Süddeutsche Zeitung

Populismusdebatte:Böse Onkel

Populistische Bücher sind die Crackpfeifen der öffentlichen Debatte. Die Werke von Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci stehen ganz oben auf der Liste. Dabei drängt sich die Frage auf: Fehlt der toleranten Gesellschaft das Instrumentarium zum Umgang mit der Intoleranz?

Von Andrian Kreye

Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci, zwei deutschsprachige Populisten, haben rechtzeitig zum Europawahljahr Bücher veröffentlicht, mit denen sie sehr deutlich sagen, was ihrer Meinung nach gesagt werden muss: Schluss mit den Dogmen der linken Moral. Im Echtzeittakt der Empörungsdebatten sind diese Bücher zwar schon alte Schinken. Auch die Fanalwirkung ihrer Top-10-Platzierungen hat sich nicht gehalten.

Sarrazins "Der neue Tugendterror" erschien im Februar und ist in der Verkaufsstatistik von Amazon auf Platz 421 abgerutscht, Pirinçcis "Deutschland von Sinnen" kam Ende März heraus und hält sich derzeit auf Platz 31. Man kann sie inzwischen also gut ignorieren, was eine Mehrheit der moderat gesinnten Menschen in Deutschland auch tut. Sie sind aber sehr viel mehr als bloße Ausreißer nach rechts oder unten oder welche Richtung man ihnen auch zuschreiben möchte. Sie sind exemplarische Vertreter des europäischen Populismus.

Schwere Lektüre

Beide Bücher sind zunächst einmal schwere Lektüre. Sarrazin ist dem buchhalterischen Stil seiner Bestseller "Deutschland schafft sich ab" und "Europa braucht den Euro nicht" treu geblieben. Das liest sich wie eine Mischung aus Unternehmensbericht und Fußnotensammlung. Pirinçcis Text merkt man seine Wurzeln im nächtlichen Posten auf Facebook an, obwohl der Autor auch eine Reihe von erfolgreichen Kriminalromanen verfasst hat. Das führt zu einem ermüdenden Stop-and-go-Rhythmus im Denk- und Sprachfluss. Hinter den Prosaproblemen aber tut sich eine Welt auf, die man als linksliberaler, grüner oder bürgerlich-konservativer Mensch gerne ebenso selbstbewusst ignorieren würde wie die beiden Bücher.

In den ersten Jahren nach dem Ende des Kalten Kriegs war es einem als progressiv oder sozialliberal Gesinnten zwar immer ein heimliches Vergnügen, die Texte von Neokonservativen wie Irving Kristol, Robert Kagan, David Brooks, aber auch Condoleezza Rice oder Richard Perle zu lesen. Zum einen, weil sie eine in sich so wunderbar geschlossene Logik hatten, dass es meist unmöglich war, diese Logik mit den Mitteln der Moral zu durchbrechen.

Zum anderen, weil sie eben eine so wohltuende Befreiung von dogmatischer Moral waren. Der intellektuelle Lustgewinn war enorm. Und irgendwie sprach man auch die gleiche Sprache. Viele Neokonservative waren vor allem nach 9/11 Konvertiten aus dem liberalen Spektrum, die angesichts der Terroranschläge nur fanden, man müsse die Ideale des Westens nun auch mal mit einer gewissen Härte verteidigen.

Der Gestus des Protests

Und was wäre die Sprache, die man mit den aktuellen Populisten gemein hätte? Das wäre wohl der Gestus der Protests - bisher eine Domäne der Progressiven, der Grünen, der Linken. Der entscheidende Unterschied ist aber: Die Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts drängten immer von den Rändern der Gesellschaft in ihre Mitte. Der Protest des 21. Jahrhunderts ist meist eine Defensive. Im besten Falle will eine Gesellschaft ihren Status quo verteidigen, ihren Standard, ihre Freiheiten.

Der populistische Protest aber dreht die Dynamik noch einmal weiter. Da geht es um Ausgrenzung und um den Abbau der Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Das erklärt auch den weinerlichen Ton der Populisten: Sie fordern Rückkehr, keinen Aufbruch.

