Süddeutsche Zeitung

Biographisches Debüt:Und manchmal bringen einen die Christen um

  • Kann man lustig über den Holocaust erzählen? Dana von Suffrin wagt das in ihrem Debütroman über die letzten Monate ihres Vaters - und hat einen glänzenden Text geschrieben.
  • Zugleich ist ihr Roman "Otto" über einen Siebenbürger Juden wahnsinnig traurig. Seine diskrete Intelligenz ist nur eine der Stärken des Romans.
  • Sprache und Satzmelodie dieser Prosa klingen, als entstammten sie direkt der jiddischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Der amerikanische Schriftsteller Gary Shteyngart hat vor Kurzem im New Yorker eine sehr lustige Erzählung veröffentlicht, in der er von seiner wunderlichen Leidenschaft für teure Uhren berichtete. Shteyngart schrieb, er verstehe selbst nicht ganz, wo dieser Drang, sehr viel Wert auf sehr wenig Raum zu konzentrieren, seinen Ursprung habe, aber im vorletzten Absatz fiel ihm eine Anekdote ein. Im Jahr 1978, als er mit seinen Eltern am Leningrader Flughafen Pulkowo stand und die Familie im Begriff war, in die USA auszureisen und dort ein neues Leben als Flüchtlinge zu beginnen, nahm ihm einer der Grenzoffiziere seine flauschige Mütze weg und tastete sie ab, "auf der Suche nach Diamanten, die meine Eltern dort versteckt haben könnten." Außerdem gebe es da die Geschichte seines Großvaters, der aus dem besetzten Frankreich nur deshalb lebend entkommen war, weil er dem Bahnhofsvorsteher eine goldene Omega geben konnte. "Ist es das, worum sich meine Obsession dreht?"

In Deutschland ist jetzt ein Roman erschienen, der auf ähnliche Weise zugleich sehr lustig und wahnsinnig traurig ist und in dem das Motiv auch wieder auftaucht. Der Roman heißt "Otto", wie seine Hauptfigur, ein alter Siebenbürger Jude, der seine Töchter in München großgezogen hat, und bei dem jetzt allmählich der Tod anklopft. Otto zählt zu seinem festen Inventar vierzehn goldene Krugerrand-Münzen. Seinen Töchtern schärft er regelmäßig ein, bei diesen Münzen handele es sich um "die eiserne Reserve, falls wir mal wieder deportiert würden". Es ist natürlich einerseits eine besondere Form von Psychoterror, so etwas seinen Kindern zu erzählen, andererseits aber auch einfach erlerntes jüdisches Grundmisstrauen, das im Zweifel lebensrettend ist, gerade in Europa, gerade in Deutschland.

Die Nachricht ist jedenfalls angekommen. Als eine seiner Töchter, Dana von Suffrin, kürzlich in eine neue, größere Wohnung gezogen ist, stellte sie einen inneren Widerstand fest, der sie davon abhielt, echte Möbel aus Holz zu kaufen, die sich nicht im Handumdrehen aus der Wohnung tragen ließen. Stattdessen richtete sie die Wohnung mit Möbeln aus Pappe ein und schrieb ein Buch über ihren Vater. Dabei ist ein Roman entstanden, der, ganz unabhängig von der Frage nach dem Gelingen, erst einmal ein Ereignis ist. Die Sprache, die Satzmelodie, die Dialogführung dieser Prosa klingen, als entstammten sie direkt der jiddischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, dem Kosmos von Scholem Alejchem, Bruno Schulz, Martin Buber, nur jünger, weiblicher und aus dem Jahr 2019. Man bekommt bei der Lektüre dieses Buches eine Ahnung, wie heute die jungen jüdischen Schriftsteller in den Lemberger Innenstadtvierteln klingen könnten, wenn die Geschichte anders gelaufen wäre und wenn man die Juden einfach ihr Leben hätte leben lassen, statt ihnen die Dachgiebel anzuzünden und wenn dies, wenn das. Dass diese Sprachmelodie jedenfalls in der deutschen Literatur noch einmal zu hören sein würde, damit war wirklich nicht zu rechnen. Doch hier ist sie.

