Süddeutsche Zeitung

Nick Caves neues Album "Carnage":Tanz auf dem Balkon

Nick Cave hat ein Lockdown-Album gemacht, das gar keins ist. Mit einem Sound, der Kirchen füllen könnte.

Von Thomas Bärnthaler

Wer wissen möchte, wie es Nick Cave, dem letzten Wanderprediger dieses noch jungen, aber hinterhältigen Jahrhunderts, in diesen pandemischen Tagen so ergeht, muss nur die Webseite "The Red Hand Files" konsultieren, sein öffentliches Frage-Forum im Internet. Er komme schon klar, ließ er dort kürzlich wissen und kündete bei der Gelegenheit auch gleich noch sein neues Album "Carnage" (Gemetzel) an, das an diesem Freitag in digitaler Form erscheint (die CD und die LP folgen im Mai bei Goliath Records).

Einem Fan, der daraufhin protestierte ("We need more info!"), schrieb er: "Wie wär's damit: Carnage ist eine brutale, aber schöne Platte, eingebettet in eine gemeinschaftliche Katastrophe." Dazu postete er ein Polaroid eines verlorenen, verwitterten Handschuhs auf blanker Erde. Gemetzel und Schönheit also. Und ja, haben wir alle nicht etwas Unwiederbringliches verloren, seit das Virus uns in Bann hält? Nennen wir es ruhig: Urvertrauen.

Cave, das muss man wissen, hat schwere Jahre hinter sich. 2015 war sein Sohn tödlich verunglückt. Sein letztes Album hatte er ganz der Trauerarbeit gewidmet und sich darauf schwer gezeichnet und ungewohnt nahbar präsentiert. Für "Ghosteen" war er wie Orpheus hinabgestiegen ins Totenreich, um die Mächte der Unterwelt anzurufen. Er sang und flehte, dass die Steine weinten, und fand schließlich so was wie Seelenfrieden in der Anerkennung des Verlusts als existenzielle Konstante. Aus dem einstigen Fürsten der Finsternis war ein Geläuterter geworden, ein Schamane im Auftrag der Liebe.

Bilder von schwarzen Bäumen und geköpften Hühnern beherrschen die neuen Songs

Eigentlich wäre 2020 eine Welttournee angestanden, um diese bewegende Todesmesse zur Aufführung zu bringen - sie wurde mittlerweile zum dritten Mal verschoben. Konzerte, Ältere werden sich erinnern, das waren in der guten alten Zeit Zusammenkünfte zum Zweck der gemeinschaftlichen Transzendenz. Cave wäre dort durch die dicht gedrängten Reihen seiner ihm ergebenen Jünger geschritten, um sein majestätisches, wie immer ausverkauftes Himmel-und-Hölle-Feuerwerk abzubrennen. Viele Menschen wären beseelt und runderneuert nach Hause getorkelt. Stattdessen: Lockdown, Weltstillstand, Fluchtmutanten. Und viel Zeit zum Grübeln.

"Carnage" ist keines dieser Lockdown-Alben, auf denen gelangweilte Musiker plötzlich den zweifelnden Eremiten in sich entdecken. Für einen ehemaligen Junkie und lebenslangen Einzelgänger sei Selbstisolation eine sehr vertraute Übung, schreibt Cave in den Red Hand Files. Seine acht neuen Songs schürfen tiefer in unseren Befindlichkeiten, dort, wo die Krise Ängste und Hoffnungen freigelegt hat. Cave macht Corona nicht zum Thema, wohl aber zum Resonanzraum. Schwarze Bäume, reißende Flüsse, frostige Felder und geköpfte Hühner beherrschen das Bild. Im Angesicht der Apokalypse findet Cave zu seinen alten Themen zurück: Schuld und Erlösung, Glaube und Zweifel, Tod und Liebe.

Cave hat "Carnage" allein mit seinem langjährigen Mitstreiter, dem Multiinstrumentalisten Warren Ellis, eingespielt, ohne die restlichen Musiker seiner Band The Bad Seeds. Tatsächlich scheint das Duo in den Jahrzehnten seiner Zusammenarbeit ein blindes Verständnis füreinander entwickelt zu haben für das Sich-Zuwerfen von Bällen. Da stören Dritte womöglich nur. Die Songs seien in ausgedehnten Studio-Improvisationen der beiden entstanden, erläutert Cave, erste Ideen dafür seien ihm zugeflogen, als er im ersten Lockdown auf dem Balkon saß.

"Carnage" ist der Versuch, die Grenzen dessen, was ein Song sein kann, neu auszuloten

Aufgefahren wird mal wieder das große Besteck der dramaturgischen Verführung: zärtlich-verhuschte Klaviermotive, sirenenhafte Streicherarrangements, sorgsam aufgebaute Crescendos, aber auch dräuende Synthesizerschlieren und pulsierende Elektrobeats. Und wo es passt, ein ausgelassener Gospelchor. Dabei grundiert ein bedrohlicher Unterton die kargen Kompositionen, selbst wenn sie sich in elegische Melodien kleiden. Das Licht, das "Ghosteen" noch so versöhnlich schimmern ließ, hat sich spürbar verfinstert. Gleichzeitig ist "Carnage" der Versuch, die Grenzen dessen, was ein Song sein kann, neu auszuloten: Suite, Gebet, Hymnus, Collage, Reprise. Oder alles zugleich.

Mögen die Umstände der Aufnahmen aufgrund der Kontaktbeschränkungen auch beengt gewesen sein, klanglich atmet das Album die Weite gotischer Kirchen. Was gut zum Bild des "kingdom in the sky" passt, das sich als Leitmotiv durchs Album zieht und in sakralen Chorälen feierlich beschworen wird. Zu wörtlich sollte man das alles freilich nicht nehmen, denn Cave, der sich als Allesmögliche versteht, nur nicht als Christ, hat das Songschreiben immer schon als freies Spiel der Metaphern und Mythen verstanden, die, entsprechend zusammengezwungen, ganz von selbst Funken schlagen.

Und so mischen sich hier Traumszenen, Erinnerungen, surreale und biblische Bilder zu einer funkelnden Phantasmagorie der Gegenwart. So archaisch Caves Sprache anmutet, aus der Zeit gefallen wirkt sie nie. In der Blues-Suada "Hand of God" klingt das diffuse Bedrohungsgefühl der Pandemie an, im bitterbösen "White Elephant" die Debatten um weißen Rassismus und Cancel Culture. Doch wo Gefahr ist, ist bei Cave auch immer Trost: "And we won't get to anywhere, darling / Anytime this year / And we won't get to anywhere, baby / Unless I dream you there", heißt es in "Albuquerque", dem vielleicht schönsten Song des Albums. Das kann man sentimental finden. Doch nur so lange, bis man begreift, dass Fernweh hier nicht nur geografisch gemeint ist, sondern einer Erinnerung entspringt an ein Kind, "das zwischen zwei Booten schwimmt".

Nick Cave, daran lässt "Carnage" keinen Zweifel, ist weiterhin in Hochform. Die Krise wirkt da eher befeuernd. Weiter, immer weiter geht die Reise des bald 64-Jährigen, auch wenn alle zu Hause bleiben müssen. Zur Not auch vom Balkon aus. Dort tanzt er wie Fred Astaire zur Morgensonne, ruft er uns in "Balcony Man" zu, dem letzten Song des Albums. "Du bist träge und lieblich und faul / Und was dich nicht umbringt, macht dich nur noch verrückter." Wer wollte ihm da widersprechen?

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5217455
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/clu
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.