Süddeutsche Zeitung

Geschlechterdebatte:Deutschland, Land der Neu-Feministen

Haben Frauen wirklich Rechte - oder nur eine Arbeitserlaubnis? Die Frage stellt sich auch nach den Übergriffen von Köln. Denn wie so oft ist Gleichberechtigung nur ein Thema, wenn sie anderen Interessen nutzt.

Von Susan Vahabzadeh

Als einig Land der Frauenrechtler präsentiert sich Deutschland seit Silvester. Der Feminismus hat sogar die AfD erfasst. Björn Höcke, dem in Deutschland sonst die Männlichkeit fehlt, echauffiert sich über Köln. "Ein Kulturbruch" seien die Belästigungen von Frauen gewesen. Oder der Neu-Feminist Henryk M. Broder, der den Autorinnen eines Artikels zur Silvesternacht, den er dumm fand, in einem Blogeintrag Erfahrungen mit der Vergewaltigungskultur des IS wünschte. Wie man sich in einer Kultur ausdrücken würde, in der Frauenrechte für sich genommen ein schützenswertes Gut sind, muss er jedenfalls noch mal üben.

Frauenrechte, hat bei der Bundestagsdebatte zu den Ereignissen von Köln am Mittwoch die Parteivorsitzende der Linken Katja Kipping beklagt, werden gerade instrumentalisiert und zur rassistischen Hetze missbraucht. Da hat sie recht. Neu ist das nicht. Man könnte eigentlich behaupten: Die Geschichte des Kampfs um Frauenrechte ist eine Geschichte der Instrumentalisierung.

Der Feminismus war, bis vor Kurzem zumindest, eine Angelegenheit des Westens. Der wichtigste Grund dafür ist die industrielle Revolution. Bis zu ihrem Beginn waren die Rechte von Frauen kein Thema. Selbst für die Menschenrechtler, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen den Sklavenhandel kämpften, waren sie nebensächlich.

Wer keine Familie wollte, hatte die Wahl: Dienstmagd oder Prostituierte

Als es endlich um Frauen ging, hatte das wenig mit der Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit zu tun. In den wachsenden Städten mussten einfach die patriarchalischen Strukturen neu organisiert werden, in denen Frauen oft nicht einmal Besitz- oder Erbrecht zugestanden wurde. Bis dahin hatten Frauen gefälligst im Familienverband zu leben und zu arbeiten, in dem die Rechte allein bei den Männern lagen. Die Vorstellung, eine Frau würde lieber auf sich gestellt sein, gab es nicht.

Die Möglichkeiten waren ja auch begrenzt. Wer nicht heiratete oder wenigstens zu einem Familienverband gehörte, hatte die Wahl zwischen Dienstmagd werden und sich prostituieren. Die industrielle Revolution aber erforderte Arbeitskräfte, jemand musste die neu erfundenen Maschinen bedienen. 1851 gingen fast ein Drittel der Frauen in England einem Beruf nach, in den textilverarbeitenden Fabriken stellten sie die Hälfte der Arbeitskräfte. Und wer würde da schon auf die fügsamen Frauen verzichten, denen man, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, nur die Hälfte zahlen kann? Begründen kann man das nicht - eigentlich bedeutete der Einsatz von Maschinen ja eine Entwertung der Körperkraft an sich.

So begann der Kampf um Frauenrechte - gewonnen wurde er meist nur, weil sich nebenher ein Nutzen ergab, der mit Rechten wenig zu tun hatte. Die industrielle Revolution hatte die Gesellschaftsstrukturen so maßgeblich verändert, dass irgendwas passieren musste. Die Arbeiterinnen in England, die oft noch Kinder zu versorgen hatten, sollten laut Gesetz nicht länger als zwölf Stunden täglich in der Fabrik arbeiten - nur vier Inspektoren gab es in ganz England, um das durchzusetzen. Was das bedeutete, ist demnächst im Film "Suffragette" zu sehen, in dem Carey Mulligan eine solche Arbeiterin spielt, die sich aus Verzweiflung der Suffragettenbewegung anschließt. Bezeichnenderweise ist Sarah Gavrons Film einer der ersten zu diesem Thema überhaupt.

In der neuen Welt entstand im 19. Jahrhundert eine ganz neue Gesellschaft, und Frauen blieben in den neuen Siedlungen oft ohne Verwandte zurück. In New York wurden also schon 1848 die Besitzstandsrechte verheirateter Frauen neu geregelt, mit dem "Married Women's Property Act". Auch ein Fall von Instrumentalisierung: Im selben Jahr fand zwar der erste Frauenrechtskongress statt, und die ersten Vorkämpferinnen um Elizabeth Cady Stanton hatten ein solches Gesetz auch gefordert.