"Ich genierte mich, und ich wurde gering."

Man will jedenfalls wissen, wer diese Autorin ist, die so schreiben kann, als ginge sie die Hauptsatz- und Introspektionskonvention der deutschen Gegenwartsliteratur nichts an. Deshalb ein kurzes Treffen auf der Terrasse des Münchner Nazi-Museumsbaus "Haus der Kunst". Dana von Suffrin sitzt auf münchnerisch zugewandte Weise im Sessel, dreht die Zigaretten selbst, beschwert sich über die Pappkommode zu Hause (klemmt ständig, kompliziert zu bedienen) und erzählt, wie normal ihr das als Kind alles vorgekommen sei, die permanente Bereitschaft zum Aufbruch, die Alarmstellung, die Krugerrand-Münzen, und wie es erst ihre christlichen Freunde gewesen seien, die sie gefragt hätten, ob ihre Familie eigentlich einen Hau habe.

Dann stellt sie wie gedruckt die schöne Akademikerfrage: "Würden Sie sagen, das ist etwas psychologisch transgenerationell Transportiertes?" Dana von Suffrin ist hauptberuflich Historikerin und das sollte man unbedingt bedenken, wenn man verstehen möchte, wie der Roman funktioniert. Ihre Doktorarbeit erscheint in diesem Herbst beim sehr feinen Wissenschaftsverlag Mohr Siebeck, fast gleichzeitig mit ihrem Debütroman beim großen Publikumsverlag Kiepenheuer & Witsch.

Eine jetzt schon legendäre Geschichte: Im Frühsommer hatte ihr Verlag einen Saal im Münchner Hotel Olympic gemietet, um Autorin und Roman den Journalisten der Stadt vorzustellen. Bei der Gelegenheit wurde sie unter anderem auf ihre Dissertation angesprochen, was ihr etwas ungelegen kam. Unlesbar sei das, reine Wissenschaftsprosa, zum Glück lese das niemand. Als sie dann der Vollständigkeit halber wenigstens noch den Titel nennen sollte, stellte sie fest, dass sie ihn gerade nicht parat hatte, irgendwas mit Botanik und Palästina. Sehr viel lässiger geht es nun wirklich nicht.

Bei einem Debütantenseminar sagte man ihr, dem Manuskript fehlten Plot und Entwicklung

Deshalb hier kurz nachgereicht: Die Dissertation heißt "Pflanzen für Palästina" und geht der Geschichte des deutschen Botanikers Otto Warburg auf den Grund, der um 1900 nach Palästina gereist war, um dort Eukalyptus und Wälder zu pflanzen und die Ankunft der jüdischen Nation vorzubereiten. Eine vollkommen verrückte Geschichte sei das, sagt Dana von Suffrin, wie dieser Otto Warburg mit Zylinder durch die Wüste stapft und den Garten Eden plant, der botanische Zionismus. Wahnsinnig lustig, aber schlecht zu erzählen, weil die meisten Quellen, die noch existierten, jüdische Quellen seien und die arabische Seite der Geschichte weitgehend verschwunden, womit die Hälfte der Geschichte im Grunde einfach fehle. Die Fellachen, die damals in der Region lebten, hätten Verträge mitunter mit ihrem Daumenabdruck unterschrieben, weil sie weder lesen noch schreiben konnten.

