Süddeutsche Zeitung

Salman Rushdies Essayband "Sprachen der Wahrheit":Ein Brocken grünes Kryptonit

In seiner neuen Essaysammlung kommt man Salman Rushdie ungewöhnlich nah.

Von Alexandra Föderl-Schmid

In der neuen Essay-Sammlung Salman Rushdies taucht man gleich tief ein in den Kosmos, aus dem dieser wahrhaft polyglotte britische Autor seine Geschichten schöpft: Es ist der in Europa vielen fremde asiatische Kontinent mit seinen auf Hinduismus und Buddhismus basierenden Traditionen und seinem Geschichtenreichtum. Von dort schlägt Rushdie eine Brücke ins Angelsächsische, macht aber auch immer wieder Ausflüge zu deutschsprachigen Dichtern und Denkern. Es kommt der frühere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky genauso vor wie Günter Grass. Und immer wieder Philosophen, oft Heraklit, der vorsokratische Philosoph aus Ephesos. Rushdie legt Wert darauf, ein "migrantischer Schriftsteller" zu sein, und sieht sich im Gegensatz zu sesshaften Kollegen wie William Faulkner. Entschieden wendet er sich gegen die Beschreibung, seine Literatur sei "magischer Realismus".

Über das ganz Aktuelle muss jetzt aber natürlich zuerst berichtet werden. Der einzige im engen Sinn neue Text des Bandes trägt den schmucklosen wie traurig aktuellen Titel "Pandemie" und ist, ganz wie es der Untertitel verspricht, "eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Coronavirus". Weniger als ein großes Denkstück liest man also, ausgehend von Rusdies eigener, 17 Tage dauernder Corona-Infektion, einen lakonischen Erlebnisbericht und einen kleinen Versuch über das Menschsein. Näher als Camus' Pest liegt ihm zunächst eine Relektüre von William Goldings dystopischer Geschichte "Herr der Fliegen", "da ich in Goldings Darstellung der Zerbrechlichkeit der Zivilisation und der Leichtigkeit, mit der diese Hülle zerstört werden kann, um das Barbarentum darunter freizulegen, eine schreckliche und gültige Wahrheit fand".

Ein Artikel im Mai 2020 über eine echte Version der Golding-Saga, eine Gruppe australischer Schüler strandete 1995 auf einer verlassenen Insel im Pazifik, südlich von Tonga, kooperiert zivilisiert und wird anderthalb Jahre später in guter Verfassung gerettet, macht ihm dann allerdings schon wieder Hoffnung. Den Kommentar eine Freundes, er sei ja nun Superman, als er erzählt, dass bei ihm nun Antikörper nachgewiesen worden seien, kann er trotzdem nicht einfach so stehen lassen: "Ich fühle mich nicht besonders super. Und ich weiß, dass es für jeden Superman einen Brocken grünes Kryptonit gibt. Wir werden sehen."

Viele literarische Liebeserklärungen stecken in diesen Texten, sehr viele

Man kommt dem Autor in diesen Essays näher als in seiner 2012 veröffentlichten offiziellen Autobiografie "Joseph Anton". Wohl auch deshalb, weil der Essayist Rushdie - anders als in dem in der dritten Person erzählten "Joseph Anton" - die Ich-Form hier nicht scheut. Viel erfährt man so über Rushdies Ängste nach der Fatwa nach der Veröffentlichung der "Satanischen Verse", darüber etwa, wie es ist, wenn man einen falschen Namen tragen, in geheimen Wohnungen unter ständiger Bewachung leben muss - und was all das auch mit ihm nahehestehenden Menschen macht.

Die in den Albträumen eines Protagonisten der "Satanischen Verse" geschilderte Lebensdarstellung des Propheten Mohammed war einst der Anlass für den damaligen iranischen Staatschef Ruhollah Chomeini, Rushdie mittels einer Fatwa am 14. Februar 1989 zum Tod zu verurteilen. Begründet wurde diese Fatwa damit, das Buch sei "gegen den Islam, den Propheten und den Koran". Chomeini rief die Muslime in aller Welt zur Vollstreckung auf.

