Süddeutsche Zeitung

Neues Album der Songwriterin Torres:Bis die Gitterstäbe brechen

Niemand verbiegt dem alten Onkel Rockmusik gerade so schön die Gitarre wie die amerikanische Songwriterin und Sängerin Mackenzie Scott alias Torres.

Von Julian Dörr

Einer der großen Momente der aktuellen Gitarrenmusik braucht gar keine Gitarre. "Are you planning to love me through the bars of a golden cage?", fragt die amerikanische Songwriterin Mackenzie Scott, besser bekannt als Torres, in der ersten Zeile ihres neuen Albums "Silver Tongue" (Merge Records). Und mindestens genau so wichtig wie das, was sie singt, ist in diesem Fall das Wie. Während die Drumcomputer in der Ferne über einen See aus Hall tuckert, setzt Scott in hauchig-hohen Tönen an: "Are you planning. . ." Aber schon nach der ersten Hälfte des Satzes lässt sie ihre Stimme kippen, die Worte purzeln die Tonleiter hinab, bis die Gitterstäbe des goldenen Käfigs zum sanften Bass brummen.

Dieser Tonsturz, der Abstieg von luftig-zarten Höhen in vibrierende Tiefen innerhalb eines einzigen Satzes, ist ein klassischer Torres-Moment. Und er steht für ihre ganze Musik, die man vielleicht Art-Rock nennen kann, unbedingt aber als Gitarrenmusik begreifen sollte, auch wenn die Gitarre hier nicht mehr den Ton angibt. Denn nur dann wird einem wirklich klar, mit welcher innovativen Kraft Scott die Klischees und Stereotype dieses von Männern dominierten Genres zerlegt.

Das Spektrum, das Scott in ihren stürzenden Sätzen mit Tönen abschreitet, findet seine Entsprechung im Spiel mit den Geschlechtsidentitäten. Der goldene Käfig, aus dem Scott in den ersten Zeilen von "Good Scare" singt, ist natürlich ein sehr altes Bild weiblicher Unfreiheit und Unterdrückung. Die Frau als Ziervogel, ein Haustier, hübsch anzusehen, aber ohne eigenen Willen. Nur eine Strophe weiter nimmt die Geschichte allerdings eine ganz andere Wendung: (Stimme hoch) "I'd sing about" (Stimme runter) "knockin' you up under Tennessee stars" (hoch) "in the bed of" (runter) "my red Chevrolet". Das Ich, das eben noch im goldenen Käfig saß, schwelgt nun in Macho-Sexfantasien.

Die Musik von Torres ist ein beständiges Dazwischen

So wie Scott durch ihre Melodien gleitet, bewegt sie sich auch durch Perspektiven. Jede Festlegung, jede eindeutige Zuschreibung ist trügerisch. Und kann schon im nächsten Moment gebrochen werden. Das erzählende Ich in Torres-Songs ist dabei keineswegs geschlechtslos. Im Gegenteil. Scott schöpft aus der vollen Klischeekiste der Geschlechterlyrik: "I tend to sleep with my boots on", heißt es zum Beispiel in "Dressing America".

Immer bereit zum Absprung, zum Aufbruch. Ein typisches Männerbild. Oder nicht? Der gefühlte Widerspruch in Scotts Songs ist das Ergebnis unserer gelernten Wahrnehmung, unserer begrenzten Vorstellung von Rollenprosa, die einen hier mächtig in die Irre führen kann. Denn in der Musik von Torres gibt es eben nicht diese vermeintlich trennscharfe Binarität, nach der die Welt geordnet ist, eben kein Entweder-oder von Männlichkeit und Weiblichkeit, sondern vielmehr ein beständiges Dazwischen, das mal in die eine, mal in die andere Richtung strebt.

Das klingt extrem verkopft. Und wird dem Sound von "Silver Tongue" wiederum ganz und gar nicht gerecht. Der hat sein Kraftzentrum nämlich einige Etagen tiefer. "Last Forest" erzählt vom Begehren im Allgemeinen, von heißen Augustnächten, Hüften und vielleicht auch Schamhaaren im Speziellen.

Die Liebe in all ihren Stadien

Und wie Scott dazu die phallische Gitarre malträtiert, mit ihr an der Schwelle zur Dissonanz sägt und dabei den übersexualisierten Mackergestus dieses Instruments kopiert und gleichzeitig verkehrt, ist das ein großer Hörspaß. So gut verbiegt dem alten Onkel Rockmusik vielleicht gerade nur noch Annie Clark alias St. Vincent die Penisverlängerung.

Nun führt die Auflösung von Mustern und Strukturen oft zu einer gewissen Kühle, zu einem Schritt zu viel in die Abstraktion. Nicht so bei Scott. Indem sie rackert und rüttelt, zerlegt und zertrümmert, steigert sie nur die Intensität. Scott kocht Klischees ab bis nur noch die Gefühle dahinter übrig sind, in ihrer reinen, hochkonzentrierten Form: Leidenschaft und Begehren ("Last Forest"), Trennungsschmerz ("Good Grief"), Einsamkeit ("A Few Blue Flowers") und Eifersucht ("Two Of Everything").

Was an dieser Aufzählung unschwer zu erkennen ist: Scott hat mit "Silver Tongue" ein Konzeptalbum über die Liebe in all ihren Stadien geschrieben. Und natürlich darf da ein klassischer Love-Song nicht fehlen, etwas zum Schmachten, ganz ohne Netz und doppelten Ironie-Boden.

Dieser Song heißt "Gracious Day" und ist schon jetzt eines der schönstes Liebeslieder des noch jungen Jahres. Die Gitarre prickelt unverzerrt, ein paar zärtliche Bläsern atmen im Hintergrund. Und für einen ganz kurzen Moment erhebt sich eine neue Eindeutigkeit aus der Uneindeutigkeit des Lebens: "I don't want you going home anymore / I want you coming home", singt Scott. Ich will nicht mehr, dass du nach Hause gehst. Ich will, dass du nach Hause kommst.

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SZ vom 05.03.2020/tmh
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