Süddeutsche Zeitung

Theaterprojekt über Waffenhandel:"Jemand will dich töten!"

Tee trinken mit Waffenhändlern, in Deckung gehen vor dem Kugelhagel: Der Zuschauer erlebt in einer Berliner Theater-Installation hautnah, was er sonst nur gemütlich vor dem Fernseher verfolgt.

Plötzlich steht man da, an der Grenze von Gaza, morgens um halb vier, unter dem schwarzen Nachthimmel. "Los komm, leg' dich hin! Wir müssen in Deckung gehen", sagt Amir Yagel, der hier über die Grenze wacht. Es klingt wie ein Befehl, dem man nicht gehorcht, weil sich da so ein ungutes Gefühl breitmacht im unteren Bauchraum. Die Angst, man müsste vielleicht gleich auf jemanden schießen. "Na los! Hinlegen!", schreit Yagel, dann flüstert er: "Pass auf, jemand nähert sich, jemand will dich töten!" Es ist der Moment, in dem das eigene Gewissen aufgibt.

Der Zuschauer ist kein Zuschauer, auch wenn er es allzu gerne wäre an manchen Stellen der multimedialen Erlebnissimulation "Situation Rooms" des Künstlerkollektivs Rimini Protokoll. Die Szenerie im Berliner Theater Hebbel am Ufer lässt keinen Raum für Distanz, die Besucher erleben Krieg, Mord und Waffengeschäft hautnah und ungeschönt. Als Vorlage dient die Realität: 20 Menschen aus aller Welt erzählen in dem Parcours ihre Geschichten, die alle geprägt sind von Krieg und Waffen. Der Zuschauer, der keiner mehr ist, schlüpft in ihre Rollen.

Zusammen mit Amir Yagel steht er an der Grenze zu Gaza. Yagel, Soldat der israelischen Streitkräfte, erscheint genau wie alle anderen Protagonisten auf dem iPad, das den Besucher durch die Installation leitet. Über Kopfhörer hört er die Stimme der Protagonisten. Die Kulisse ist die gleiche wie die auf dem Bildschirm, die Grenze zwischen Realität und Installation verschwimmt. Wie Yagel wirft sich auch der Besucher auf den Boden, um nicht erschossen zu werden. Angst, Skrupel, Beklemmung - diese Gefühle stellen sich ganz von selbst ein bei diesem Rundgang durch unbekanntes Terrain.

Was sonst weit weg ist, kommt hier unausweichlich nah

Sieben Minuten, dann wechselt die Perspektive: Eben noch verkaufte man gemeinsam mit einem Unternehmer, der sein Geld mit schusssicheren Westen verdient, Kriegsmontur auf einer Waffenmesse. Im nächsten Moment duckt man sich zusammen mit dem neunjährigen Yaoundé Mulamba Nkita unter den Tisch in seiner Grundschule im Kongo, hört die Schüsse der Rebellen und erlebt, wie der Schüler zum Kindersoldaten gemacht wird. Kriegt unausweichlich das mit, was Menschen in Deutschland sonst nur aus nüchterner Distanz sehen, wenn sie gemütlich auf der Couch vor dem Fernseher sitzen.

Als Politiker schüttelt der Besucher die Hand von General Al-Salech, Chefeinkäufer der saudischen Armee. Noch Stunden später wird er sich fragen, wieso er ihm den Gruß nicht einfach verweigert hat. In der Situation der Szenerie hat sich die Frage nicht gestellt, später muss er die Konflikte mit sich selbst austragen: Hätte ich im Schießstand nicht auf diese Scheibe schießen sollen? Weil die Anweisung dafür von einem Sportschützen kam, der von der Waffenfirma Heckler & Koch gesponsert wird? "Ich nehme mal an, du hast noch nie geschossen", hatte er gesagt, und dann erklärt, dass man sich am besten breitbeinig hinstellt, die Waffe fest in der Hand hält und die Kraft aus den Unterarmen holt.

Es ist nicht nur die Frage nach der eigenen Rolle, die sich der Besucher während und nach dem Rundgang stellt, sondern auch die nach der Rolle des eigenen Landes. Deutschland ist der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt, nach den USA und Russland. Die Firma Heckler & Koch aus Oberndorf gehört zu den größten Pistolen- und Gewehrherstellern der Welt, von hier aus werden Waffen in 80 verschiedene Länder exportiert. Alle vierzehn Minuten wird ein Mensch mit einem Gewehr von H & K erschossen; auch diese Informationen werden eingestreut.

Tee trinken mit Waffenhändlern

Und dann steht man plötzlich vor dem Spind von Marcel Gloor, macht den Schrank auf, zieht seinen blauen Werkzeugkittel an und steht an seiner Werkbank. Früher hat der Werkzeugmacher Waschmaschinenteile produziert, jetzt High-Tech-Waffenteile. Für Gloor macht das keinen Unterschied, die Arbeit ist immer dieselbe, sagt er: bearbeiten, verputzen, schlossern, ausmessen.

Gloor ist ein netter älterer Mann mit grauem Haar. Er macht seine Arbeit gut. Nach Feierabend schaut er gerne Tagesschau, einmal, es war während des Ersten Golfkriegs, haben sie da gezeigt, wie Teheran verteidigt wurde - mit den Geschützen, die er produziert hat - für den Schah. Da konnte er seiner Frau endlich mal zeigen, wie die funktionieren. Zwischen Besuchern und Protagonisten entsteht während des Rundgangs eine Nähe, die irritiert.

Trotzdem bleibt am Ende die Frage, um die sich alles dreht: Wer ist denn nun eigentlich schuld an diesem System, diesen Kriegen, diesem Töten?

Zu Beginn des Rundgangs, als alle Besucher noch ohne iPad und Kopfhörer da standen, hatte einer der Organisatoren gesagt: "Sie werden vielleicht aufgefordert werden, eine Tasse Tee zu trinken oder Hände zu schütteln. Wir bitten Sie, dem Folge zu leisten, davon lebt Situation Rooms." Nach eineinhalb Stunden Rundgang erscheint eine Anweisung auf dem iPad: "Komm mit!" Die Besucher werden in einen großen Konferenzsaal gelotst, sie drehen ihre Bildschirme um, blicken in die Gesichter der anderen Besucher und auf die der Protagonisten auf den I-Pads. Das ist wohl die Essenz: Das System erhält sich selbst - solange jeder einzelne mitmacht.

Die Erlebnissimulation "Situation Rooms" des Künstlerkollektivs Rimini Protokoll ist vom 17. bis 22. sowie vom 27. bis 30. Dezember 2014 und vom 2. Bis 11. Januar 2015 jeweils um 17, 19 und 21 Uhr im HAU 2, Hallesches Ufer 32, in Berlin zu sehen. Eine Anmeldung ist erforderlich.

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