Süddeutsche Zeitung

Theater-Regisseurin Anna Bergmann:Wir brauchen Anarchie

Warum wird eine "Scheiß-Inszenierung" beklatscht? Regisseurin Anna Bergmann über die Schwierigkeit, seinen Idealismus in der Theatermaschinerie zu bewahren.

Wofür wird eigentlich noch Theater gemacht? Von wem und warum? Anna Bergmann, 32, ist ein Paradebeispiel des modernen Theaterbetriebs: erfolgreich, umworben, professionell gemanagt. Die Regie-Absolventin der Ernst-Busch-Schule inszenierte in der zurückliegenden Saison am Schauspielhaus Bochum, in Oldenburg, am Thalia Theater Hamburg und am Maxim Gorki Theater Berlin, in der kommenden Saison wird sie unter anderem am Münchner Volkstheater inszenieren. Dennoch sieht sie das System, dem sie ihre berufliche Existenz verdankt, immer kritischer. Innenansichten aus der rotierenden Theatermaschinerie.

SZ: Sie inszenieren an einer wichtigen Bühne nach der anderen, man könnte meinen, alles liefe bestens für Sie.

Anna Bergmann: Natürlich bin ich privilegiert, weil ich einen Beruf ausübe, den ich liebe. Ich profitiere vom deutschen Stadttheatersystem. Aber gleichzeitig bemerke ich, dass mit diesem System etwas nicht stimmt. Theater wird immer mehr zu einem Ort, an dem es um Bilanzen geht statt darum, was künstlerisch gezeigt wird. Nehmen Sie meine Inszenierung "Bunbury" vom Thalia Theater, die zum Festival Radikal jung nach München eingeladen wurde. Eine Scheiß-Inszenierung. Warum wird gerade die eingeladen? Ich habe große Stücke in der Provinz inszeniert, aber nie ist irgendjemand von einem größeren Haus angereist und hat sich eine Arbeit von mir angeschaut. Es werden immer nur die gleichen großen Eckpfeiler Deutschlands abgeklappert. Und daraus soll sich der Regienachwuchs entwickeln?

SZ: Sagten Sie Scheiß-Inszenierung?

Bergmann: Ja, ich bin da ganz offen. Wir sind nicht zueinander gekommen, die Schauspieler, ich, das Stück. Joachim Lux, der Intendant, wollte seinen Wiener Erfolg dieses Stückes mit Falk Richter wiederholen, inklusive derselben Musik von Rocko Schamoni. Auch regte er sich auf, dass ich Fremdtexte verwendete. Dass ich die Inszenierung fertiggestellt habe, war Verrat.

SZ: Warum haben Sie nicht hingeschmissen?

Bergmann: Ich hatte Angst, was daraus folgen könnte. Heute frage ich mich, ob das nicht besser gewesen wäre. Diese Premiere hat gegen mein Herz, gegen alles, an was ich glaube, stattgefunden. Aber Tom Stromberg meinte damals auch: Zieh es durch. Und es war ja schließlich auch ein Erfolg.

SZ: Tom Stromberg, einst Schauspielhaus-Chef in Hamburg, ist Ihr Manager.

Bergmann: Er ist ein Berater, eine Art Impresario, er kennt das Theater, er kennt den Markt. Was gefragt ist, muss auch mal bedient werden. Aber er nötigt die Regisseure nicht, zu inszenieren, sondern geht auf ihre Situation ein.

SZ: Er promotet auch Jan Bosse, Stefan Pucher, Laurent Chétouane und Falk Richter. Dass es jetzt auch für Theaterregisseure Manager gibt, ist Zeichen eines gravierenden Wandels.

Bergmann: Das ist eine neue Entwicklung. Aber auch eine sinnvolle. Ich sage ganz ehrlich: Ich habe viel weniger verdient, bevor Tom Stromberg meine Verträge verhandelt hat, weil man als Frau immer ein paar tausend Euro weniger bekommt - für den gleichen Job, mit der gleichen Berufserfahrung.

SZ: Sie kritisieren den Verkauf der Ideale, machen aber doch selbst mit bei der Akkord-Produktion von Theater.

Bergmann: Ich habe in der letzten Spielzeit fünf Inszenierungen gemacht - das tue ich nie wieder. Nächste Saison inszeniere ich drei Stücke und fahre mindestens einen Monat auf Recherchereise nach Amerika und sammle mal Input. Denn ich merke, das funktioniert nicht, wenn man ein Stück nach dem anderen raushaut. Da wirst du blöd. Ich weiß manchmal selbst nicht mehr, in welchem Stück ich gerade bin.

SZ: Das klingt, als hätte die Theatermaschinerie ihr Limit erreicht.

Bergmann: Natürlich leidet die Qualität, wenn man so viel inszeniert. Vielleicht nicht bei allen, bei mir schon. Allein bei "Leonce und Lena" in Bochum könnte ich Ihnen zwanzig Sachen aufzählen, die ich mit mehr Zeit und mehr Vorbereitung besser hingekriegt hätte.

SZ: Ist diese Überproduktion auch ein strukturelles Problem?

Bergmann: Es fällt immer schwer, reizvolle Angebote abzusagen. Es gibt auch die Angst, nach einer Absage aus dem Rennen zu sein. Ich habe erlebt, dass Intendanten darauf beleidigt reagieren. Und es steht ja, gerade bei uns jüngeren Regisseuren, immer der nächste bereit.

SZ: Das befördert wiederum den Profilierungsdruck bei jungen Künstlern.