Durchgekommen aber ist es, findet beispielsweise die Historikerin Barbara Goldsmith, weil genug vermögende New Yorker ihre Schwiegersöhne nicht mochten oder von vorneherein die falschen Bewerber abschrecken wollten. Das Gesetz, das Vorbild wurde für ähnliche Regelungen im Rest der USA und in Großbritannien, ermöglichte es einer verheirateten Frau, ihren Vater direkt zu beerben. Bis dahin ging der Besitz gleich an den Schwiegersohn.

Die ersten Inseln des Frauenwahlrechts bildeten sich auch in Amerika, im Westen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - aber nur selten steckte die Einsicht dahinter, dass Frauen, die Steuern zahlen mussten, wählen dürfen sollten. In Wyoming gab es das Wahlrecht für Frauen ab 1869. Die Debatten vor der Abstimmung wurden nicht protokolliert; Zeitungsartikel aus der Zeit legen nahe, dass man unter anderem neue Siedlerinnen anziehen wollte, den Männerüberschuss senken. Und es gab eine politische Intrige: Die Demokraten fürchteten, die Schwarzen würden die Republikaner wählen, weil die ihnen das Wahlrecht zugestanden hatten und wünschten sich ihr eigenes Stimmvieh.

Es folgte Utah - da wollte man eigentlich die Mormonen ausboten. In anderen Staaten war der Feind des Frauenwahlrechts die Alkoholindustrie. Viele Suffragetten gehörten der Abstinenzler-Bewegung an - es galt als gesichert, dass Frauen für strengere Gesetze sorgen würden, wenn sie könnten. In Oregon wurden sie von der Alkohol-Lobby gleich mehrfach besiegt.

Im Westen hat sich das Frauenwahlrecht dann zwar ab 1915 durchgesetzt - an der damit vermeintlich verbundenen Gleichberechtigung aber, um die es eigentlich ging, arbeiten wir immer noch. Und der Instrumentalisierung machte das Wahlrecht kein Ende. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden Frauen als Arbeiterinnen gebraucht - überall, die Männer waren ja im Krieg, aber besonders in der Rüstungsindustrie. In den USA warb man mit der erfundenen Arbeiterin "Rosie the Riveter" - feministische Symbolkraft hat ihr Bild aber erst viel später entwickelt. Denn als Dauer-Zustand waren Frauen in der Metallverarbeitung nicht gedacht. Frauen im Blaumann waren nach Kriegsende jahrzehntelang wieder unattraktiv, unerwünscht und geächtet.

Und danach? Als 1997 die Taliban die Krankenhäuser in Afghanistan anwiesen, keine Frauen mehr aufzunehmen, gab es keinen weltweiten Aufschrei, keine Resolution der UN. Erst nach dem 11. September 2001, als die USA gegen Afghanistan in den Krieg gezogen waren, wurden die Frauen ein Thema. Und der amerikanische Außenminister Colin Powell tat in einer denkwürdig scheinheiligen Rede geradezu so, als sei man dort nicht auf der Suche nach Osama bin Laden gewesen, sondern habe vor allem das Wohl der afghanischen Frauen im Sinn gehabt.

Frauenrechte werden angepriesen wie Ladenhüter, die einen Mehrwert erzeugen müssen

Nun ist Instrumentalisierung in der Politik an der Tagesordnung - es ging beim Irakkrieg nicht um den Export von Demokratie, und das Problem des Umweltschutzes ist, im Umkehrschluss, dass er Opfer fordert. Aber gelegentlich ringen sich Gesellschaften eben doch etwas ab, dessen Nutzen man nicht beziffern kann. Mit der Abschaffung der Todesstrafe beispielsweise kann man kein Geld verdienen und keine Wahl gewinnen - und doch hat man sich in Europa von ihr verabschiedet. Einfach nur, weil es richtig ist.

Frauenrechte hingegen werden traditionell angepriesen wie Ladenhüter, sie müssen einen Mehrwert erzeugen: es geht um den Nutzen für die Volkswirtschaft, wenn Frauen Zugang zu höherer Bildung haben, um den Nutzen für Firmen, wenn Frauen Führungspositionen einnehmen, den Nutzen von Kinderbetreuung. Frauen verdienen immer noch weniger, überall auf der Welt, auch bei uns - vielleicht, weil gleiche Bezahlung nur ihnen selbst nützen würde. Man könnte also darüber streiten, ob Frauen sich tatsächlich Rechte erstritten haben - oder nur eine Arbeitserlaubnis. Rechte hat man nämlich nicht, weil irgendwer davon profitiert. Man hat sie einfach.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2819886
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.01.2016/doer
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.