Süddeutsche Zeitung

Jochen Hörischs neues Buch "Hände - eine Kulturgeschichte":Metaphernschlachtengemälde

Haben wir im Zeitalter des digitalen Kapitalismus unsere Hände vergessen? Jochen Hörischs Kulturgeschichte der Hand

Von Lothar Müller

Hände können verführerisch sein. Zu ihrem Gestenrepertoire gehört das Flehen um Hilfe. Leider sind sie auch Schauspieler, denen man nicht immer trauen kann. Den Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch haben sie jetzt dazu gebracht, sie aus einer Gefahr zu erretten, von der gar nicht so klar ist, ob es sie gibt. Am Beginn seines neuen Buches "Hände. Eine Kulturgeschichte" steht die Klage über die "radikale Abwertung, ja Negativbewertung der Hand" und die "massenhaft verbreitete kultische Verehrung strammer Beine, muskulöser Waden und virtuoser Füße". Die Klage mündet in die These: "Fußball ist der deutlichste Ausdruck der Handvergessenheit, die unsere Gegenwart kennzeichnet." Das leuchtet nicht unmittelbar ein. Ist die große Bedeutung von Baseball und Basketball in den Vereinigten Staaten ein Symptom für die Fußvergessenheit der amerikanischen Gesellschaft?

Der Fußball ist eher ein launiger Einstieg, doch mit dem "Zeitalter der Handvergessenheit" ist es dem Autor ernst. Er sieht es zum einen aus der Abwertung des Handwerks hervorgehen, die schon Rousseau beklagte, zum anderen aus dem Aufstieg des "digitalen Kapitalismus", der zur " Erosion aller Handgreiflichkeiten" führt und im Niedergang der Handschrift am deutlichsten sichtbar wird.

Der Ausdruck "Handvergessenheit" ist Heideggers "Seinsvergessenheit" nachgebildet, doch zielt er auf die politische Ökonomie des digitalen Kapitalismus: "Die invisible hand des spätkapitalistischen Marktes schätzt den Wert von Firmen am höchsten, die nichts Handgreifliches produzieren." Das ist mit Blick auf Google, Facebook, Instagram, Twitter und mannigfache Streaming-Dienste plausibel. Aber was folgt daraus für die Kulturgeschichte der Hände, die der Titel des Buches verspricht?

Die unsichtbare Hand des Marktes ist die heimliche Hauptfigur

Im Aufstieg der Plattformen steckt, wenn nicht Handgreifliches im überkommenen Sinn, so doch eine historisch neue Kooperation von Auge, Hand und Ding. Fingerkuppen gleiten bei vielen Menschen hochvirtuos über sensible Touchpads, schon die Hände der Kleinen wischen Bilder fort und heran, Minimalberührungen in der falschen Sekunde können ungewollte Transaktionen auslösen. Hörisch hat die Finger, die beim Liebesspiel oder Klavierspiel ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen, vor Augen, ebenso die Finger, die auf den modernen Zauber-Instrumenten virtuelle Welten erschließen.

Aber die Realgeschichte der Hände in der großen Epoche des aufblühenden Handwerks, beim Take Off der industriellen Revolution oder in den aktuellen Digitalisierungsschüben lockt ihn sehr viel weniger als die Welt der Metaphern, Redewendungen, begrifflichen Formeln, Wortspiele und poetischen Muster, die mit den Händen verknüpft sind, oder die Darstellungen von Händen in der bildenden Kunst, sei es bei Dürer oder M.C. Escher. Hörisch erläutert die Anatomie der Hand, ihr Freiwerden durch den aufrechten Gang, blickt auf ihr Skelett und die Fingerknochen.

Die Hand jedoch als physisches Gebilde und Werkzeug ist eher der Stichwortgeber für die Auftritte der Hand in der Sprache und der bildenden Kunst. Die Finger in ihrem Verhältnis zueinander und der Daumen spielen nur Nebenrollen, beim Tastsinn bleibt das große Feld der Warm-kalt-Empfindungen weitgehend ausgespart.

