Süddeutsche Zeitung

Verlagswechsel von Monika Maron:Erklärt euch

Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Aber die besseren unter ihnen waren auch immer Ideenhändler. Warum verhüllen Verleger heute ihre Literatur mit Schweigen - und scheuen den öffentlichen Diskurs?

Von Hilmar Klute

Anfang der Woche machte es einen Knall: Der Verlag Hoffmann und Campe gab bekannt, Monika Maron mit ihren künftigen Werken unter Vertrag genommen zu haben. Maron und Verleger Tim Jung hatten sich die Hände gereicht, nachdem das Haus S. Fischer, wo Maron zuvor mehr als vierzig Jahre lang veröffentlichte, der Schriftstellerin die Tür gewiesen hatte. Nun also erhält Monika Maron das, was man im Mediatorenblabla eine zweite Chance nennt, die Möglichkeit, ihre Literatur, die zum Wichtigsten und Elegantesten gehört, was in Deutschland geschrieben wird, weiter in einem großen Verlag zu veröffentlichen. Gut so, denn so verschwindet sie nicht in der Nische des Obskuren.

Merkwürdig ist die Stille danach. Diese Stille ist am lautesten, wo sonst professionell mit Sprache gehandelt wird, also im Verlag. Bisher war es stets so, dass sich nach einer Atempause Verleger und Programmleiter selbstbewusst daranmachten, der Welt zu erklären, warum sie diesen Autor, diese Schriftstellerin in ihre Reihen aufgenommen haben. Gerne hätte man nun von Verleger Tim Jung erfahren, ob Hoffmann und Campe keine Schwierigkeiten damit hat, dass Maron Aufsätze in der Loschwitzer Buchreihe "Exil" hat erscheinen lassen, deren Herausgeberin die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen ist. Dagens zur Schau gestellte Nähe zum österreichischen Neonazi Martin Sellner und zur Zynikerin Ellen Kositza aus Schnellroda ist auf Youtube unter dem Label "Aufgeblättert, zugeschlagen - Mit Rechten lesen" abrufbar, samt Dagens Gefasel von der Lügenpresse und der Heimat.

Man muss all dies gar nicht für alle Ewigkeit als Vorwurf in den Raum stellen, aber bedarf es nicht der Erklärung? Genauso, wie man Tim Jung gerne gefragt hätte, ob es den Entschluss zu einigermaßen reißfester Treue zur neuen Autorin gibt, selbst wenn der Unmut anderer Autorinnen und Autoren von Hoffmann und Campe, von dem man hört, lauter werden sollte.

Verlagshäuser geben sich, wenn es um Stellungnahmen zu umstrittenen Autoren geht, in den letzten Jahren zunehmend trappistenklösterlich. Eine gute Weile brauchte es, bis der S.-Fischer-Verlag von der unverbindlichen Lebewohl-Formel, man bedanke sich bei der Autorin für die jahrelange Zusammenarbeit, abrückte und zumindest den Tacheles redete, dass Marons Zusammenwirken mit der Loschwitzer Bücherhölle der Trennungsgrund war. Naturgemäß nicht zu greifen wiederum war der superwässrige Kommentar des Suhrkamp-Programmleiters Jonathan Landgrebe, nachdem 2018 auf dem Twitter-Account des Verlages eine Reaktion auf Tellkamps Äußerungen bei einer Podiumsdiskussion mit Durs Grünbein in Dresden zu lesen war: "Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln." Das kann auch gar nicht geschehen, denn irgendeine Haltung des Suhrkamp-Verlags, von Landgrebe "zum Ausdruck gebracht", war aus den Stellungnahmen des Verlegers nicht einmal mit sehr gutem Willen zu erkennen.

