Süddeutsche Zeitung

Fotograf und Kurator:Ein Mann der leisen Töne

Nach sechs Jahren gibt Jörg Koopmann die Leitung der städtischen Ausstellungshalle Lothringer 13 ab. Mit einem diversen und anspruchsvollen Programm hat er versucht, die Halle abseits des Mainstreams in der Münchner Kunstszene zu verankern

Von Evelyn Vogel

Wenn etwas typisch ist für den Fotografen, Kurator und bisherige Leiter der städtischen Ausstellungshalle Lothringer 13, Jörg Koopmann, dann das: Statt über sich und seine sechsjährige Leitungstätigkeit zu erzählen, wie es verabredet war, drängt er erst einmal darauf, durch die aktuellen Ausstellungen zu führen und ausführlich über die Künstler und deren Werke zu sprechen. Bei "The Outcome of the Pattern 1&2" hat er selbst den ersten Teil in der Halle kuratiert, seine Lebensgefährtin, die dänische Kuratorin Lene Harbo Pedersen, den zweiten Teil im "Nest" über der Halle. Ihretwegen pendelt Koopmann derzeit auch zwischen München und Kopenhagen.

Gewohnheiten aufzubrechen, ist Koopmann bei allem wichtig. Auch deshalb findet er, dass sechs Jahre auf dem Posten als Leiter der Lothringer 13 genug sind. Dabei sind laute Worte und große Geste nicht das Seine. Das war schon so, als er 2008 die "Fotodocs" mitgründete. Ein Festival für dokumentarische Fotografie, das alle zwei Jahre stattfindet und neben lokalen viele internationale Fotografen nach München einlädt. Lange wurde es im Stadtmuseum und dem Maximiliansforum präsentiert, die beiden vergangenen Jahre dann in der Lothringer-13-Halle.

In den Neunzigerjahren studierte der 1968 in München geborene Koopmann Fotodesign, war zeitweilig Fotograf im Lenbachhaus und später Mitglied der Berliner Fotoagentur Ostkreuz. 2001 erhielt er den Förderpreis für Fotografie der Stadt München und war mehrere Jahre Mitglied von Quivid, der Kommission für Kunst am Bau der Stadt München. 2014 übernahm er gemeinsam mit Dana Weschke die Leitung der Ausstellungshalle in der Lothringer Straße. Als Weschke nach zwei Jahren ihren Vertrag nicht verlängerte, weil sie nach Berlin ging, machte er kein großes Aufsehen - sondern einfach alleine weiter.

Nun sind Künstlerkuratoren seit einiger Zeit sehr en vogue. Doch es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man eine einzelne Ausstellung kuratiert oder als One-Man-Show eine städtische Ausstellungshalle leitet. "Im Vergleich zu anderen Institutionen ist die Lothringer 13 aber überschaubar", sagt Koopmann. "Und es gibt hier einen ganzen Stab von Leuten, die mitarbeiten, die Dialogpartner sind, Anregungen geben und durch ihr vielfältiges Netzwerk neue Ideen reinbringen."

Von Anfang an setzte er nicht nur auf bildende Kunst oder reine Fotografieausstellungen, sondern auf ein breit gefächertes Programm mit Konzerten, Performances, Film und Theater sowie vielen Zusatzveranstaltungen. Interdisziplinär zu denken und arbeiten, war ihm schon immer wichtig. Den Laden zur Straße hin hat er zum "Rroom" - "leider gibt es im deutschen keinen adäquaten Begriff für Reading Room, der nicht verstaubt kling", klagt er - und damit zum Archiv, Lese- und Arbeitsraum, vor allem aber zum Schaufenster der Halle, die im Hinterhof liegt, umfunktioniert. Und mit der Kooperative, die nebenan den kleinen Space "Florida 13" betreibt, pflegt man auch einen Austausch.

Mit vier bis fünf Ausstellungen hat Koopmann die Halle pro Jahr regelmäßig bespielt. Und das bei einem Budget von gerade mal 90 000 Euro. Zwei kuratierte er selbst, zwei waren anderweitig kuratiert. Dazu kamen Kooperationen wie die mit der Kunstakademie zu den Diplomausstellungen, mit dem Spielart-Festival und bei den Ausstellungen zu den Kunstförderpreisträgern der Stadt. "Die Wechsel sind immer recht schnell gewesen, das war wichtig, dass die Halle nie lange ungenutzt war", erzählt Koopmann, "schließlich ist das ein wertvoller Ausstellungsraum mitten in München."

Das "mitten in München" stimmt nicht ganz, wenn man das Herz der Kunstszene betrachtet. Das schlägt seit Jahren im Kunstareal in der Maxvorstadt. Innerhalb der jungen Szene, insbesondere bei den Akademiestudenten, ist die Halle bestens bekannt, wie man immer bei den Vernissagen bemerkt, die von jungem, hippen Publikum regelmäßig geflutet werden. Doch bis sich ein Mainstreampublikum bis nach Haidhausen verläuft, dauert es ein bisschen. Was schade ist, weil die Lothringer-13-Halle ein sehr diverses Programm anbietet - und das bei freiem Eintritt. "Am schönsten finde ich immer, wenn beispielsweise ein Paar etwas höheren Alters mal reinschaut und nach fünf Minuten noch einmal gebannt von vorne anfängt", erzählt der scheidende Leiter der Kunsthalle.

Natürlich habe es auch immer mal Besucher gegeben, die nach ein paar Minuten mit einer abfälligen Bemerkung das Weite suchten. "Aber das muss man aushalten", ist Koopmann überzeugt. Seiner Erfahrung nach ist München "ein hartes Pflaster" in Sachen Kunst, "geprägt von großen Namen, Glamour und Hypes". Eine Ansicht, mit der er nicht alleine steht. "Alles was ein bisschen edgy ist und nicht so leicht konsumierbar, ist schwer, sichtbar zu machen. Mir ist es aber wichtig, die Leute aus der Routine rauszuholen und für Dinge zu begeistern, die anspruchsvoll sind und nicht nur Entertaining." Er ist sich sicher, dass er die Lothringer 13 ein Stück weit "auf der Landkarte verankert" hat, aber bei etwa 10 000 bis 12 000 Besuchern pro Jahr gibt er sich auch keinen Illusionen hin: "Da ist noch sehr viel Luft nach oben." Einer Aufgabe, der sich das Nachfolgetrio Lisa Britzger, Anna-Lena von Helldorf und Luzi Gross wird stellen müssen.

Die eigene künstlerische Arbeit bliebt in den zurückliegenden Jahren zwangsläufig etwas auf der Strecke. Aber viele Ideen treiben ihn um. Nach der Feier in der Halle am 24. Januar (Beginn 19 Uhr) mit Livemusik, bei der ihn Kulturreferent Anton Biebl offiziell verabschieden wird, will er sich darauf wieder mehr konzentrieren. Dann verstärkt von Kopenhagen aus.

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Quelle:
SZ vom 09.01.2020
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