Süddeutsche Zeitung

Comeback in London:Phil Collins auf Tour: Hurra, wir leben noch!

Phil Collins tritt nach zehn Jahren wieder auf die große Bühne. Am Stock. Seine Fans sehen einen alten Mann und ein so verstörendes wie interessantes Konzert - und das nicht wegen des Terroranschlags.

Konzertkritik von Alexander Gorkow , London

Erst am Sonntagabend in der Royal Albert Hall wird klar, dass es während des teuflischen Dahinsiechens großer Popstars in den letzten Jahren zu einer Art Wunder gekommen ist. Phil Collins, dem viele verlässlich die Pest an den Hals wünschten, lebt noch. Und wer den Mann um 20.05 Uhr an einem Gehstock auf die Bühne schleichen sieht, weiß in exakt dieser Sekunde: Nein, es ist nicht selbstverständlich, dass Phil Collins noch lebt.

Das noch nicht einmal 24 Stunden zurückliegende Attentat einige Kilometer weiter östlich spielt an diesem Abend wie übrigens an diesem Sonntag überhaupt im Alltag der Stadt schlicht keine Rolle, es gibt vor der Albert Hall Taschenkontrollen vom fröhlichen Sicherheitspersonal, aber die gab es hier eigentlich immer schon. Ungewöhnlicher ist dann eher das Konzert.

Zur Freude seiner Fans und zum Leidwesen anderer, die seiner Musik in den 80ern rund um die Uhr im Radio oder in einer Umkleidekabine ausgesetzt waren, war der jüngere Collins ein besonders quirliger Mann. Er schrieb gefühlt alle fünf Minuten einen neuen Hit, mal eine Ballade, dann eine Uptempo-Nummer, dann wieder eine Ballade, er raste über die Hallen- und Stadionbühnen wie angestochen, es gab in der alten Welt kein Entkommen, er entkam sich auch selbst nicht, wie er in seiner heiter hinterfotzigen Autobiografie "Not Dead Yet" schreibt, und fiel in einen beispiellosen Arbeitsrausch. Das Resultat sind auf der Habenseite 250 Millionen bis dato verkaufte Platten als Solokünstler und mit seiner Band Genesis, das haben neben ihm nur noch Paul McCartney und Michael Jackson geschafft, und McCartney auch nur mit den Beatles eingerechnet.

Die Sollseite? Nervenkrankheiten in den Händen, am Rücken, in den Beinen. Vor vier Jahren, als seine dritte Frau sich zeitweise von ihm getrennt hatte und mit den Kindern in die USA gezogen war, fand der einsame, steinreiche Mann in der goldenen Stille seiner Schweizer Wahlheimat dann endlich einen Freund, der ihn zu nichts drängte, sondern wirklich immer für ihn da war: Alkohol. Wenn man schon morgens Wodka trinkt, so geht der Trick, lässt der Schmerz nach, der körperliche wie der, den diese Stille auslöst. Die Tage werden dann leichter, allerdings nur eine Weile lang: Im Jahr 2013 wurde einer der kleinsten, zugleich allergrößten Superstars des Pop mit dem Rettungshubschrauber abgeholt, er überlebte nur um Haaresbreite.

Collins, 66, nimmt am Sonntagabend als versehrter, verbogener Mann in der Royal Albert Hall auf einem Sessel am Bühnenrand Platz, neben sich ein Beistelltisch mit Kleenex und einer Flasche Wasser. Das Bild ist eine Offenbarung, es ist in der Bedeutung des Wortes trostlos und dadurch wahrhaftig mächtig: Hier sitze ich, auf diesem Sessel, im Zwielicht meiner eigenen Gebrechlichkeit, und zwar sitze ich hier während des kompletten Konzertes von 20 Uhr bis, eine Pause eingerechnet, 23 Uhr.

Ich kann nicht anders. Seine Begründung: "My legs are fucked." Ein Konzert im Sitzen. Hinter Collins, der ganz in Schwarz und mit seinem kreisrunden Seniorenkopf da hockt und mit unsicheren Händen zum Mikrofon greift, lauert im Dunkel, zunächst hinter einem Gaze-Vorhang, der Turbo seiner stürmischen Vergangenheit, Las Vegas: seine 14-köpfige Band, Background-Chor, Bläser, sein ewiger Gitarrist Daryl Stuermer, sein ewiger Keyboarder Brad Cole, mit fluffig weißem Haar und endlosem Bart sein ewiger Bassist Leland Sklar - und am Schlagzeug Collins' 16-jähriger, bildhübscher Sohn Nicolas, der kommt mehr nach der Mama, trommelt aber wie sein Idol John Bonham von Led Zeppelin und eigentlich auch wie einst der Papa: mit Wumms.

Die 6000 Zuschauer, angereist aus allen Kontinenten, die für die fünf Konzerte in der Royal Albert Hall teils viele tausend Euro pro Schwarzmarktticket gezahlt haben, greifen sofort zu den Taschentüchern, denn los geht es mit dem größten Heuler: "Against All Ods". Man muss Trump sein oder, um im Königreich zu bleiben, die eiszapfige Theresa May, um davon unberührt zu bleiben.