Es zieht den Autor Hörisch in die Welt des Wortes, der reflexiven Inanspruchnahmen der Hände. Die unsichtbare Hand des Marktes ist die heimliche Hauptfigur des Buches. Seine "Phänomenologie der Hand" entwickelt er am Leitfaden der Formel Friedrich Schlegels, der die Hände "Fühlhörner der Vernunft" nannte. Hier ist er in seinem Element, der Literatur- und Geistesgeschichte seit dem 18. Jahrhundert. Er ist mit Johann Gottfried Herder im Bunde, der Tastsinn und Gefühl aufwertete und gegen ihre Isolierung von den vermeintlich höheren Sinnen Auge und Ohr in Schutz nahm.

Vor allem Goethe ist der große Kronzeuge für das Lob der Geistesaffinität der Hand, von der Worte wie das Begreifen und der Begriff zeugen. Manche Passagen über die Hand, den Verstand und die Vorzüge des "Unreinen" klingen wie ein fernes Echo der Zeiten, in denen mehr oder weniger lautstark die Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften gefordert wurde: "Die Hand ist (wie der Handel und sein Medium Geld, das von Hand zu Hand geht) geistreicher, als es dem selbstbewussten Geist lieb sein kann."

Kafkas hinreißende Beschreibung eines Kampfes seiner beiden Hände hat einen großen Auftritt

Jochen Hörisch, Jahrgang 1951, hat vor nicht allzu langer Zeit seine Professorenstelle in Mannheim verlassen. Jetzt nimmt er sich die Freiheit des Enzyklopädisch-Assoziativen. Maradona taucht mit seiner Hand Gottes auf, Thomas Mann mit den Händen, die in den Buddenbrooks eine so auffällige Rolle spielen, Rilke als Ausleger der von Rodin geformten Hände, Matthias Claudius mit den Versen an und auf seine Frau Rebekka, Sartre mit dem "Ekel" und F.C. Delius mit "Die linke Hand des Papstes".

Manchmal scheint es fast, als kehre hier ein Philologe aus der Generation, die ihr Fach durch immer neue Theorieaufbrüche lustvoll unterminiert hat, nach dem Ende der Amtszeit in den Hafen der guten alten Motivgeschichte zurück. Einer Motivgeschichte neuen Typs allerdings, die ihre Perlen auf einen mit Kapitalismuskritik durchwirkten Faden aufzieht: "Die unsichtbare Hand des Marktes ist das neuzeitlich-moderne funktionale Äquivalent der Hand Gottes. Beide Hände bewirtschaften Knappheit, Endlichkeit und Zeitlichkeit."

Über Gott, Geld und Medien oder die Theologie der Märkte hat Hörisch schon häufig geschrieben. Hier unterfüttert er seine Diagnosen durch einen Streifzug durch seinen privaten Kanon mit dem Suchbefehl "Hände". Ein facettenreicher Goethe-Essay entsteht dabei unter der Hand, im Blick auf Faust und Mephisto, auf Wilhelm Meister, Mignon und ihren Tanz, auf die eiserne Hand des Götz von Berlichingen, das Faustrecht und den modernen Staat. Kafkas hinreißende Beschreibung eines Kampfes seiner beiden Hände hat zu Recht einen großen Auftritt. Am Ende treten zwei Großmetaphern gegeneinander an, die unsichtbare Hand des Marktes und die öffentliche Hand, und am Ende wird der Manager ("macht sich die Hände nicht schmutzig") zur emblematischen Figur der "Handvergessenheit" des modernen Kapitalismus.

Das Buch ist ein Zeichen dafür, dass die Wunderkammer als Modell kulturhistorischer Bücher noch nicht ausgedient hat. Trotz aller Fülle geht ihr hier allerdings die barocke Vielfalt des Nebeneinander von Kunst und Natur ab. Die Diagnose des digitalen Kapitalismus als "Zeitalter der Handvergessenheit" kennt das Schicksal der Handschrift, aber kaum das Schicksal der Hände dort, wo sie nicht in der Sprache leben. Für das, was die Hände tun und leiden in der Geschichte, wie sie erzogen und oft auch dressiert wurden, wären Handwerksregeln, Apparaturen, Schreibgeräte, pädagogische Traktate, Gebrauchsanweisungen, Unfallberichte, Schulordnungen, technologische Magazine etc. geeignete Auskunftgeber. Wer eine Kulturgeschichte der Hände verspricht, sollte an ihnen nicht allzu nonchalant vorbeigehen.

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