Süddeutsche Zeitung

Märchen:Der Trost des Stinktiers

Inspiriert durch fragmentarische Notizen von Mark Twain erzählt Philip Stead Johnnys Geschichte.

Von Harald Eggebrecht

Wenn es einen Kinderwunschtraum gibt, der ein ganzes Leben lang hält, dann den, die Sprache der Tiere zu verstehen und dann mit ihnen sprechen zu können. Siegfried und das Waldvögelchen, Dr. Doolittle und seine Tiere und nun Johnny auf der Suche nach dem verschwundenen Prinzen Oleomargarine, eine Geschichte aus unveröffentlichten fragmentarischen Notizen Mark Twains zu einem sanft surrealistischen Märchen gerundet von Philip Stead mit wahrlich verzaubernden Illustrationen seiner Gattin Erin Stead. Daraus ist ein vielschichtiges, vielgesichtiges Buch geworden, ein fantastischer Bilderbogen ebenso wie eine wundersame Mosaikerzählung.

Das Huhn "Pest und Hungersnot" ist die einzige Freundin

Johnny bricht auf aus einem wüsten und leeren Jammertal, in dem sein Großvater nichts tut außer fluchen. Hunger und Durst, Elend und Zukunftslosigkeit herrschen. Die einzige Freundin des schmalen Buben ist das armselige Huhn "Pest und Hungersnot". Das soll er jetzt auf dem Markt verkaufen, befiehlt der böse Großvater, "für was zum Essen". Johnny erlebt eine blödsinnige Militärparade, erfährt, dass der König was gegen die "Hochgewachsenen", sprich Riesen, hat und kriegt sein Huhn nicht los. Bis ihn ein Hutzelweiblein um ein Almosen anbettelt. Er gibt der alten Frau sein Huhn und bekommt von ihr ein paar blaue Samenkörner. Zurückgekehrt wird Johnny vom Großvater verprügelt, als der auf den Körnern herumkaut und sie zu bitter findet. Dann stirbt der Alte. Johnny begräbt ihn und findet noch einen Samen, pflanzt, pflegt und gießt ihn, bis eine Blume emporwächst, "zu einer zierlichen rosa Blüte mit goldenem Rand und einem blassblauen Herzen". Der Hunger quält den Jungen, er reißt die Blume aus und isst sie, der Magen bleibt leer. Johnny weint verzweifelt und geht "in die Wildnis, um zu sterben".

Es kommt alles anders, das Stinktier Susy taucht auf, erzählt Johnny von der Juju-Blume, die er gegessen hat, denn sonst könnte er nicht mit den Tieren reden und sie verstehen. Mit Susy und allen Tieren kommt er schließlich zum brüllenden König, der seinen Sohn sucht, den angeblich die Riesen entführt haben. Johnny und seine Freunde lösen das Rätsel, der Prinz ist ein gewalttätiger Brüller wie sein Vater, die Riesen aber verstecken sich in einer Höhle. Worauf es am Ende dieser Geschichte ankommt? "Dort - in Johnnys Land - kann alles Geld der Welt nicht das kaufen, was am allerwichtigsten ist, nämlich: einen wahren Freund." Erin Stead setzt sie ins ovale Erinnerungsbild: Johnny in der Mitte zwischen Stinktier Susy und seinem Huhn, das am Ende einfach wieder da ist.

Das Buch liest und blättert sich als Reise durch ein so fremdes wie vertrautes Land. Herrscher sind eitel und brutal, Prinzen albern und großkotzig. Stead betont, wie anders Johnnys Land dort ist als die Vereinigten Staaten hier. Aber deren wahre Verhältnisse schimmern durch. Dass auch Mark Twain auftaucht, Tee trinkt und vor allem schwarz für die Helden sieht, sei nicht verschwiegen. Philip Stead und Erin Stead machen aus Twains Notizen dies windschiefe, herrlich anarchische Märchenbuch für Kinder und Erwachsene ebenso.

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Quelle:
SZ vom 13.03.2018
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