Süddeutsche Zeitung

Kino:Gefühlte Freiheit

Beim Teheraner Filmfest gab es einige Tabubrüche auf der Leinwand zu bestaunen - aber das letzte Wort hat immer noch die Zensurbehörde.

Von Amin Farzanefar

Die Impressionen auf der Anfahrt sind von Kontrasten bestimmt: Die letzten Wagen der Teheraner Metro tragen den Warnhinweis "Women only", doch die rigide Geschlechtertrennung gilt schon auf der Rolltreppe nicht mehr, im Gewühl der Sammeltaxen ist sie endgültig aufgehoben; das Kopftuch - Gradmesser der jeweils geduldeten Freiheiten - sitzt wieder locker und rutscht tief in den Nacken, vorne schauen blondierte Haarsträhnen heraus. Und dann das Mysterium des Teheraner Verkehrs: Nach dem strikten Verbot alter Rostlauben vor wenigen Jahren wimmelt es nun von Neuwagen, zugleich beklagen selbst gut ausgebildete Mittelständler drastische Existenzsorgen - durch das Atomabkommen wurden zwar viele Sanktionen aufgehoben und es ist eine Schwemme von westlichen Handelsdelegationen und Touristen gekommen, aber amerikanische Banken dürfen immer noch keine Geschäfte mit Iran machen.

Prinzipiell sind die Ergebnisse der Nuklearverhandlungen wie der Parlamentswahlen gute Ausgangsbedingungen für eine Liberalisierung, die auch die Kultur erfasst. Präsident Hassan Rohani und sein Kultusminister sind erklärte Fürsprecher des Kinos. Bisher aber ohne Konsequenzen: Nach wie vor werden Filmemacher verhaftet, das Berufsverbot für Jafar Panahi gilt weiterhin. Die Zensur existiert immer noch - aber die Stimmung ist besser. In Iran ist dieser Unterschied zwischen tatsächlicher und gefühlter Temperatur überlebenswichtig.

Religiöse Stoffe gehen immer, aber jüngere Geschichte bleibt ein heikles Sujet

Warum das Teheraner Filmfest Fajr geteilt wurde, weiß niemand genau. Jedenfalls läuft seit 2015 der nationale Wettbewerb zu den Revolutionsfeierlichkeiten im Februar. Und im April gibt es nun ein internationales Festival, mit starker iranischer Präsenz. Das Festivalzentrum ist diesmal das "Charsou Cineplex", ein Multiplex im 5. und 6. Geschoss einer Shopping Mall, so dass man auf dem Weg ins Kino an brandneuen Samsung- und Apple-Läden vorbeieilt. Ein neuer Ort: In den Neunzigern unter dem Reformpräsidenten Chatami, als fast jeder Film neue inhaltliche und stilistische Freiheiten auslotete, tagte Fajr im zentral gelegenen Lale Park und im Teheran Museum of Contemporary Art, wo Giacometti-Statuen neben iranischer Moderne stehen, und es gab ein Café, in dem sich auch Schriftsteller, unabhängige Filmemacher und dezidierte Kritiker des staatlichen Festivals blicken ließen. Unter Ahmadinedschad verschwand das Festival aus dem urbanen Zentrum, zog in den Sockel des himmelragenden Milad Tower, des höchsten Gebäudes der Stadt: augenfällig, aber unendlich schwer zu erreichen.

Jetzt, in der Ära Rohani, ist es also eine Shopping Mall - das erinnert an die Berlinale-Konsumtempel am Potsdamer Platz. Mit ein paar Einschränkungen: Das Wlan für Journalisten wird noch strenger gefiltert als anderswo, wer seine E-Mail mit der überall verbreiteten Umgehungssoftware lesen will, fliegt gleich ganz aus dem System. Anders als im Februar kann der normale Cineast keine Tickets kaufen, sondern muss sich im Vorfeld des Events als Mitglied eines "Fajr Filmclubs" anmelden.

Es werden aber immerhin auch die Preisträger des nationalen Festivals für ausländische Fachbesucher gezeigt. Das Genre der sogenannten Geheiligten Verteidigung, das die Märtyrer des Iran-Irakkrieges in den 80ern preist, ist nach wie vor gut subventioniert: Tatsächlich ist Mohammad Hossein Mahdavians Kriegsfilm "Standing in the Dust", innovativ inszeniert - als eine Art Dokudrama; Augenzeugen kommentieren die Ereignisse um den charismatischen Kommandeur Motavasselian, der in Libanon verschollen ist. Die Kamera blickt immer aus der zweiten Reihe, einiger Distanz oder an unscharf ins Bild ragenden Gegenständen vorbei auf das historische Geschehen - Legendenbildung durch ungewöhnliche Erzählperspektive und überzeugende Darsteller.

Wenn man von religiösen Stoffen absieht, bleibt jüngere Geschichte ein heikles Sujet: "Ashghalhaye Dustdashtani" ("Loveable Garbage") thematisiert offen die Wahlunruhen von 2009, ein auch formal, mit animierten Fotografien originell gemachter Film, dessen Regisseur Mohsen Amiryousefi in Cannes immerhin einmal eine Caméra d' Or gewonnen hat. Seit zwei Jahren kämpft er um die Freigabe seines Films - ohne Erfolg, er darf nicht gezeigt werden.

