Süddeutsche Zeitung

Literatur:Wie sieht das perfekte Buchcover aus?

Mitarbeiter von fünf Verlagen erklären, wie ein Cover am besten funktioniert - vom Roman bis zum Ratgeber.

Von Christiane Lutz

So konkret wie möglich

Kinderbücher müssen gleich zwei Zielgruppen überzeugen: die Kinder - und natürlich ihre Eltern, denn die wählen die Bücher in der Regel aus. Mascha Schwarz leitet seit zehn Jahren den Tulipan Verlag, in dem Bilderbücher und Romane für Kinder erscheinen. Was ein Cover leisten muss, beschreibt sie so: "Der potenzielle Käufer muss anhand des Covers begreifen, worum es in dem Buch geht. Wir können nicht einfach die schönste oder lustigste Illustration nehmen, sondern wir nehmen diejenige, die die Geschichte am besten vermittelt." Bei Kinderbüchern muss das Cover sehr konkret sein, Kinder können mit hintersinnigen Andeutungen oder gar Ironie überhaupt nichts anfangen. So zeigt das Buch "Das U-Boot auf dem Berg" als Cover ein - Überraschung - U-Boot auf dem Berg. "Trotzdem wirft das Buch Fragen auf: Was macht ein U-Boot auf dem Berg? Es ist ein Rätsel, das die Kinder lösen wollen."

Je älter die Leser werden, desto größer die Möglichkeit, Cover spielerischer und weniger konkret zu gestalten. "Vorsicht aber vor Coolness", sagt Mascha Schwarz, "was wir Erwachsenen cool finden, finden Kinder oft schrecklich." Das U-Boot beispielsweise hieß im Skript ursprünglich Eleonore. Erwachsene finden das putzig. Kinder altbacken. Ob ein Buch letztlich aber geliebt wird, das weiß selbst Mascha Schwarz nicht. "Kinder posten ja nichts im Internet. Das bleibt also ewig mysteriös."

Mascha Schwarz, Tulipan Verlag

Bei Krimis darf es blutig sein

Zwei Sekunden sind sehr kurz. Länger aber, davon geht Jochen Kunstmann aus, braucht ein Käufer nicht, um zu entscheiden, ob er nach einem Buch greift oder nicht. Er arbeitet bei Knaur/ Droemer im Marketing und betreut die Spannungs-Sparte, also Krimis und Psychothriller. Zwei Sekunden sind zu kurz, um widersprüchliche Informationen zu senden. "Ein Cover muss sein Versprechen klar machen", sagt er. "Kriege ich einen neuen Fall meines Lieblingskommissars zu lesen, wie bei den Krimis von Andreas Franz? Kriege ich richtig harte True-Crime Fälle, wie bei den Büchern des Rechtsmediziners Michael Tsokos?" Auf den Covern von Tsokos Büchern, die Titel wie "Zersetzt", "Abgeschnitten" oder "Zerschunden" tragen, sieht der Leser, genau, Zerschnittenes, Zersetztes. "Natürlich alles ohne echtes Blut und echte Knochen", versichert Kunstmann.

Auffallend bei Knaur/Droemer: Je bekannter der Autor, desto größer darf sein Name auf dem Cover prangen. Denn für viele Fans funktioniert allein diese Wiedererkennung als Kaufargument. Aktueller Megaseller bei Droemer: Sebastian Fitzek, dessen neues Buch "Das Paket" eben erschienen ist. Dafür hat man sich dann noch etwas einfallen lassen: Das Buch sieht nicht nur wie ein Paket aus, es steckt auch in einem kleinen Paket.