Untersucht man ihre Anhänger, landet man keineswegs an den Rändern der Gesellschaft, sondern in deren Mitte. Das liegt am Widerspruch zwischen dem liberalen Konsens der europäischen Gesellschaften und den brutalen wirtschaftlichen Realitäten, die eine globale Marktwirtschaft geschaffen hat. Für die meisten Wähler der demokratischen Länder und der EU gibt es keinen Machtwechsel mehr, der Hoffnung auf Änderung machen könnte. Es sind nur noch Personalwechsel. Deutschland ist da ein gutes Beispiel, mit seiner konservativen Kanzlerin, deren Politik längst die Motive der Urgrünen aufgenommen hat und dabei trotzdem die neoliberale Politik ihres sozialdemokratischen Vorgängers weiterführt.

Da dämmert eine neue bleierne Zeit, gerade in Deutschland, der wohl moralischsten Nation der Gegenwart. Der Mehltau der historischen Schuld ist vom Mehltau der toleranten Höflichkeiten abgelöst worden. Es passiert ja selten, dass ein Würdenträger mal so deutlich wird wie Frank-Walter Steinmeier am Montag auf dem Berliner Alexanderplatz. Und genau diese Lähmung nutzen die Populisten mit ihrer zunächst erfrischenden Unhöflichkeit. Doch, doch, man muss bei Pirinçci schon immer wieder mal grinsen, mit welcher Verve er auf den Konsens eindrischt. Und die Sehnsucht nach bösen Onkeln wie Sarrazin und Pirinçci ist allgemein eher groß.

Doch populistische Bücher sind die Crackpfeifen der öffentlichen Debatte. Die kurzfristige Aufputschwirkung ist enorm, der langfristige Schaden allerdings auch. Denn wenn man schon ein so plumpes Bild bemüht, dann gibt es da natürlich auch die Crackhuren, die nach genau solchen Mechanismen gieren - die öffentlich-rechtliche Talkshow-Industrie, die Meinungsmaschinen der Zeitungen und Nachrichtenportale. Wenn aber Argumente der Ausgrenzung und des gesellschaftlichen Rückschrittes im Diskurs eine gleichberechtigte Rolle bekommen, wandeln sie sich von der Provokation zur politischen Kraft. Und da stellt sich die Frage: Wie viel Intoleranz verträgt eine tolerante Gesellschaft?

Keine legitimen Abwehrmechanismen

In der islamischen Welt gibt es eine grobschlächtige Blaupause für diese Dynamik. Wann immer sich die Demokratie dort etabliert, um Freiheiten zu schaffen, nutzen ihre Gegner aus zumeist islamistischen Lagern die Freiheiten, um sie auch wieder abzuschaffen. Die Demokratie hat hierfür keine legitimen Abwehrmechanismen.

Ähnlich ergeht es der toleranten Gesellschaft mit dem Populismus. Wie soll man seine Toleranz bewahren, wenn man sich gegen Intoleranz wehren muss? Dem demokratischen Diskurs fehlt es da an Mitteln und auch an der Sprache. Hitler- und Nazivergleiche sind nicht mehr als rhetorische Schnappatmung. Die NS-Ära ist von einer historischen Einzigartigkeit, die jeglichen Vergleich verbietet.

Klare Worte finden

Vielleicht sollte man nicht allzu lange drumherum reden, sondern klare Worte finden. Nicht ganz einfach. Es ist schon weit über hundert Jahre her, dass der amerikanische Schriftsteller Mark Twain nach einer ausgedehnten Reise durch Europa in seinem Essay "Die schreckliche deutsche Sprache" befand, dass man hierzulande ein paar ordentliche Kraftausdrücke importieren müsse. Dazu passt gut der Untertitel des Theaterstückes "Freunde 2" des Autors Moritz von Uslar: "Sprich englisch, wenn du dich schämst".

Bei Shakespeare findet man erst mal nichts, aber bei einem seiner besten Interpreten. Niemand flucht so wirkungsvoll wie Ben Kingsley im Gangsterfilm "Sexy Beast". Und da stößt man endlich auf ein Wort, um sich jenem Archetypen zu nähern, der die liberalen Geister gerade so sprachlos macht: "Cunt". So kurz und hart wie Kingsley diese Silbe hervorstößt, funktioniert das Unwort, vor allem weil es die Mischung aus Boshaftigkeit und Larmoyanz des aktuellen Populismus in Europa auf den Punkt bringt. Der Begriff für die weibliche Anatomie hat im vulgären Englisch übrigens weniger einen frauenfeindlichen Unterton, er soll vielmehr dem in der Regel männlichen Gegner genau jene Eier absprechen, mit denen er so prahlt.

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Quelle:
SZ vom 22.05.2014/nema
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