Süddeutsche Zeitung

Kabarett:Pointen vor Politik

Lucy van Kuhl gewinnt das Passauer Scharfrichterbeil. Gesellschaftliche Relevanz fehlte dem Wettbewerb

Von Oliver Hochkeppel, Passau

Am Schluss, bei der Verkündung der Sieger, machte es der Moderator Holger Paetz fast schon unhöflich kurz. Aber es war spät geworden, die Jury hatte eine dreiviertel Stunde gebraucht, um aus den sechs Kandidaten die drei Gewinner des 37. Passauer Scharfrichterbeils zu küren. Das kleine Beilchen für den dritten Platz blieb in Niederbayern und ging an den Straubinger Mathias Kellner. Den kannte man bisher als Musiker, jetzt erzählt er auch Geschichten aus seiner Jugend, von den ersten Liebeleien und emotionalen Verirrungen zum Beispiel. Sehr unterhaltsam, aber - das muss man als neutraler Beobachter konstatieren - noch kein Kabarett, dafür fehlt die Brechung und das Satirische. Das schon ordentlich dimensionierte mittlere Beil bekam der Österreicher Dietmar Ebenhofer alias Didi Sommer, ein 44 Jahre alter Spätstarter, der nun mit seinem eigentlich ersten Kabarettprogramm die Tradition des Typenkabaretts in der Linie Qualtinger, Hader, Blözinger fortführt. Seine Figur eines groben Mühlviertler Bauern war jedenfalls die schrägste, widerborstigste und theatralischste des Abends.

Das für jede Heimreise problematisch riesige Siegerbeil freilich ging an Corinna Fuhrmann alias Lucy van Kuhl und damit ins Musikkabarett- und Chanson-Fach. Die vom klassischen Konzertklavier und der Lied- und Literatur-Begleitung kommende, in Berlin und Südfrankreich lebende Kölnerin lag nicht nur bei der Jury, sondern auch beim mitwertenden Publikum weit vorn. Was sie, die schon den als "Celler Schule" berühmten Einladungs-Workshop für Musik-Autoren besuchen durfte, Anfang des Jahres von Konstantin Wecker für sein Label "Sturm und Klang" verpflichtet wurde und gerade erst vor ein paar Tagen mit ihrem Debütprogramm München-Premiere in der Lach- und Schießgesellschaft feierte, einem kreativen Dreiklang verdankte: Ihrem musikalisch wie sprachlich bestechend solidem Handwerk, ihrer Bühnenpräsenz und der sichtbaren Begeisterung, mit der sie ihre Songs über unsere Überflussgesellschaft ("Zuviel Auswahl"), verliebte Koffer oder die Melancholie angesichts des letzten sommerlichen Urlaubstages vortrug. Zwar - und dies ließ die Jury sogar in die Begründung einfließen - wünschte man sich noch etwas mehr Tiefgang und die für Kabarett eben nicht unwichtige "gesellschaftliche Relevanz", doch schon perspektivisch war dies sicher die richtige Wahl.

Ohne eines der mehr oder weniger praktischen Spaltwerkzeuge fuhren damit nach Hause: die Autorin Katinka Buddenkotte, die ihre Texte wie im Poetry Slam vorlas, aber wohl auch bei einem solchen Wettbewerb keinen Stich gemacht hätte - allzu lang, allzu bemüht und allzu elaboriert waren ihre Geschichten, vor allem die nicht enden wollende über das Backen von Cantuccis; wenn man bei so einer Tätigkeit die "schlimmsten zehn Minuten meines Lebens" verbringt, dann ist dieses Leben einfach nicht spannend genug für die Bühne. Dann der tatsächlich von den Poetry Slams (hessischer Vizemeister) kommende studierte Kunsthistoriker Jakob Schwerdtfeger, der (abgesehen von einem ordentlichen Freestyle-Rap mit vom Publikum vorgegebenen Begriffen) seine Verteidigung der Kunst gegen die gängigen Vorurteile leider selbst mit einem Sammelsurium aus Klischees bestritt. Schließlich, und vermutlich am knappsten, der Österreicher Rudi Schöller (alias Rudolf Schöllerbach), der seine durchaus interessanten Texte leider mit einer allzu gleichförmigen, teilnahmslos wirkenden Darstellung verschenkte.

Wieder einmal erwies sich das Scharfrichterbeil als Gradmesser der aktuellen Kabarett-Fieberkurve. Wie auch Holger Paetz - der für seine faszinierend abstrusen Gedichte erste Wahl gewesen wäre, hätte er nicht moderiert, sondern teilgenommen - schon eingangs feststellte, konnte von einem Nachwuchswettbewerb kaum mehr die Rede sein. Schon seit einigen Jahren drängen außer Business-Plan-Mixed-Show-Comedians kaum junge Kabarettisten nach. Der 30 Jahre lang fast parallel laufende Münchner "Kabarett Kaktus" stellte nicht zuletzt deswegen im vergangenen Jahr den Betrieb ein, und auch das Scharfrichterbeil selbst beweist diesen Befund, wenn aus 60 Bewerbern diese sechs Teilnehmer übrig bleiben: Ihr Altersdurchschnitt lag bei 39 Jahren, alle waren sie Quereinsteiger oder seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in der Szene unterwegs.

Ebenso auffällig und für Oldschool-Kabarett-Fans erschreckend war, dass Politisches nahezu vollständig ausgeblendet blieb. Man mag sich damit trösten, dass es schon immer Wellenbewegungen gab, und angesichts der wieder bewegteren "Friday For Future"-Jugend wohl bald wieder kritische Geister nachrücken müssten. Das wird das in den kommenden Jahren mit am besten beim Scharfrichterbeil zu beobachten sein.

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Quelle:
SZ vom 06.12.2019
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