Man erfährt auch, wie wichtig in der Zeit des Verstecktseins und der Flucht Freunde wie Harold Pinter oder Christopher Hitchens für Rushdie waren. Die Nachrufe auf diese Freunde gehören zu den berührendsten Texten. Man könnte überhaupt eine interessante Netzwerkanalyse erstellen mit dem Band. Rushdie verrät, welche Kolleginnen und Kollegen er schätzt und wen er für überschätzt hält (Dan Brown etwa). Es tauchen auch manche junge Literatinnen und Literaten auf, die es noch zu entdecken gilt.

Die persönliche Literaturgeschichte Rushdies von der Antike bis zur Gegenwart, die der Band auch enthält, ist eine mitreißende Suche nach dem bestmöglichen Erzählen für Erwachsene wie Kinder. "Die Blechtrommel" von Günter Grass hat er als Collegestudent nicht zu Ende gelesen. Zehn Jahre später gab er dem Buch eine zweite Chance, "woraufhin er mein Lieblingsroman wurde: eines der Bücher, von dem ich sagen würde, dass ich es liebe". Es stecken überhaupt viele literarische Liebeserklärungen in den Texten.

Es geht um die Verteidigung all jener, "die alles riskieren, um die Wahrheit zu sagen"

Immer wieder taucht Shakespeare auf, Rushdies Fixstern. Vorbilder sind auch Hans Christian Andersen, Samuel Beckett, Franz Kafka und Philip Roth, von dem er, so Rushdie, viel über das Schreiben von Sex-Szenen gelernt habe. Häufig erwähnt er seinen Roman "Mitternachtskinder" und dass in dessen Protagonisten Saleem viel von Salman steckt. Auch das eine Einladung zum Lesen oder Wiederlesen. "Um Schriftsteller zu werden, muss man zuerst sich selbst verstehen, und es ist schwieriger, dieses Verständnis zu erlangen, wenn das eigene Ich auf der Welt zerstreut ist", schreibt Rushdie an einer Stelle und nimmt ganz nebenbei auch literarische Definitionen vor. Eine Fiktion etwa solle "wild fantastisch" sein, eine Autobiografie jedoch "entschieden realistisch".

Mit den Reden, die er über die Jahre an Universitäten gehalten hat, will Rushdie etwas weitergeben von dieser Leidenschaft. Er hat durchaus ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein - auch oder gerade, wenn es um Meinungs- und Pressefreiheit geht. Das Streiten um Argumente, um das Sagbare, die Zurückweisung von Zensur - oder gar Selbstzensur - ist eine seiner zentralen Triebfedern für sein Schreiben und Handeln. Die passende Klammer deutet der Titel unmissverständlich an: "Sprachen der Wahrheit". Immer plädiert Rushdie für das vielstimmige Miteinander der Kulturen, das das literarische Schreiben genauso inspirieren soll wie das eigene Leben.

Warum das Buch allerdings in vier Teile gegliedert ist, hätte einer Erklärung bedurft genauso vielleicht wie die Gründe für die Textauswahl. Und es fehlen leider auch ausführlichere editorische Notizen zu jedem der Beiträge. Aber wie auch immer, bestimmt nicht vollkommen daneben liegt man, wenn man davon ausgeht, dass es bei dieser Textsammlung auch um eine Art Vermächtnis geht, um das, was neben den Romanen, vom Denken Rushdies, der gerade 74 Jahre alt geworden ist, bleiben soll. Im besten Fall, so ist anzunehmen, findet sich dereinst jemand, der zu seinem Tod schreibt, was Rushdie einst aus Anlass von Harold Pinters Tod versprochen hat: "Wir werden die Arbeit fortsetzen und werden das geschriebene Wort und diejenigen verteidigen, die alles riskieren, um die Wahrheit zu sagen."

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