Insgesamt werden aber soziale Missstände und Tabus immer direkter und häufiger angesprochen: Drogensucht, Aids, Kinderheirat, Umgang mit Behinderten. Die kleine Dokumentarfilmauswahl belegt das auf hohem Niveau: Behrouz Nouranipour fängt anrührende und bisweilen poetische Augenblicke ein im Flüchtlingscamp "A157" und verweilt bei drei Mädchen, die vom IS entführt, missbraucht und geschwängert wurden. Auch die Teenager aus "Starless Dreams" sind Opfer: In einer Besserungsanstalt sitzen die jungen Frauen wegen Taschendiebstahl, Drogenhandel oder auch Totschlag ein. Mehrdad Oskuie, einer der bekanntesten iranischen Dokumentarfilmer, widmet sich aufmerksam ihren Geschichten und stößt schnell auf Erfahrungen von Kinderarmut, frühem Drogenkonsum, Gewalt und familiärem Missbrauch. Die Gesellschaft, die solche Biografien erzeugt und dann kriminalisiert, steht hier eigentlich am Pranger.

Auch bei den Spielfilmen, meist Familiendramen, erscheinen die Probleme eines Einzelnen oft als Symptome eines kranken Systems: In Ehsan Biglaris "My Brother Khosro" mischt der bipolare, künstlerisch talentierte Protagonist die in Konformismus erstarrte Familie seines Bruders Nasser auf und riskiert so, unter psychiatrische Aufsicht gestellt zu werden. "Lantouri" erzählt zunächst vom charismatischen Bandenchef Pasha, den Öffentlichkeit und Medien mal als Verbrecher verdammen, mal als Rebell verehren. Doch wie so viele Romantiker hat Pasha sich nicht richtig im Griff: Aus einer manisch übersteigerten Liebe heraus wandelt er sich zum kontrollsüchtigen Psychopathen, der temporeiche Gaunerfilm wird zum Melodram über Blutrache, mit langen, detailgenauen Einstellungen. Regisseur Reza Dormishian experimentiert mit unterschiedlichen Erzähltechniken, springt herum zwischen Schauplätzen, Protagonisten und Filmformaten, hinterfragt seinen eigenen Bericht, wendet sich gegen die Todesstrafe, erzählt von der Perspektivlosigkeit der iranischen Jugend. Er zerrt an den Sehnerven der Zuschauer - ein unbequemes, wichtiges Werk. Seinen Film "I am not Angry!", den er davor gemacht hat, darf Dormishian in Iran immer noch nicht zeigen.

Manche Abwesenheit ist keine Frage der Zensur - Oscar-Sieger Farhadi geht lieber nach Cannes

Der stärkste Film des Festivals, "Life and a Day" von Sassed Roostaee hat die Wucht, Kraft, Sprachgewalt und das Pathos eines Tennessee-Williams-Dramas, getragen von überragenden Darstellern - Peyman Moadi aus dem oscarprämierten "Nader und Simin, eine Scheidung" gibt hier einen vierschrötigen Ex-Junkie. Alle in seiner Familie sind verstrickt in ein unentrinnbares Netz finanzieller und emotionaler Abhängigkeiten. Um sich und den Geschwistern eine neue Existenz aufzubauen, nimmt der ältere Bruder bei einem reichen Afghanen einen Kredit auf, den die Schwester durch Ehelichung des Gläubigers tilgen soll. Das führt zum Zusammenbruch der mühsam aufrechterhaltenen Fassade. Den jüngeren Bruder (Navid Mohammadzadeh) haben Crystal-Meth, Crack und die Dysfunktionalität der Familie zum Wrack gemacht - eine Performance, die zwischen der Kaputtheit des frühen Robert DeNiro der New Hollywood-Ära und der Verzweiflung von James Dean fluktuiert.

Noch vor wenigen Jahren wurden solch harte Themen im iranischen Kino ausschließlich aus sozialrealistischer Warte verhandelt. Nun gibt es die vom ideologisch gegängelten Publikum ersehnten Tabubrüche, in sarkastisch-nonchalantem Ton. "Barcode" von Mostafa Kiaei beispielsweise ist eine episodische Gaunerkomödie im Guy-Ritchie-Stil um zwei Trickster, die im Milieu der Drogendealer permanent scheitern und um Haaresbreite davonkommen. Zu den vielen Unerhörtheiten gehört die lustige Szene um einen möglicherweise schwulen Tätowierer; kühn ist auch, dass einer der Protagonisten ausgerechnet als Geistlicher verkleidet seine Betrügereien abzieht - eine Kinofreigabe hat Kiaei allerdings noch nicht.

Dass im diesjährigen Jahrgang die Werke der ganz großen Namen fehlten, liegt vor allem an der Landesflucht während der Ära Ahmadinedschad: Große Regisseure - Mohsen Makhmalbaf, Bahram Beyzai, Rafi Pitts und Bahman Ghobadi - sind fort. Doch die Zensur ist nicht allein dafür verantwortlich, dass vieles nicht in Fajr lief: "The Salesman" etwa, der neue Film von Oscargewinner Asghar Farhadi, feiert seine Premiere nicht zu Hause in Teheran, sondern erst im Wettbewerb von Cannes. Vorab-Vorführungen liebt man in Cannes nicht, sie senken den internationalen Verkehrswert. Zumindest so ist Iran nach langer Isolation auf dem globalen Markt angekommen. Die Shopping Mall passt also zum Bild.

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Quelle:
SZ vom 03.05.2016
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