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Die CDs der Woche - Popkolumne:Und als Dessert Gitarrensolo

Das Album von Joe Satriani ist superschnell, superkompliziert, aber leider nicht super. Jane Birkins Tochter Lou Doillon balanciert sich gut durch ihr Liebesalbum, während für Orchid die spaßigen siebziger Jahre noch nicht vorbei sind - zum Lesen und Hören in unserer Popkolumne.

Von Max Fellmann

Lou Doillon

Models, die singen - das geht gern mal schief, außer in Frankreich, da kriegen sie es meistens unpeinlich hin (und heiraten sogar Präsidenten). Lou Doillon ist nicht nur Model, sondern auch die Tochter von Jane Birkin, die einst "Je t'aime" mit Serge Gainsbourgh sang, also gewissermaßen französischer Hochadel. Letztes Jahr veröffentlichte Doillon ein Debütalbum mit sommerwindleichtem Folkpop, die Franzosen mochten es sehr (Platz 3 der Charts), jetzt erscheint "Places" (Universal) auch hier.

Doillon singt auf englisch, meint es oft sehr ernst mit ihren Geschichten von Liebe und Schwermut, balanciert sich aber gut durch, ohne Kirchentagspathos, ohne Liedermacherklischees. Da steckt viel Pariser Melancholie drin (das Akkordeon auf "Defiant", also bitte, funktioniert immer), sie schafft intime Momente, die an Cat Power erinnern, und wenn es zu glatt zu werden droht, singt sie vergnügt eine schräge zweite Stimme zu ihren eigenen Refrains. Ein paar richtige Ausreißer nach oben könnte das Ganze vertragen, aber auch so: ein angenehmes Album. Fehlen nur noch die warmen Sommernächte, zu denen es so gut passen würde.

Tricky

Wow: Jemand, der geboren wurde, als Trickys Debütalbum "Maxinquaye" erschien, darf bei der kommenden Bundestagswahl schon wählen. 18 Jahre ist es her, dass der Musiker und Rapper aus dem Massive Attack-Dunstkreis das Genre TripHop mitprägte (auch wenn er die Bezeichnung immer hasste). Nach seinen frühen Erfolgen wurde es ziemlich chaotisch, er versuchte Reggae, Rock, Lärm, HipHop, immer unberechenbarer, leider auch immer egaler.

Jetzt hat er mit dem Album "False Idols" (!K7) endlich wieder seine Form gefunden. Und was macht er? Eigentlich rührend, ja: TripHop. Schwermütig stolpernde Beats, düstere Klangwolken, verhuschte Stimmen, hypnotische Wiederholungen. Wenn einem diese Musik in den 90er Jahren etwas bedeutet hat, dann ist das hier wie Heimkommen. Für viele andere möglicherweise nur altmodischer Kram. Und Tricky selbst? Den kümmert es nicht groß, was die Leute denken. Er zieht einfach Kreise in seinem eigenen nebligen Kosmos, weiter und weiter und immer weiter. Da kann man, nach all den Jahren, auf jeden Fall mal wieder ein bisschen mitkreisen.

Orchid

Das rührende Phänomen der Fan Fiction: Im Internet präsentieren Freunde der TV-Serie "Friends" Drehbücher, die sie selbst um die Figuren der Serie herumgeschrieben haben. In Foren denken sich "Star Wars"-Verrückte mögliche Fortsetzungen bis in kleinste Details aus. Beinharte Fans leiden eben darunter, dass es nicht endlos weitergeht mit dem, was sie lieben. So ähnlich scheint es auch den Musikern von Orchid zu gehen.

Die vier Männer aus San Francisco wollen nicht einsehen, dass die große Zeit des Hard Rock, die 70er Jahre, längst rum sind, also imitieren sie alles perfekt, vom Gitarrensound bis zum Bassdrumwummern, von der zu engen Hose bis zur Jesusfrisur. Eine Gruppe von Black Sabbath-Klons: knarzige Gitarrenriffs, nöliger Gesang, kopfloses Gedübel, düstere Textzeilen. Alles da. Nichts neu. Und trotzdem macht das Album "The Mouths Of Madness" (Nuclear Blast) Spaß. Weil es einem das Gefühl gibt, man hätte da auf dem Flohmarkt was Kurioses entdeckt: Die große Band der 70er Jahre, die rätselhafterweise bisher niemand kannte. Schnäppchen!

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Joe Satriani

Was ja im Pop völlig nervt: Virtuosentum ohne Pop außenrum. Doch, das gibts. Superüberalleskönnergitarristen, die praktisch gar nichts anderes machen als waaahnsinnig gut Gitarre spielen und auf Songs mehr oder weniger verzichten. Keine Refrains, nur Instrumentalgegniedel, quasi: Dauersolo. Godfather dieses Genres ist der Amerikaner Joe Satriani, ohne Zweifel ein wichtiger Mann, bei ihm haben Stars wie Steve Vai oder Kirk Hammett gelernt, er kann auf der E-Gitarre wirklich alles, was sich irgendjemand ausdenken könnte. Superschnell, supervertrackt, superkompliziert. Aber leider nicht super.

Das Album "Unstoppable Momentum" (Sony) ist voll mit belanglosem Mainstream-Rock, der an den Spam-Sketch von Monty Python erinnert - nur dass sich hier nicht alles in Dosenschinken verwandelt, sondern in Gitarrensoli. Hauptspeise Gitarrensolo. Dazu Gitarrensolo mit Gitarrensolo. Und als Dessert Gitarrensolo. Musik, bei der sogar Gitarrenverkäufer ein leichtes Völlegefühl befallen dürfte.

Fortlaufende Popkolumne der SZ.

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Quelle:
SZ vom 15.05.2013/kath
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