Bergmann: Absolut. Was heutzutage tatsächlich interessiert, ist die Marke. Es nervt mich wahnsinnig, dass Intendanten oder Kritiker sagen: Ach, das ist der Nuran Calis, der macht doch immer viel mit Hip-Hop und schreibt die Stücke um. Oder: Ach, das ist der Tilman Köhler, der macht immer sehr strenges, formvollendetes Theater mit großer politischer Aussage.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, worum das deutsche Theater gerade kreist.

Zwischen Marktwirtschaft und Kreativität

SZ: Wie wichtig ist Networking?

Bergmann: Sehr wichtig. Ich bin schlecht darin, aber ich versuche es. Ich habe mich bei Facebook angemeldet, hänge aber nicht auf Premierenfeiern rum und schreibe keine Bewerbungsbriefe. Ich habe so viel inszeniert; wer sich wirklich interessiert, kann sich Arbeiten angucken. Denn ich wünsche mir, und das ist die Quintessenz allen künstlerischen Schaffens, dass man gemeint ist. Doch das ist ganz oft nicht der Fall.

SZ: Wie meinen Sie das?

Bergmann: Oft lernen einen die Intendanten, die einen engagieren, doch gar nicht kennen. So ein Gespräch über Ideale und Interessen, wie wir es hier jetzt führen, das findet mit einer Theaterleitung selten bis nie statt.

SZ: Wie läuft die Akquise ab?

Bergmann: Da heißt es einfach: Wir haben die und die Inszenierung von Ihnen gesehen. Hätten Sie Lust, bei uns etwas zu machen? Punkt.

SZ: Und dann?

Bergmann: Dann sage ich: Ja, rufen Sie Herrn Stromberg an, der verhandelt das. Welches Stück, überlege ich mir. Termine klären. Fertig. Oder zuletzt am Gorki Theater: Die haben mir die Uraufführung von Juliane Kanns "Fieber" angetragen, es geht um Wittenberge, das ist wie meine Heimat Stendal, Ostdeutschland, da dachten die sich: Okay, fragen wir mal die Anna. Es lief rein über persönliche Kontakte. Armin Petras, der Chef vom Gorki, hätte sich nie eine Inszenierung von mir angeguckt. Er hat von mir "Lulu" auf Video gesehen, und das wahrscheinlich auch noch mit Vorspultaste. Das können Sie ruhig schreiben.

SZ: Wie schwierig ist es, seinen Idealismus im Alltag zu bewahren?

Bergmann: Schwer. Es gibt eine Reihe von Regisseuren, die nicht zwingend wegen der Kunst Theater machen, sondern auch, weil sie damit eine Stange Geld verdienen und sich eine Villa kaufen können. Für die Künstler geht es immer stärker darum, sich zu profilieren. Und die Theater müssen "funktionieren".

SZ: Sie kritisieren, dass sich die Bühnen dem Erfolgsdruck beugen. Aber Sie selbst engagierten doch auch bei "Menschen im Hotel" in Bochum Peter Lohmeyer als populären Gast.

Bergmann: Ja, das ist eine Folge dieses Erfolgsdrucks. Aber Peter Lohmeyer ist auch ein sehr charismatischer Schauspieler und im Ruhrgebiet eine Lokalgröße, die Menschen lieben ihn, sie kennen ihn aus dem Kino, er ist Ehrenmitglied im Schalke-Fanclub. In einer Vorstellung saß der komplette Fanclub und skandierte: "Peee-ter Lohmeyer!" Die waren zum ersten Mal im Theater, das fand ich toll. Auch Anselm Weber wird als neuer Intendant Armin Rohde oder Dietmar Bär nach Bochum holen.

SZ: Viele erfolgreiche Regisseure bringen ihre Lieblingsschauspieler mit. Aber ist das nicht auch Idealismus: mit dem Ensemble arbeiten?

Bergmann: Die Entwicklung ist zwiespältig. Positiv ist, dass man mit Schauspielern, die man mitbringt, eine Arbeitsbeziehung weiterentwickeln kann, und wenn mir jemand blind vertraut, spornt das die anderen mit an. Wenn man allerdings ausschließlich mit Gästen arbeitet, kommt ein Ensemble nicht zum Tragen. Grundsätzlich glaube ich an die Kraft, die entsteht, wenn sich Leute an diesem Ort zusammengetan haben, um gemeinsam Theater zu machen.

SZ: Was müsste sich ändern?

Bergmann: Zu viele Leute, die praktisch keine Ahnung von Theater haben, treffen zu viele wichtige Entscheidungen. Es wird zu viel geplant, durchgerechnet, strategisch ausbalanciert. Es bräuchte mehr Anarchie, mehr Sich-zur-Disposition-Stellen. Wenn nur noch Finanzbosse und Verwaltungsexperten die Häuser führen statt Künstler, wird das Theater langweilig und berechenbar.

SZ: Der Wettstreit von Marktwirtschaft und Kreativität.

Bergmann: Das ist es, worum das deutsche Theater gerade kreist. Ich kann nur hoffen, dass die Kreativen gewinnen.

SZ: Sie klingen wie eine aus der Großelterngeneration: Früher war alles besser.

Bergmann: Früher gab es jedenfalls weniger Leute, die "Künstler" werden wollten, weil es Mode ist. Es gab weniger Regieschulen, die ständig Nachwuchs liefern, dem man sagen kann: Du, mach mal für 4000 Euro diese Inszenierung. Es gab nicht den permanenten Drang nach Uraufführungen: Junge Regisseure, macht das bitte, das bringt uns Publikum und Presse. Und es gab dieses Ethos von Leuten wie Klaus Michael Grüber, der sagte: Ich bin ein großer Romantiker, ich stehe dazu, und wenn ihr mich hier nicht sehen wollt, gehe ich ins Ausland.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.995612
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.09.2010/ls/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.