Süddeutsche Zeitung

Jazz:Futur 3

Musik für den Sommer, der nie stattgefunden haben wird: Der Gitarrist, Sänger und Liedermacher Tom Misch und der Schlagzeuger Yussef Dayes haben gemeinsam ein kongeniales Album aufgenommen.

Von Andrian Kreye

Zu den vielen Gründen, warum so viele neue Jazzmusiker mit wirklich neuen Ideen aus London kommen, gehört die Tatsache, dass es in dieser Stadt einige der besten Plattenläden der Welt gibt. Plattenläden sind für Jazzmusiker so etwas wie die Staats- und Unibibliotheken für Geisteswissenschaftler. Da schöpfen sie Geschichts- und Weltwissen, bevor sie sich in der Praxis der Clubs beweisen. Der Gitarrist, Sänger und Liedermacher Tom Misch und der Schlagzeuger Yussef Dayes etwa, die gerade ein gemeinsames Album mit dem Titel "What Kinda Music" (Blue Note) aufgenommen haben.

Beide haben ein so enormes Musikwissen, dass es ihre jeweiligen ersten Alben fast erdrückte. Tom Misch wird zwar nicht müde zu erzählen, dass John Mayer sein großes Vorbild ist. Er steckt aber viel zu tief im Handwerk seiner Jazz-Bildung und jener Zeit, als Michael Franks, Paul Simon und Brenda Russell Jazz über die Hintertür des Softrock an ein breiteres Publikum brachten, um sich mit dem lodernden Mayer-Blues zu messen. Was kein Schaden ist. Sein Debüt "Geography" brachte diese Yachthafen-im-Sommer-Mentalität mit dem Gespür des erfahrenen Clubbers sehr nett in die Gegenwart.

Yussef Dayes ist wiederum eine dieser John-Henry-Figuren des Jazzschlagzeugs. Ähnlich wie der amerikanische Volksheld mit seinem Stahlhammer gegen die Dampfmaschine der damaligen Neuzeit antrat, schaffen es Schlagzeuger wie Dayes, mit einem Höchstmaß an Geschick die Schnellfeuergirlanden zu übertrumpfen, mit denen die britischen Club-Produzenten ihre Computer seit den Neunzigerjahren füttern. Dayes hat zwei Jahre lang bei Billy Cobham gelernt, dem Miles-Davis-Drummer, der seine Schlagzeugtechnik in den Siebzigerjahren auf ein schier unerreichbares Plateau aus handwerklicher Kraftmeierei und Bombast hob. Was Dayes dann Mitte der Zehnerjahre gegen die brachialen Keyboards seines Weggefährten Kamaal Williams im Duo Yussef Kamaal in Stellung brachte, war live eine Tour de Force der Rhythmuswechsel, Paradiddle-Virtuositäten und Sekunden-Grooves, wie man sie selten zuvor gehört hatte. Im Plattenstudio gelang ihnen das nicht so recht. Da versackten sie im braven Jazzrock.

In der Balance zwischen Groove und Offenheit finden die beiden ihren gemeinsamen Nenner

Jetzt haben sich Misch und Dayes gefunden und ergänzen sich erstaunlich kongenial. Misch scheint Hayes mit seinen sanften Songlinien und raffinierten Jazzstrukturen regelrecht zu provozieren, das Wohlige mit Beat-Eruptionen aufzubrechen. Über die erste Hälfte des Albums hinweg erzeugen sie mit dieser Spannung eine bittersüße Sommer-Melancholie, wie auf der Single "Nightrider". Mischs Texte sind zwar etwas arg banal, aber das ging in der Jazzfusion immer schon durch.

Hintenraus öffnet sich das Album dann. Wenn Rocco Palladino am Bass dazustößt, der Sohn des Basstitanen Pino Palladino. Wenn Yussef Dayes als bestimmender Mittelpunkt Stücke wie "Lift Off" oder "Kyiv" in Beat-Labore verwandelt, die sich nur noch vage an Songstrukturen halten. Aber gerade in der Balance zwischen Groove und Offenheit finden Misch und Dayes ihren gemeinsamen Nenner.

Dazu gehört selbst auf den offenen Strecken diese Sommer-Melancholie, die bei den Aufnahmen sicher noch ganz anders gedacht war, aber für die man jetzt, ähnlich wie für Dayes Metren, eine neue Zeitform finden müsste. Futur 3? Die Sehnsucht nach einem Sommer, der nie stattgefunden haben wird? Einen Nerv scheinen sie zu treffen. Immerhin haben sie es in Deutschland gleich nach der Veröffentlichung vergangene Woche hinter den K-Pop-Boy-Schwärmen von BTS und vor dem Après-Ski-Champion DJ Ötzi in die Top 20 geschafft. Was zwar keinen Kontext für ein Album schafft, das auf dem altehrwürdigen Jazzlabel Blue Note erschienen ist. Aber beeindruckend ist es trotzdem.

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SZ vom 13.05.2020
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