Süddeutsche Zeitung

Dokumentarfilm:Mein Leben mit Elvis

Uli Gaulke porträtiert in seiner Dokumentation "Sunset over Hollywood" ein Altersheim für die Rentner der Filmindustrie am legendären Mulholland Drive.

Manche schlendern zu Fuß daher. Andere kommen auf Elektrorollern. Sie tragen große Sonnenbrillen und kleine Hörgeräte, sie treffen sich im Freien, auf einem Platz mit ein paar Stühlen. Es wirkt nicht wie eine Verabredung, eher wie Gewohnheit, sie finden sich zusammen wie die Teenager, die abends miteinander auf dem lokalen Spielplatz herumlungern. Und wie Teenager haben sie massig zu besprechen, auch wenn der Altersdurchschnitt dieser Gesprächsrunde eher über 80 liegt. Aber sie haben eine Gemeinsamkeit, alle, die hier dabei sind: Sie haben in Hollywood gearbeitet.

Es sind Schauspieler, Produzenten und Autoren, Künstler und Handwerker. Sie nicken zu den Anekdoten der anderen, sie verstehen die Witze, die man nur versteht, wenn man in derselben Branche gearbeitet hat. Sie foppen sich, sie albern herum, es wird ein bisschen über das ehemalige Studiosystem geklatscht, immer mit dem beiläufigen Tonfall derer, für die es Teil ihres Alltags war.

Man hört hier Filmgeschichte im Plauderton, das macht Uli Gaulkes Dokumentarfilm "Sunset over Hollywood" so spannend. Er befasst sich nicht mit der Handvoll Stars, die jetzt eine Villa in den Hollywood Hills haben, sondern mit den vielen, die jahrelang die Maschinerie am Laufen gehalten haben. Und von denen wohnen jetzt viele in einem Altersheim am Ende des Mulholland Drive, der legendären Panoramastraße in Los Angeles.

Dort entstand Gaulkes Film, im "Motion Picture & Television Country House", einer Seniorenanlage. Die Einrichtung wurde ursprünglich 1921, in der aktuellen Form dann 1940 gegründet, von Filmschaffenden für Filmschaffende in Pension. Ein erstaunlich sozialer Gedanke. Finanzielle Unterstützung kommt bis heute von den Größen aus dem Business, das neue Schwimmbecken etwa stiftete Jodie Foster, bei den anderen Spendern fallen Namen wie Kirk Douglas oder George Clooney. Aber Uli Gaulke interessiert sich weniger für die Geschichte der Anlage als für die ihrer Bewohner, was seinen Film in die Vergangenheit führt, anschaulich gespickt mit Filmausschnitten.

Denn egal ob die Protagonisten die Vergangenheit Hollywoods verhandeln oder ihre eigene, es gibt immer Filme dazu, die mit der Welt geteilt wurden. Manche erzählen über ihre erste Begegnung mit dem Kino oder ihren Weg raus aus der Provinz, manche über die Arbeit mit Kollegen wie Susan Hayward oder Elvis Presley. Dazu werden Sequenzen aus den entsprechenden Filmen gezeigt, das reicht von "Vom Winde verweht" bis zu den Anfängen der Serie "Roseanne" - da bekommt man als Bonus George Clooney mit ins Bild, so jung und unfrisiert, wie man ihn sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Die Nostalgie hält sich bei den Senioren in Grenzen, auch Uli Gaulke dosiert die Rückschau ganz gut.

Er zeigt parallel dazu, was seine Protagonisten jetzt machen, nach ihrem Ausstieg aus Hollywood. Da erfährt man, was passiert, wenn Menschen ihren Beruf mit Leidenschaft erfüllen: Es gibt keinen Ausstieg. "Wahrscheinlich will ich auf dem Sterbebett noch eine Serienidee loswerden" sagt einer, den meisten anderen geht es ähnlich. Also basteln sie gemeinsam an Büchern oder Drehbüchern, drehen für den Altersheim-eigenen TV-Kanal Kurzfilme und können sich dabei noch über ihre Liebe zum Beruf lustig machen.

Von der Einsamkeit, die das Alter oft mit sich bringt, ist hier wenig zu spüren. Im Gegenteil, die Geschäftigkeit des Filmbusiness scheint sich, leicht verlangsamt, weiter um die Bewohner zu legen. Wobei in Gaulkes Film schon sichtbar wird, welchen Anteil dieser Ort daran hat: Er bringt die Menschen zusammen, er bietet ihnen die Möglichkeiten. Das ist schließlich etwas, was man in Hollywood seit jeher verstanden hat.

Sunset Over Hollywood, Deutschland 2019 - Regie: Uli Gaulke. Kamera: Axel Schneppat. Piffl Medien, 97 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 23.05.2019
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