oder Friedrich Guldas kauziges, inzwischen geradezu populäres Cellokonzert unter dessen Leitung mit rhythmischen Witz und unverstellten Humor uraufgeführt. Der Spaß an dieser Stilmixtur überträgt sich in der Aufnahme mit dem Wiener Bläserensemble unmittelbar. Antonin Dvořáks Konzert, gewissermaßen das Cellokonzert aller Cellokonzerte, verstand Schiff Ende der Achtzigerjahre in einer denkwürdigen Aufführung mit Celibidache und den Münchner Philharmonikern als große Sinfonia concertante für Violoncello und Orchester. Auch die beiden Aufnahmen in dieser Box, einmal mit den Berliner Philharmonikern unter Bernard Haitink, zum anderen mit den Wienern unter André Previn, zeigen diesen Ansatz unmissverständlich.

Natürlich beschäftigte er sich mit neuen Stücken und ihren Komponisten. So hat er etwa mit Luciano Berio, Hans Werner Henze, Ernst Krenek, Witold Lutosławski, Krzysztof Penderecki oder Wolfgang Rihm zusammengearbeitet. In einem Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten 2006 wies er darauf hin, dass er keine "Schreckenskonzerte" mache, aber jedes Konzert "mit Ungewohntem würze": "Musikhörer vor 250 Jahren hat überhaupt nur das Neue interessiert." Bedeutsamer als sein Faible fürs Dirigieren war seine Wirkung als großartiger Lehrer, denn auch hier packte er mit unwiderstehlicher Intensität seine Schüler und führte sie ins Zentrum der Musik. Schiff spielte nicht so sehr vor, sondern er zeigte, demonstrierte, fragte nach, forderte und beobachtete, aber er wollte keine Imitation. Davon haben unterschiedlichste Talente profitiert.

Es wäre sehr zu wünschen, auch die zahlreichen Live-Mitschnitte von Schiff-Auftritten zu veröffentlichen und Einspielungen bei anderen Labels wieder zu präsentieren. Denn in dieser Box fehlt der großartige Bach-Spieler, der Wiederentdecker des sperrigen Arnold-Schönberg-Konzerts oder der eleganten Cellokonzerte des belgischen Violinvirtuosen und Komponisten Henri Vieuxtemps. Und neben vielem anderen nicht zu vergessen, die Duos, die er mit dem großen Geiger Frank Peter Zimmermann aufgenommen hat. Das Heben des klingenden Erbes des Meistercellisten und musikalischen Energiespenders Heinrich Schiff hat also mit dieser eindrucksvollen Box erst begonnen.

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