Süddeutsche Zeitung

Stadtplanung:Selbstgemachte Katastrophen brauchen selbstgemachte Lösungen

  • Klima, Geografie und Bauboom haben dazu geführt, dass Bangkok verstärkt unter Überschwemmungen leidet.
  • Die Landschaftsarchitektin Kotchakorn Voraarkhom versucht mit ihrem Konzept der "porösen Stadt", dieser Entwicklung entgegenzuwirken.
  • Voraarkhom plant unter anderem einen I45 000 Quadrameter großen urbanen Wald samt Wasserreservoir in Bangkok.

Von Andrian Kreye

Es gehört in Bangkok schon seit Jahren zum Alltag, dass man nach einem Monsunregen in der Innenstadt durch knietiefes Wasser stapft. Normal ist das aber nicht. Und es war auch keineswegs immer schon so, dass die pittoresken Hüttenviertel entlang der Kanäle, die Bangkok einst zum "Venedig des Osten" machten, und die die Touristen gerne von motorisierten Drachenbooten aus betrachten, von jedem zweiten Regenguss in eine stinkende Kloake verwandelt werden.

Die Landschaftsarchitektin Kotchakorn Voraarkhom ist in dieser Stadt aufgewachsen. Als Kind lebte sie in einem der unzähligen Reihenhäuschen, die in Bangkok weniger das Vorstadt-Idyll europäischer Städte symbolisieren, als vielmehr das beengte Leben in einer Megacity. Wenn sie aus der elterlichen Küche nach draußen trat, stand sie nicht in einem Vorgärtchen, sondern auf einer belebten Hauptverkehrsstraße. Die sich bei Regen eben in einen Strom verwandelte. Schon während ihres Studiums überlegte sie, warum diese Fluten gerade in Bangkok so heftig sind. "Wir leben dort nicht mehr mit den Jahreszeiten und der Natur", sagt sie. "Mag sein, dass wir mal das Venedig des Ostens waren. Aber wir haben unsere Infrastruktur zerstört."

Die Gründe für das Problem waren gleichzeitig die Gründe für den Aufstieg der Stadt, erklärt sie mit ein paar Skizzen im Notizbuch des Reporters, nachdem sie im vergangenen April ihr Konzept von der "porösen Stadt" auf dem Ideenfestival der Ted Conference in Vancouver präsentierte. Bangkok liegt im Delta des Mae Nam Chao Phraya, eines Stroms, der sich aus Flüssen speist, die im Goldenen Dreieck entspringen, jenem sagenumwobenen Dschungelgebiet zwischen Thailand, Laos und Myanmar, in dem die Drogenkönige und Elefanten leben, und die Stämme der Kayan.

Der Chao Phraya schwemmte Sedimente nach Süden, die das Ackerland im Delta zu einer der fruchtbarsten Gegenden Asiens machten. So kamen die Bauern, die das Land zähmten, gefolgt von den Königen, die sich Paläste auf künstlichen Inseln errichteten, die Städter, die entlang der immer zahlreicheren Kanäle siedelten, die Touristen, für die Hotelburgen gebaut wurden und dann noch die 15 Millionen, die aus dem einstigen Fischerdorf eine Megalopolis machten. Es reicht schon ein Abend auf den Stadtautobahnen, um zu erahnen, dass den Sümpfen hier etwas abgetrotzt wurde, dass sie sich eines Tages zurückholen könnten.

Erschwerend hinzu kommt die Geografie. Im Norden ragen Berge auf, die immer noch mehr Wasser ins Delta spülen. Im Süden drückt der Golf von Siam den Ozean durch einen Trichter, der an den Südspitzen Singapurs und Vietnams beginnt und an dessen Spitze Bangkok liegt.

Weil die Menschen nicht nur den Sumpf, sondern auch die Kanäle mit Beton versiegelt haben, weil sie achtspurige Stadtautobahnen, Industrieanlagen, Wohnviertel und eine mächtige Skyline gebaut haben, drückt das Wasser bei Regen aus vier Richtungen in die Stadt: Aus den Bergen im Norden, aus dem Meer im Süden, aus den Wolken von oben und aus dem Grundwasser von unten. Der Monsun prasselt auf die betonierte Stadt wie auf eine Tischtennisplatte. Das Wasser kann nicht versickern. Und wenn das Hinterland überschwemmt, kann so ein Hochwasser auch dauern. 20 Milliarden Kubikmeter Wasser mussten nach dem großen Regen von 2011 aus dem Delta in den Ozean geleitet werden. Direkt durch die Stadt.