Und gegeben wird an dem Abend dann eigentlich sowieso kein Konzert, sondern ein Drama - das Drama des überbegabten Mannes: Der konnte einfach immer alles. Mit Genesis Suiten raushauen, die einen halben Tag dauerten, mit Brand X Fusion Jazz spielen, mit Philip Bailey Soul, mit Quincy Jones Jazz, mit Led Zeppelin Hardrock, es war unvermeidbar, dass gleichzeitig Frank Zappa, Miles Davis wie auch Lemmy Kilmister seine Fertigkeiten als Arrangeur und Schlagzeuger bewunderten - und er selbst aber zeitgleich einen Hit nach dem anderen schrieb. Größter Dressurreiter des Mainstream, andererseits Klassenerster in allen weiteren Disziplinen, muss so etwas einen Menschen brechen, zumal einen so kleinen?

Er sieht nun aus wie eine Figur von Charles Dickens aus einem Londoner Hinterhof kurz nach der letzten Pest, melancholisch und räudig, er könnte einen Zylinder aufhaben und dazu einen schmutzigen Frack. Die charakteristische, metallene Stimme ist belegt wie mit einem Tuch. Es ist noch seine, aber es ist jetzt die Stimme eines alten Mannes, sie hat etwas Volumen verloren, was den lauten Nummern nicht so guttut und den leisen aber tatsächlich so etwas wie eine besondere, biografische Klarheit verleiht. Zwar lässt er im Sitzen keinen Hit aus an diesem Abend, sogar von Genesis spielt er zwei, ist ja jetzt auch wurscht, aber ersichtlich wird an der Songauswahl, dass es dem Mann, wo das Leben ihn nun mal fast gebrochen hätte, sehr ernst ist und immer schon war mit immerhin einigen seiner Lieder.

Collins ist einer der intelligentesten Popmusiker, die es gibt

Nach der Pause legt er zum Beispiel mit "I Don't Care Anymore" von seiner zweiten Soloplatte los, tatsächlich eines seiner besten, zornigsten Stücke, das auf nicht viel mehr basiert als auf einer bolerohaften Schlagzeugfigur, und von seinem Sohn lässt er sich für die Ballade "You Know What I Mean" von seinem ersten Album "Face Value" alleine am Klavier begleiten.

Es sind ausgerechnet diese Nicht-Hit-Momente, in denen klar wird, dass die Popkritik über keinen Künstler verlässlich einen derartigen Mist zusammengeschrieben hat wie über Collins, vor allem in den 80ern, als man den Leuten empört abriet und stattdessen die ewige Weltbedeutung von Les Rita Mitsouko und John Lurie and The Lounge Lizards beschwor, um mal nur zwei Darlings zu nennen, nach denen aus unerfindlichen Gründen kein Hahn mehr kräht, während Collins von sämtlichen jungen R&B- und Rap- und HipHop-Helden maßlos verehrt wird. Es sei höchste Zeit, anzuerkennen, dass Phil Collins der einflussreichste Pate der populären Kultur ist, gestand vor zwei Jahren schließlich per Kniefall der Guardian.

Das ist wohl schlicht wahr, ob man den Mann nun mag oder nicht, und ersichtlich wird an diesem Abend, an dem er nun mal nicht den Entertainer geben kann, sondern auf sich selbst als vortragender Künstler zurückgeworfen ist in seinem Sessel, dass der beispiellose Erfolg seiner immergrünen Klassiker einen einfachen Grund hat: Phil Collins hat einige sehr große Songs geschrieben, er ist einer der intelligentesten Popmusiker, die es gibt - und in seinen ersten beiden, zeitlosen Soloalben "Face Value" und "Hello, I Must Be Going" liegt das Fundament, hier war alles angelegt: ein berstendes Songwritertalent, der Jazz, der Soul, die Hochbegabung, eine tatsächlich ungeheure Spannung in einem paarminütigen Drama zu erzeugen. Nein, Phil Collins ist nicht Chris de Burgh.

Mit "Take Me Home" endet der Abend. Ein kurzer Wink mit dem Stock. Ein Griff ans Herz: Denn da genau spielte nun mal stets diese Musik.

Dann geht er ab, langsam, gestützt. In London spielt er nun vier Abende lang weiter, es folgt eine weitere En-suite-Woche in Köln, es folgt ein Auftritt vor Hunderttausenden im Hyde Park, es ist alles ausverkauft. Im Hyde Park? Vor 300 000 Menschen auftreten, in einem Bürosessel sitzend? Es muss dies endlos anstrengend sein für Phil Collins. Und dementsprechend wichtig. Er war immer einer der größten Selbstironiker im Pop. Aber an diesem Sonntagabend ist es ihm mit seiner Botschaft todernst: I am not dead yet.

Die Leute in London sind sehr gerührt. Der Mann kann kaum noch gehen - aber wieso sollten sie ihn gehen lassen? Es ist ja auch ihr Leben.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3532793
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.