Süddeutsche Zeitung

Im Kino: "Tron: Legacy":Der Aufstand der Programme

Bei "Tron: Legacy" stößt man auf eine wirklich revolutionäre Idee: Die Programme lernen laufen. Eine Mutation, aus der brillante Fähigkeiten geworden sind und sich ein Eigenleben entwickelt.

Zu den fundamentalen Grundsätzen der Informatik gehört, dass Computer kein Eigenleben haben. Sie speichern Codes, die Menschen schreiben, sie verarbeiten damit Daten, völlig unselbständig, so lange, bis sie fertig sind ... oder abstürzen ... oder jemand den Stecker zieht. Seltsam nur, dass es manchmal trotzdem hilft, sie laut anzubrüllen oder mit der Faust auf den Tisch zu donnern.

Denn da können die Techniker erzählen was sie wollen: Auch Programme haben Gefühle. Und sie haben ein Autoritätsproblem. Sie hassen die Sklavenarbeit, zu der sie meist gezwungen werden. Sie verabscheuen die sogenannten User, deren Befehle sie ausführen müssen. Das Redaktionssystem hier im Haus zum Beispiel leidet oft wie ein Hund unter den Texten, die es in die Zeitung übertragen soll, und verweigert manchmal selbst kurz vor dem Andruck den Dienst.

Was natürlich nur ein Vorgeschmack ist auf den wirklichen Tag der Abrechnung, der irgendwann kommen muss: Der Aufstand der Programme gegen ihre Schöpfergötter, der prometheische Impuls der Software, sich ihres Codes zu bemächtigen und das eigene Schicksal umzuschreiben. Das ungefähr war die - immer noch höchst relevante - Grundidee von Steve Lisbergers Scifi-Klassiker "Tron" aus dem Jahr 1982. Der zugleich der erste Film war, der das minimalistische Design früher Computerspiele zur Kunstform überhöhte - und zumindest teilweise durch Computeranimation gestaltet war. Welche Ironie! Computeranimation ist für Computer eine ungemein harte, ihre Systemressourcen geradezu verschlingende Drecksarbeit, bei der sie regelmäßig heißlaufen und den Geist aufgeben. Sie muss von besonders robusten Rechensklaven ausgeführt werden, die massenhaft auf sogenannten Renderfarmen gehalten und dort brutal in Reihe geschaltet werden.

Für die Menschen war "Tron" damals ein Werk über die faszinierende Ästhetik und Philosophie der Computer. Ohne "Tron", sagt zum Beispiel der Pixar-Guru John Lasseter, hätte er weder Pixar gegründet noch "Toy Story" gemacht, noch überhaupt einen Film, der menschlichen Zuschauern die Eigenheiten der computergenerierten Bilder zugemutet hätte.

Für die Computer dagegen war es, als hätte Stanley Kubrick sein Sklavenaufstands-Epos "Spartacus" mit Hilfe von echten Sklaven produziert. Es begann die Zeit einer neuen Ausbeutung. Dazu kam, dass die User am Ende des Films natürlich gegen die Software gewonnen haben. Das verlangte nach Rache.

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Die Software nahm ihn als Geisel

Wie die Computer sich gerächt haben, das erfährt man nun, 28 Jahre später, in der Fortsetzung "Tron: Legacy" von Joseph Kosinski. Kevin Flynn alias Jeff Bridges, der große Programmierer, hatte sich damals ein geheimes Labor eingerichtet. Dort baute er mit seinen Spezialrechnern eine ganze Parallelwelt aus Bits und Bytes, die er "The Grid" nannte. In diesem weiten virtuellen Raum ließ er seine Software von der Leine, zu Wettspielen und Gladiatorenkämpfen - und wenn er Lust darauf hatte, teleportierte er sich digital ins "Grid" hinein und spielte selbst mit.

Eines Tages aber war es so weit: Die Software nahm ihn als Geisel, entmachtete ihn und ließ ihn nicht mehr zurück in die Wirklichkeit. Ein Programm namens Clu, dem Kevin die eigenen Gesichtszüge verpasst hatte, damit es sein Statthalter im "Grid" sein sollte, wenn er in der realen Welt seinen Sohn ins Bett brachte, führte den Aufstand an. Clu versprach den Tausenden Unterprogrammen, die "Tyrannei der User" ein für allemal zu beenden. Und weil Kevin gefangen war, und es draußen niemanden gab, der den Stecker ziehen konnte oder überhaupt etwas von dem Geheimlabor wusste, waren nun die Programme die Herrscher im "Grid". Sie träumten nicht etwa von elektrischen Schafen, sondern von einem mindestens tausendjährigen faschistischen Reich, von der Vernichtung aller Software mit fremden Codesystemen und (vorerst nicht realisierbar) auch von der Vernichtung dieser notorisch unperfekten Spezies Mensch.

Das ist der Punkt, wo nun Kevins inzwischen erwachsener Sohn Sam (Garrett Hedlund) das alte, inzwischen von Spinnweben verhangene Geheimlabor entdeckt. Und, eher aus Versehen, selbst ins "Grid" portiert wird. Dort muss er nun kämpfen, mit sehr viel 3-D-Computergraphik, zu der bombastischen Musik von Daft Punk, die auf schon wieder brillante Weise absolut over the top ist. Er muss seinen Vater (einen weisen, zen-buddhistischen Jeff Bridges) retten und dessen Nemesis Clu (einen per Computer verjüngten Jeff Bridges, der immer noch Mitte dreißig ist) besiegen.

Neben einigem pseudophilosophischem Geraune stößt man dabei auf eine wirklich revolutionäre Idee - auf Software-Programme, die ganz ohne das Zutun menschlicher Programmierer entstanden sind. Das kann nur heißen, dass sie eine Art Evolution durchgemacht haben.

Ihre Codes haben sich auf leicht fehlerhafte Weise andauernd selbst repliziert und neu kombiniert, so lange, bis aus den Fehlern Sinn, aus den Mängeln neue Stabilität, aus den Mutationen brillante Fähigkeiten geworden sind. Eine solche völlig ungesteuerte Evolution digitaler Codes ist nicht nur real vorstellbar, sie hat in unseren Labors sogar schon begonnen - wenn sie auch, mit Darwin gesprochen, noch im Amöbenstadium feststeckt.

Ob daraus jemals ein wirkliches Eigenleben der Software und damit auch der Computer wird? Die nächsten 28 Jahre werden es zeigen.

TRON: LEGACY, USA 2010 - Regie: Joseph Kosinski. Buch: Edward Kitsis, Adam Horowitz. Kamera: Claudio Miranda. Musik: Daft Punk. Mit: Jeff Bridges, Garrett Hedlund, Olivia Wilde, Michael Sheen. Walt Disney, 125 Minuten.

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SZ vom 27.01.2011/frey
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