Süddeutsche Zeitung

Die CDs der Woche - Popkolumne:Typisch unoriginell

!!! stehen zu ihrer mangelnden Originalität und verwirren mit eigentümlich flacher Stimme. Die Techno-Revoluzzer von Clouds feuern böse fauchende Synthies ab, während Four Tet einen erstaunlich filigranen Genremix aus Folk, Jazz und Hip Hop abliefert - in unserer Popkolumne.

!!!

Die drei Ausrufezeichen des Bandnamens !!! sind als beliebiger Trommelklang auszusprechen. Meistens wird die New Yorker Band aber "Tschk Tschk Tschk" genannt. Mit Hot Chip und dem LCD Soundsystem gehört !!! zu den Dancepunk-Bands, die in den Jahren 2003 und 2004 bekannt wurden. Und damals machten sie eine ausgesprochen gute Figur: Sie waren nicht so harmlos und verspielt wie Hot Chip, und versuchten sich auch nicht wie das LCD Soundsystem zwanghaft am epochalen Pop-Statement.

Mit ihren kurzatmigen Arte-Povera-Grooves verankerten sie die Clubmusik vielmehr im nihilistischen Lebensgefühl des Postpunk. Das polyrhythmische Getrommel der Talking Heads war für sie offenbar genauso inspirierend wie der düstere Disco-Sound von Arthur Russel. Und anders als die Strokes oder die White Stripes machen !!! auch keinen Hehl aus ihrem Mangel an Originalität. Musikalische Zitate weisen sie oft als solche aus. Dass alles schon einmal da war, ist hier kein Mangel, sondern ermöglicht ironische Doppelbödigkeit. Durch diese Distanz zum Material können sich !!! mit jeder Veröffentlichung neu orientieren.

Der glatte Adult-Rock ihres letzten Albums hatte mehr Steely Dan zu tun als mit den Noise-Salven von Gang Of Four. Auf dem neuen Album "Thr!!!er" (Warp) wird dieser Ansatz nachvollziehbarer: Je gefälliger das verwendete Material ist, desto deutlicher zeigt sich die Interpretation. Ein größerer Kontrast etwa als der zwischen dem gefälligen Disco-Funk von "Thr!!!ler" und Nic Offers eigentümlich flacher Stimme ist kaum vorstellbar.

Clouds

Die beiden Schotten Calum MacLeod and Liam Robertson wurden schon mit 19 und 20 Jahren vom einflussreichen, kanadischen Label Turbo verpflichtet. Mit Hits wie "Consciousness" und "Numbers" gelang ihnen dann Außergewöhnliches: Sie rissen Techno aus dem eingefahrenen Clubbetrieb heraus. Ihre Musik richtete sich nicht mehr an einen eingeschworenen Kreis von Kennern. Die psychedelischen Synthi-Hooklines von Clouds waren vielmehr so verständlich und universell wirksam wie die Stimme von Lady Gaga.

MacLeod und Robertson riefen so eine zweite Techno-Revolution aus - ohne das jedoch selbst so wirklich zu begreifen. Auf ihrem nun erschienenen Debüt-Album "Ghost Systems Rave" (Turbo) setzen MacLeod und Robertson allerdings ganz anders an. Sie eifern dem Londoner Bass-Sound nach, der vor etwa zwei Jahren den bis dahin vorherrschenden Dub-step ablöste. Die beiden feuern also ein ganzes Arsenal polternder, reggae-infizierter Techno-Grooves, wabernder Basslines und böse fauchender Synthies ab. Ihr ursprünglich so popaffines Verständnis von Clubmusik kann sich in diesen grüblerischen, in sich gekehrten Klängen kaum verfangen. Was hat die beiden da geritten?

Four Tet

Der unter dem Pseudonym Four Tet bekannte Musiker Kieran Hebden gehört zu den großen Innovatoren der Londoner Musikszene. Von 1999 an setzte er als erster elektronische und akustische Instrumente völlig gleichrangig ein. So bildet seine Musik ein Scharnier zwischen dem Pop-Crossover der Neunziger von Massive Attack oder Björk und aktuellen eklektischen Ansätzen von James Blake oder Caribou.

Sein Opus Magnum aus dieser Zeit, "Rounds" (Domino), wird jetzt zusammen mit einem Konzertmitschnitt wiederveröffentlicht. Wie Mitglieder von Hot Chip, dem Dubstep-Superstar Burial und The XX besuchte Hebden die Elliott School in Putney. Dort gründete er in den späten Neunzigern die Postrock-Band Fridge. Während der puristische Rock'n'Roll-Revival-Sound von Bands wie den Yeah Yeah Yeahs das Popgeschehen beherrschte, konnte es für Hebden gar nicht genug Bezugspunkte geben: Er verschmolz Hip-Hop, Electronica, Indie, Folk und Jazz.

Die sensationsgierige, britische Musikpresse entdeckte Hebden und versuchte ihn wie zuvor Aphex Twin oder Thom Yorke zum genialen Enfant terrible zu stilisieren. Diesem Zugriff entzog er sich, indem er vier Alben mit dem New Yorker Freejazz-Drummer Steve Reid aufnahm. An Eigensinn ist Hebdan kaum zu übertreffen. Trotzdem geht er meistens von den musikalischen Ideen der jeweiligen Zeit aus. Die satten, schmatzenden House-Grooves der Gegenwart etwa lässt er komplex flackern. Erstaunlich filigran klingt das dann - und man glaubt kaum noch, wie schroff Hebden einst klang. Die Funk- und Soul-Samples auf "Rounds" verbastelte er einst noch zu handfesten Hip-Hop-Tracks.

Fortlaufende Popkolumne der SZ.

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Quelle:
SZ vom 24.04.2013/kath
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