Süddeutsche Zeitung

Theater in Zürich:Die Lockdown-Schwester

Anton Tschechows "Drei Schwestern" als Ein-Mann-Stück am Zürcher Schauspielhaus. Das klappt nicht so richtig.

Von Egbert Tholl

Vor lauter Nichtstun sind Lukas Vögler die Haare bis zur Hüfte gewachsen. Er ist als Einziger übrig geblieben. "Wenn ihr nur wüsstet, wie schwer das ist, allein zu sein." Doch das wissen momentan viele. Im Stück, aus dem seine Figur herausgefiltert wurde, falls es überhaupt eine Figur und nicht Vögler selbst ist - da verschwimmen die Grenzen -, wäre er mindestens zu dritt. Eine von Tschechows "Drei Schwestern", die so viele Träume haben und Pläne und am Ende auf ihre verpfuschten Leben blicken. Nun ist aus den Schwestern also eine geworden und die spielt ein Mann, allein auf der Bühne des Pfauen des Zürcher Schauspielhauses.

Der Monolog, den die Regisseurin Leonie Böhm für ihn aus Motiven Tschechows erdacht hat, ist ein Vexierspiel aus drei Perspektiven. Die eine ist die Sicht Tschechows, wie schön etwa das Arbeiten wäre, wenn einem einfiele, was man Vernünftiges arbeiten könnte. Die zweite ist die eines Schauspielers, der gerade nicht arbeiten kann, zumindest nicht so, wie er gewöhnt ist, denn eigentlich arbeitet Vögler ja, wenn auch nur vor der Kamera eines Live-Streams. Und die dritte Perspektive ist die der Zuschauer. "Schwestern", wie Böhm ihren Monolog nennt, ist ein einstündiges Kondensat aller Lockdown-Erfahrungen, gesammelt im Laufe eines Jahres und angereichert mit Tschechows kanonischem Text.

Leonie Böhm, geboren 1982, gehört zu den aufregendsten Regisseurinnen ihrer Generation. An den Münchner Kammerspielen machte sie aus Schillers "Räubern" die "Räuberinnen" und erzählte mit herrlich selbstbestimmten Schauspielerinnen das Stück und auch die Entrüstung darüber, dass die einzige weibliche Figur darin nichts zu melden hat. Im kurzen optimistischen Theaterherbst des vergangenen Jahres erarbeitete sie am Zürcher Schauspielhaus mit Maja Beckmann einen Medea-Monolog, der zum digitalen Theatertreffen eingeladen wurde. Böhm gelingt es, klassische Stoffe auf die Bühne zu bringen und gleichzeitig das Nachdenken darüber und die Wesenhaftigkeit der Ausführenden zu thematisieren. Das ist oft umwerfend. Bei "Schwestern" klappt es nicht so richtig.

Vögler singt für ihn seine eigene Vertonung von Rilkes Panther-Gedicht

Lukas Vögler erkundet die Leere des Raums, blickt in die leeren Reihen des Parketts, spricht über die Leere in seinem Inneren. Wäre da nicht das immer wieder hindurchwehende Tschechow-Fluidum, sein Herumstromern in Träumen und Erinnerungen, wäre nicht viel mehr als die weiche Larmoyanz eines Schauspielers, der gerade zum Nichtstun verdammt ist. Gut, vielen geht es im Lockdown scheiße, aber hier sagt es einer, so kann man das auch sehen. Und morgen wird ohnehin alles besser, wenn man etwas tut. Vögler tut auch was, er redet, spielt und singt und klettert am Ende in den Rachen eines Panthers.

Außer dem Kameramann und dem Souffleur ist der Panther, ein riesiges, mechanisch zu bewegendes Viech, Vöglers einziger Gefährte hier. Vögler singt für ihn seine eigene Vertonung von Rilkes Panther-Gedicht, "hinter tausend Stäben keine Welt", und sinniert über das einstige laute und lustige Leben. Und er singt von der Unmöglichkeit der Liebe, wie es Tschechows Schwestern tun könnten oder mancher pandemisch vereinsamte Mensch. Das Lied borgt er sich von Rammstein. "Ohne dich kann ich nicht sein, mit dir bin ich auch allein." Er könnte auch singen: Mit mir bin ich auch allein. Als letztes Resümee. Diese Woche hat der Schweizer Bundesrat beschlossen, dass von kommender Woche an die Theater in der Schweiz wieder vor Publikum spielen dürfen, vor 50 Zuschauern und mit strengen Auflagen. Die Stadttheater von St. Gallen und Luzern haben bereits Premieren in den kommenden Tagen angekündigt. Vielleicht sah der Bundesrat Böhms "Schwestern" vorab. Und beschloss, dem momentanen Theaterelend ein Ende zu machen.

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