Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Der Jazzpianist Keith Tippett ist tot

Er war bekannt für die atonalen Klangwände, die er aus jedem Moment eines Stückes ausbrechen lassen konnte. Mit 72 Jahren ist er gestorben.

Von Andrian Kreye

Als Keith Tippett 1967 mit 19 Jahren aus seiner Heimatstadt Bristol nach London zog, erwischte er einen perfekten Zeitpunkt in der Musikgeschichte der Hauptstadt. Auf der einen Seite hatten sich die südafrikanischen Jazzgiganten der Blue Notes dort niedergelassen und halfen den Briten, sich von den amerikanischen Vorbildern zu emanzipieren. Auf der anderen Seite machten sich an den Hochschulen Studenten auf, den britischen Rock vom Korsett des Bluesschemas zu befreien.

Zwischen diesen Koordinaten fand der junge Tippett seine Stimme am Klavier. Bekannt wurde er für seine Cluster, atonale Klangwände, die er aus jedem Moment eines Stückes ausbrechen lassen konnte. Seiner Aura als musikalischer Kraftprotz half es, dass er mit seiner kräftigen Statur und dem buschigen Backenbart aussah wie eine Figur aus dem 19. Jahrhundert. Sein Spiel konnte aber auch extrem präzise und lyrisch sein. Das machte ihn nicht nur zum perfekten Kopf seiner vielen orchestralen Experimente. Er war auch ein gesuchter Partner für Progrockbands wie King Crimson und Soft Machine.

Am stärksten waren seine Experimente mit seiner Frau, die als Sängerin unter ihrem Mädchennamen Julie Driscoll Ende der Sechzigerjahre in Brian Augers Band Trinity ein paar Rockstarjahre hinter sich hatte. Keith Tippett gehörte zu den produktivsten Musikern seines Landes. Seine Diskografie als Pianist und Komponist ist schier endlos, reicht vom Free Jazz bis zum Folk. Nun ist er im Alter von 72 Jahren gestorben.

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Quelle:
SZ vom 17.06.2020/khil
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