Süddeutsche Zeitung

Indonesien:Im labilen Gleichgewicht

Der Jesuit Franz Magnis-Suseno lebt seit 54 Jahren in dem asiatischen Inselstaat. Er hat eine lesenswerte Studie über die neuere Geschichte Indonesiens vorgelegt, das erst 1998 den Übergang in die Demokratie geschafft hat.

Von Arne Perras

Unter den deutschsprachigen Experten für Indonesien gibt es wohl nur ganz wenige, die den Vielvölkerstaat so gut aus der Nähe kennen wie Franz Magnis-Suseno. Als junger Jesuit kam er vor 54 Jahren nach Jakarta - und ist geblieben. Er hat sich einen Namen als Hochschullehrer und Philosoph gemacht und die Faszination dieses Landes hat ihn nie losgelassen. Insofern ist es ein Glücksfall, dass er jetzt, nach zahlreichen anderen Werken, ein Buch über das moderne Indonesien vorlegt.

Der Autor beginnt mit einem Kapitel über die jüngsten Wahlen und den vor einem Jahr gewählten Präsidenten Joko Widodo, bevor er einzelne Phasen der neueren Geschichte beleuchtet. Dabei geht er auf die Entstehung des indonesischen Nationalbewusstseins ein, stellt aber auch Betrachtungen über die javanische Kultur an, die bedeutsam sind, um die Entwicklungen der vergangenen fünfzig Jahre zu verstehen. Weitgehend chronologisch und in einer recht lebendigen, manchmal vielleicht etwas mit Details überfrachteten Mischung aus Erzählung und Analyse bringt er dem Leser die Zeit der beiden Präsidenten Sukarno und Suharto nahe. Und er schildert, wie Indonesien es schließlich schaffte, sich nach 1998 als Demokratie zu festigen.

Dass Magnis-Suseno als Katholik einer religiösen Minderheit im überwiegend islamischen Indonesien angehört, dürfte seinen Blick für interkulturelle und interreligiöse Differenzen in diesem Staat geschärft haben. Wer sich mit den künftigen Herausforderungen dieses komplexen Landes beschäftigen möchte, findet denn auch im letzten Teil über die wachsende Bedeutung des Islams einen nützlichen Kompass, um sich in der Gemengelage zwischen moderaten und radikalen Kräften im Land zurechtzufinden. Dabei schildert der Autor auch, welche Konflikte sich innerhalb der islamischen Strömungen entwickeln.

Gleichzeitig arbeitet Magnis-Suseno sehr verständlich heraus, wie es das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt bislang schaffte, sein Gleichgewicht zu halten. Am Ende kommt Magnis-Suseno zu dem Schluss, dass eine krisenhafte Entwicklung, in der etwa das Militär die Macht ergreifen und noch dazu die islamistische Karte spielen könnte, wie es Pakistans Machthaber Mohammed Zia-ul Haq vor drei Jahrzehnten tat, nicht wahrscheinlich ist. Der Autor blendet die Gefahren religiöser Radikalisierung in Indonesien aber auch nicht aus. Er beschreibt, wie Fanatiker und Fundamentalisten die neuen demokratischen Freiräume nach 1998 nutzen, um immer wieder Toleranz und Pluralismus im Land zu attackieren, was auch und vor allem moderate Muslime besorgt.

Alles in allem ist das Buch ein Gewinn für jeden Leser, der sich mit den politischen und gesellschaftlichen Eigenheiten eines Landes vertraut machen möchte, das weithin als unüberschaubar und schwer zu fassen gilt.

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Quelle:
SZ vom 13.10.2015
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