Kämpfe um Deutungshoheit haben immer etwas Paternalistisches. Aber sie gehören zum öffentlichen Diskurs

Stolze Bilder der Vergangenheit stehen einem vor Augen, die Pressekonferenz zum Beispiel, die Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gemeinsam mit Thomas Bernhard auf der Frankfurter Buchmesse gab, nachdem in Österreich der Roman "Holzfällen" beschlagnahmt wurde, weil sich der Musiker Gerhard Lampersberg in der Romanfigur "Auersberger" erkannt haben wollte. Ein Operettenskandal, keine Frage. Aber die Lust an der Öffentlichkeit und das Begehren eines Verlegers, jede Gelegenheit zu nutzen, seinem Autor und damit natürlich auch dem Verlag Gehör zu verschaffen, die war groß in jenen Jahren. Kämpfe um Deutungshoheit haben immer etwas Paternalistisches, schon klar. Aber sie gehören nun mal zum öffentlichen Diskurs. Und möchte nicht jeder, der Bücher liest und an intellektuellen Debatten interessiert ist, die starken Stimmen derer hören, die die Arbeitsmittel des Diskurses, die Bücher nämlich, bereitstellen?

Wer in diesen Tagen versuchte, ein Gespräch mit Tim Jung, dem Verleger von Hoffmann und Campe, zu verabreden, bekam ausgesucht freundliche Absagen. Eine davon verdient es, zumindest auszugsweise zitiert zu werden, weil sie eine originelle Spielart von Dialektik vorschlägt: "Wir merken, dass nach der sehr umfangreichen Berichterstattung in den Feuilletons zum Verlagswechsel und über die Personalie Monika Maron in den letzten Tagen bzw. Wochen der Ruf nach einem Gespräch über Literatur immer stärker wird. Das geht uns auch so, weshalb wir auf ein Interview derzeit verzichten möchten."

Wenn Landgrebe bezüglich Tellkamp in Rätseln sprach, so ist die Auskunft von Hoffman und Campe zu Maron fast noch rätselhafter. Denn was heißt diese Auskunft? Es muss geredet werden, deshalb schweigen wir? Oder, noch toller: Wir führen sehr wohl ein Gespräch über Literatur, allerdings nur mit Frau Maron, dass sie sich mal einkriegt mit ihrem Buchhaus Loschwitz? Oder soll der geheimnisvolle Satz bedeuten, Gespräche über Literatur können gar nicht in der Öffentlichkeit stattfinden, weil man dort eh nicht mehr verstanden wird? Das wäre fatal, es wird dann nur noch geraunt statt erklärt und in den Kurznachrichtendiensten halt begleitend gepöbelt.

Man ahnt, wie schwer sich Suhrkamp mit Uwe Tellkamp tut. Allein, man weiß es nicht

Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Aber die besseren unter ihnen waren auch immer Ideenhändler, und sie traten neben und mit ihren Autoren als Gestalter einer Gesellschaft auf, die sich an ihren Kritikern messen lassen sollte. Verleger waren öffentliche Intellektuelle. Klaus Wagenbach hat in den frühen 70er-Jahren sogar den Kampf um die eigene Verlagshoheit nach außen getragen; seine Autoren waren auf unterschiedliche Weise umstritten, und das galt als ein Gütesiegel.

Monika Maron ist jetzt in ihrem neuen Verlag bis auf Weiteres in dessen Schweigen untergekommen. Die nächste Personalie, um deren Schicksal gerätselt wird, ist der genannte Uwe Tellkamp. Im kommenden Jahr sollte bei Suhrkamp sein neuer Roman "Lava" erscheinen. Der wurde mehrmals geschoben, ob er überhaupt noch kommt? Was man weiß von Tellkamp: Auch er hält zu Susanne Dagen, auch er hat in der "Exil" genannten Reihe eine Broschüre publiziert, und man ahnt, dass sich Suhrkamp schwer damit tut. Man weiß es nicht. Es ist ein Schweigen. Eine frische Mail an Jonathan Landgrebe in dieser Sache bleibt unbeantwortet.

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Quelle:
SZ vom 13.11.2020
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