Jochen Kunstmann, Knaur/ Droemer

Fantasy-Fans wollen Heldenbilder

Glänzende Schwerter, ein Krieger mit wehendem Haar, ein Drache, der seine Zähne fletscht. Archaisch, ungezähmt. So sehen die meisten Cover der Fantasy-Bücher des Piper-Verlags aus. Carsten Polzin ist Programmleiter für Science Fiction und Fantasy bei Piper. "Das Thema ist eigentlich immer das gleiche: der Kampf von Gut gegen Böse. Fantasy-Fans lieben es, wenn das Cover den Helden möglichst konkret abbildet." Eine externe Grafikagentur beauftragt dafür spezielle Fantasy-Illustratoren, die genauestens darüber informiert werden, wie der Held aussieht. Und wehe, die Haarfarbe ist am Ende falsch. "Das nehmen die Fans richtig übel."

Polzin weiß, dass Fantasy-Romane für viele als seichte Unterhaltung gelten, aber sie haben eine große, extrem viel lesende Anhängerschaft, die Regalmeter an Büchern zu Hause stehen hat. Diese erreicht er vor allem über Fantasy-Communities und auf Facebook. Warum aber muss das Cover immer so finster sein? "Sehen sie sich Markus Heitz' 'Legenden der Albae' an", sagt Polzin, "da ist der Hintergrund weiß." Der Krieger aber, der muss natürlich sein.

Carsten Polzin, Piper

Bei Romanen zählt das Gesamtbild

Wie funktioniert das perfekte Cover? "Na, wenn ich die Zauberformel hätte, säße ich jetzt am Starnberger See in meiner Villa", sagt Attila Zoltan, Werbeleiter bei Luchterhand. Man könne nicht einmal von dem Luchterhand-Cover sprechen, ein Cover hänge immer vom Werk und seinem Autor ab. "Luchterhand Cover wollen vermitteln: Hier hast du gute Literatur, die aber auch gut lesbar ist." Das Cover von Juli Zehs "Unterleuten" ist ein Beispiel dafür: elegant, schlicht, weiß. Der Name der Autorin steht relativ groß über dem Titel, darunter das Bild eines lustig aussehenden Vogels. Ein Kampfläufer, wie der Leser im Buch erfahren wird.

Juli Zeh hat maßgeblich am Cover mitgearbeitet. Einen ersten Vorschlag, Windräder aufs Buch zu drucken, lehnte sie ab. Zu industriell. "Es ist uns wichtig, den Autor beim Cover mit einzubeziehen", sagt Zoltan. Er streitet aber nicht ab, dass der Verlag bei einem Debütanten natürlich stärker eingreift als bei einer Autorin vom Kaliber Juli Zeh oder Karl Ove Knausgård, dessen autobiografische Reihe ebenfalls bei Luchterhand erscheint.

Attila Zoltan, Luchterhand

Ratgeber müssen klug aussehen

"Unsere Bücher sind Hilfestellungen. Tu-Bücher. Das müssen wir auf den Covern transportieren", sagt Frank Häger, Programmgeschäftsführer des Gräfe und Unzer Verlags. Dessen Ratgeberbücher mit dem dicken "GU" in der Ecke findet man häufig in eigenen Ständern in Buchhandlungen, an sich schon relativ auffällig. Kein Lebensbereich bleibt ohne passenden Ratgeber: GU veröffentlicht Bücher über Yoga, Chia-Samen und Zwergkaninchen. Die kaufen vor allem Frauen. Und die kaufen Wohlgefühl. Häger sagt: "Gerade findet bei uns eine Art Generationenwechsel statt. Wir nutzen auf den Covern wieder frohere, frischere Motive und Farben, wo es bis vor ein paar Jahren noch gedeckter zugegangen ist." Beispiel: "Das Prinzip Kochen", auf dem eine halbierte Avocado zur Glühbirne umfunktioniert wird. Ein bisschen konkret, ein bisschen witzig. Anders funktioniert es, wenn ein Prominenter einen Ratgeber schreibt. Wie der Koch Horst Lichter, auf dessen Buch "Keine Zeit für Arschlöcher" natürlich kein selbiges, sondern der Autor abgebildet ist.

Frank Häger, Gräfe und Unzer

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Quelle:
SZ vom 12.11.2016/cag
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