Bangkok mag ein Extremfall aus Klima, Geografie und Bauboom sein. Das macht es aber auch zum exemplarischen Studienobjekt. Kotchakorn Voraarkhom war in ihrer Kindheit Augenzeugin der selbstgemachten Katastrophe. "Früher gab es immer noch die Kanäle, es waren nicht alle Straßen zubetoniert", erklärt die 39-Jährige. "Das Wasser konnte fließen. Doch weil wir immer eine landwirtschaftliche Gesellschaft waren und Landschaft eine Selbstverständlichkeit, dachte niemand daran, die Landschaft Bangkoks zu erhalten."

So gibt es heute kaum Parks oder Grünflächen. Genau da setzt Voraarkhom mit ihrer Arbeit an. Der Architekturwettbewerb zum einhundertjährigen Jubiläum der Chulalongkorn Universität war für sie und ihr Büro "Landprocess" der Durchbruch. Ein Stück Land der Universität sollte in einen Park verwandelt werden. "Grüne Infrastrukturen wie Stadtparks sind nicht nur Erholungsflächen", sagt sie. "Sie garantieren das Überleben einer Stadt."

Wer kann solche Freiflächen finanzieren? Der König. Das Rathaus. Und die Mönche

Sie designte einen knapp 45 000 Quadrameter großen urbanen Wald, in dessen Zentrum eine Grünfläche ist, die sich wie eine Rampe in den Boden absenkt. Am Ende dieser Rampe befindet sich ein Reservoir, in das Wasser abfließen kann. Rings um die Grünfläche stehen Bäume, die ebenfalls Wasser absorbieren und die Luft reinigen.

Am 26. März 2017 eröffnete Prinzesssin Maha Chakri Sirindhorn den Chulalongkorn University Centenial Park. "Das war seit dreißig Jahren der erste Park, der in Bangkok eingeweiht wurde", sagt Voraarkhom. Und es war nur ein Anfang: "Dieser Park ist im vollen Bewusstsein gebaut worden, was er für die Menschen von Bangkok in 100 Jahren tun kann. Wenn sich das Klima wandelt, unsere Dürren noch trockener, unsere Regenfälle noch heftiger sein werden." Sie spricht da nicht im Konjunktiv. "Dieser Park ist ein erster Schritt auf dem Weg zur porösen Stadt. Denn nur mit diesem Konzept kann eine Stadt wie Bangkok überleben".

Nun ist Land sehr teuer in einer Megacity und wird immer noch teurer. 45 000 Quadratmeter in einem der besten Viertel kann selbst ein Konzern nicht einfach so begrünen, wenn ihm die Aktionäre im Nacken sitzen. Deswegen zählt Kotchakorn Voraarkhom auf die traditionellen Institutionen ihres Landes. Auf das Königshaus, das Rathaus, die Mönche.

Für den Chollapratarn Rangsarit Tempel hat sie nun einen Park gebaut, der als Musterfall für andere Tempel dienen soll. "Die Mönche haben viel Geld", sagt sie. "Alle spenden ihnen, aber sie geben kaum etwas aus. Deswegen können sie sich so eine Anlage leisten. Und sie verstehen, was ich will. Seit hunderten von Jahren meditieren sie in den Wäldern. Das ist ihr natürliches Umfeld. Das hole ich ihnen in die Stadt."

Auf Krankenhäusern und Behörden hat sie Dachgärten eingerichtet. Sie will die Viertel rund um die letzten Kanäle mit Dämmen vor Flut schützen. Und sie plant weitere Parks. Ihr Timing stimmt. Im Jahr 2032 feiert Bangkok 250. Stadtgründungsjubiläum. Bis dahin will sie noch mehr Parks und Gärten bauen, Tempelanlagen begrünen, Dämme errichten. "Unsere Städte müssen belastbarer werden", sagt sie.

Ob ihr Konzept der porösen Stadt auch für andere Orte tauge? Für Hongkong, Tokio, Rio, New York, Amsterdam? Für all jene Weltstädte an Küsten, deren menschengemachte Strukturen sie besonders anfällig für die Folgen des Klimawandels machen? Sie zuckt mit den Schultern. "Hongkong ist anders, es ist so einmalig dicht bebaut. In Rio gibt es keinen Wald. Jede Stadt hat ihrer eigenen Probleme. Ich konzentriere mich erst einmal auf Südostasien."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4025649
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 22.06.2018/luch
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.