Süddeutsche Zeitung

Konflikte in dänischen Einwanderervierteln:Lyriker mit Pistole

Lesezeit: 2 min

Von Thomas Steinfeld

Am Montagmorgen wurde der dänische Lyriker Yahya Hassan in seiner Heimatstadt Aarhus festgenommen, nachdem er am Abend zuvor einem Siebzehnjährigen in den Fuß geschossen haben soll.

Die Ereignisse wurden auf Video festgehalten und sind möglicherweise Teil eines gewalttätigen Konflikts zwischen dem Lyriker, der im Herbst 2013 mit dem Gedichtband "Yahya Hassan" als Neunzehnjähriger zu einer nationalen Berühmtheit geworden war, und einer sich als muslimisch verstehenden Bande, die sich "Black Army" nennt und hauptsächlich in den Einwanderervierteln der großen dänischen Städte zu Hause ist.

Das Video zeigt Yahya Hassan, wie er eine Hand in einer Schlinge hat, während er mit der anderen eine Waffe hält und schießt - wobei er Drohungen ausstößt. Sowohl das Opfer als auch der mutmaßliche Täter zeigten das Video kurzfristig auf ihren jeweiligen Facebook-Seiten.

Der aus einer Familie palästinensischer Flüchtlinge stammende Lyriker hatte sich in seinem Gedichtband, der sich in Dänemark in mehr als hunderttausend Exemplaren verkaufte, mit seiner eigenen Jugend in einem solchen Viertel auseinandergesetzt und war darüber zu einer - reichlich mehrdeutigen - Symbolfigur des Gelingens oder Misslingens der Integration muslimischer Immigranten geworden.

Nach der Veröffentlichung des Buches hatte er mehrere Morddrohungen empfangen und hatte zeitweise unter Polizeischutz gestanden. Im November 2013 wurde er von einem radikalen Muslim auf dem Hauptbahnhof Kopenhagen angegriffen, aber nur leicht verletzt.

Auf seiner Facebookseite erschien Yahya Hassan mit verbundener Hand oder mit Messern bewaffnet

Yahya Hassan hatte in den vergangenen Wochen immer wieder blutige Auseinandersetzungen angekündigt, auf seiner Facebook-Seite, auf der er gelegentlich mit verbundener Hand und mit Messern bewaffnet auftritt, aber auch in Zeitungs-Interviews und öffentlichen Stellungnahmen: "Es wird blutig, es wird wie beim Walfang sein", erklärte er in der vergangenen Woche einer Lokalzeitung.

Zu einem Interview mit Politiken, einer nationalen Tageszeitung, erschien er vor einigen Wochen im Kostüm eines Ninja und erklärte, es sei nur eine Frage der Zeit, bevor er jemanden in Notwehr töten müsse.

In welchem Maß es sich bei diesen Auftritten um Ausdrücke eines lebensbedrohlichen Konflikts oder um Inszenierungen handelt, ist indessen selbst für die Feuilletonredaktion der Zeitung Politiken nicht zu erkennen - sie trug wesentlich zum Ruhm des Dichters bei und diente ihm immer wieder als Presseorgan.

Die Inszenierung jedenfalls ist Yahya Hassan nicht fremd: Im vergangenen Jahr ließ er sich für die "Nationalpartei", einen Zusammenschluss von Einwanderern, als Kandidat für das dänische Parlament aufstellen, hatte aber in seinem Wahlkreis nur wenig Erfolg.

Vor einem Monat wurde er aus eben dieser Partei ausgeschlossen, nachdem er unter Drogeneinfluss Auto gefahren war. Als er sich im dänischen Fernsehen noch am selben Tag für sein Vergehen zu verteidigen suchte, glich sein Vortrag einem "poetry slam" und endete mit einer Lobrede auf sein Geschlechtsteil. Ein Rap, der aus dieser Rede montiert wurde, ist gegenwärtig einer der am meisten aus dem Internet heruntergeladenen Popsongs in Dänemark.

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Quelle:
SZ vom 22.03.2016
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