Süddeutsche Zeitung

Film:Ein Märchen wie ein Rausch

Neue Trance-Erfahrungen: Der ungarische Animationsfilm-Klassiker "Sohn der weißen Stute" kommt restauriert ins Kino. Das ewige Duell Gut gegen Böse spielt sich in einem Sinnestaumel ab.

Von Sofia Glasl

Selten hat das Kino einen solch psychedelischen Farben-, Formen- und Soundrausch hervorgebracht wie der ungarische Animationskünstler Marcell Jankovics in seinem 1981 vollendeten Film "Sohn der weißen Stute". Bereits die Anfangsszene ist ein mehrminütiger Sinnestaumel: Figuren verwandeln sich fließend in abstrakte Elemente und symbolische Gestalten. Farbwechsel in flackernden Abfolgen und kaleidoskophaft rotierenden Bewegungen entwickeln einen hypnotischen Sog. In einer Art Ursprungsmythos gebiert die alles Leben spendende weiße Stute einen Sohn, halb Mensch, halb Gott, und nährt ihn, bis er zu voller Kraft gefunden hat. Sein Auftrag: Er muss seine beiden verschollenen Brüder finden, mit ihnen in die Unterwelt hinabsteigen und drei Prinzessinnen aus den Klauen dreier Drachen befreien.

Drei Brüder, drei Prinzessinnen, drei Drachen - die auf diesen Auftakt folgende Handlung ist einfach erzählt, denn sie orientiert sich an klassischen Märchenstrukturen. Die ungarische Volkserzählung "Fehérlófia" war Vorbild. Doch dient sie nur als loses Gerüst für einen wolkenhaft wabernden Wust an Assoziationen: In geometrischen Anordnungen lässt Jankovics, 78, zu einer elektronisch flirrenden Tonkulisse antike Mythologie, Folklore, Natursymbolik und Skepsis gegenüber einer technikgläubigen Welt zu einem dichten Bilderstrom ineinanderfließen. Er greift die Ästhetik der knallig-bunten psychedelischen Kunst Ende der Siebzigerjahre auf und verbindet sie sowohl inhaltlich als auch ästhetisch mit weiteren Versatzstücken aus der Kunstgeschichte. Naturbilder ähneln bisweilen ungarischen Stickereien und die wuchtigen Schlösser und Burgen expressionistischen Gemälden, der titelgebende Halbgott könnte einer römischen Amphore entstiegen sein. Seine Odyssee durchwandert er dann auch auf kreisrund stilisierten Wegen, als würde er seine Vase weiterhin umrunden.

Ein sechsköpfiger Drache geht wie ein Panzer auf den Helden los, er feuert wild um sich

Diese Kreisbewegungen sind für Jankovics das verbindende Element seiner Meta-Mythologie. "Sohn der Stute" verbindet zwei zentrale Themen seines Werks: ungarische Volkserzählungen und antike Sagen. 1973 hatte er für das Animationsstudio Pannónia, damals ähnlich groß wie Disney oder Hanna Barbera, mit "Held Janos" ein wichtiges ungarisches Versepos verfilmt, den ersten animierten Langspielfilm des Landes. Sein Kurzspielfilm "Sisyphus" erhielt 1976 eine Oscarnominierung, 1977 wurde er für den Zweiminüter "Küzdők" mit der Goldenen Palme in Cannes geehrt.

Der Titel "Ungarischer Walt Disney" hing ihm bald an, und er wurde wegen seiner Erfahrung mit mythologischen Stoffen sogar für den Disneyfilm "Ein Königreich für ein Lama" (2000) eingeladen. Strukturell ist diese Analogie sicherlich verständlich, doch etwas irreführend, wenn man Jankovics' abstrakteren künstlerischen Zugang berücksichtigt. Seine Vorliebe für Mythologien, so betont er stets in Interviews, rührt von der Möglichkeit, fantastische Welten jenseits der Realität zu imaginieren, die weit über das Imitieren des Bekannten hinausgehen. Nicht mehr der Mensch steht im Zentrum seiner Betrachtungen, sondern der Naturkreislauf.

Dabei lässt er immer seine Skepsis gegenüber einer technikgläubigen Welt durchschimmern. Die märchenhaften Drachen treten in dieser abstrakt-antiken Welt in Gestalt von schwerem Kriegsgerät mit furchterregendem militärischen Gestus auf. Besonders imposant ist der sechsköpfige Drache, der als wild um sich feuernder Panzer gegen den Helden auffährt. Sein zwölfköpfiger Kollege ähnelt einer soldatisch stapfenden Hochhaus-Skyline. Vom Helden besiegt, rieseln beide wie ein Pixelregen zu Boden - wohl gemerkt, der Film kam 1981 ins Kino, als das kommunistische Regime in Ungarn noch fest installiert war. Dieser sehr deutliche Sieg gegen autoritäre Systeme ist ein Zeichen, zumal Jankovics zuvor schon vom regierungstreuen Studioboss zu Änderungen ermahnt worden war. Wer hätte ahnen wollen, dass diese Symbole in Ungarn nun vierzig Jahre später auf andere Weise wieder Bedeutung erlangen würden?

Jankovics' Bilderwelten sind überbordend und bisweilen auch überfordernd. Die Geschwindigkeit, mit der sie am Auge vorbeifließen und ineinander aufgehen, ist mindestens beim ersten Sehen zu schnell, um alles bewusst wahrzunehmen und zu entschlüsseln. Doch der Zauber von Jankovics' Bildsprache ist genau die Unmittelbarkeit, mit der diese psychedelische Flut rationale Wahrnehmungsprozesse lahmlegt und mit psychotroper Wirkung direkt ins Nervensystem zu rauschen scheint. Daher ist es ein großes Glück, dass dieser in Deutschland nur unter Liebhabern bekannte Film nun digital restauriert wurde und erstmals im Kino zu erleben ist.

Sohn der weißen Stute, Ungarn, 1981 - Regie: Marcell Jankovics. Drehbuch: László György und Marcell Jankovics. Kamera: Zoltán Bacsó. Drop Out Cinema, Bildstörung, 85 Minuten.

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SZ vom 18.08.2020
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