Der Roman ist nun die Form, in der man die Lücken, die sich in der Erinnerung auftun, einfach selbst schließen darf. Die jiddische Tradition, an die "Otto" anknüpft, wird in kleinen sprachlichen Verschiebungen sichtbar: Die Schwestern zum Beispiel nennen ihren Vater Ottoka, "wenn wir uns zärtlich oder sehr besorgt fühlen", obwohl es im Deutsch-Deutschen eigentlich heißen müsste: "besorgt sind" oder "zärtliche Gefühle haben". Oder als die Erzählerin einmal einen Streit mit ihrem Freund verliert, formuliert sie: "Ich genierte mich, und ich wurde gering". Auch diese Formulierung existiert im Deutschen streng genommen nicht. Und wenn Otto ein Anliegen hat, das ihm wichtig ist, formuliert er eine "schöne Bitte": "Eine Sache, um die er uns tatsächlich sehr lange schön gebeten hat, war die nach einem Buch, das über unsere Familie geschrieben werden sollte."

Mit der Aufgabe, sein Leben aufzuschreiben, betraut er die Ich-Erzählerin, weil die sich doch immer für seine Geschichten interessiert habe, aber das Projekt scheitert krachend, weil er sich an nichts erinnern kann, und auch in dieser Geschichte scheint die Erfahrung aus der Doktorarbeit durch: "Ich verglich das, was Otto sagte, mit dem, was in meinen Büchern stand. Vieles von dem, was er sagte, war einfach falsch. (...) Er erfand ganze Gebirgsketten in den Karpaten."

"Das Leben war schwer, und man dachte, es würde immer so weitergehen."

Isaac Bashevis Singer ist ein offensichtlicher Einfluss für diese Prosa, Dana von Suffrin nennt aber auch die Sweatshop-Poeten, eine Gruppe osteuropäischer, jüdischer Emigranten, die Ende des 19. Jahrhunderts in New York so verarmt ankamen, dass sie 16 Stunden pro Tag in Sweatshops schufteten, und trotzdem abends noch auf Jiddisch ihre Texte schrieben.

Dichter wie Morris Winchevsky, Morris Rosenfeld, David Edelstadt, alles Proletarier, einige Kommunisten, die in New York avantgardistische Gruppen wie "Di Yunge" ("Die Jungen") formten und sich der "reinen Poesie" verschrieben.

In die Bereiche, aus denen die deutsche Literatur ihre Talente scoutet, hatte Dana von Suffrin keinerlei Kontakte, weshalb sie sich bei einem Seminar in Köln anmeldete, bei dem angehende Debütanten einander ihre Manuskripte vorstellen. Die sechs Seminarteilnehmer waren so etwas wie ihre Probeöffentlichkeit und von der habe sie die erfreuliche Rückmeldung bekommen, dass das, was sie da veranstalte, entschieden zu weit gehe, dass über den Holocaust so lustig nicht zu schreiben sei und ihr Buch außerdem keinen Plot und keine Entwicklung habe.

Das ist natürlich erst einmal wahr. Der Aufbau des Roman orientiert sich weniger an der Dramenlehre, als an der Erinnerung selbst. Dinge versinken, werden woanders wieder angespült, die Gedanken springen, man stelle sich einfach Saul Bellows "Herzog" vor. Und wahr ist auch, dass sich die Autorin, als sie den Roman schrieb, immer wieder gefragt hat, ob dieser Humor einem deutschen Publikum zuzumuten sei.

An den Wohnwagen zum Beispiel, in den Otto seine Töchter so gern gezwängt hat, weil er Wohnwagen-Urlaub so liebte ("Es war mir so fein!"), erinnert sich die Erzählerin so: "Als uns in der siebten Klasse ein Bild des kurz nach der Befreiung von Buchenwald von seiner Pritsche aus fragend in die Kamera blickenden Elie Wiesel gezeigt wurde, war meine erste Assoziation: meine Familie im Wohnwagen." Oder die Szene, in der Otto im Krankenhaus liegt und der deutsche Arzt seinen Arm nach einer Vene absucht und Otto daraufhin ruft: "Nein, ich habe so eine Nummer nicht! Wir sind davongekommen!"

Der französische Philosoph Henri Bergson ist in seinem Essay "Das Lachen" der Frage auf den Grund gegangen, wann eine Erzählung lustig ist. Seine Antwort: Das Publikum lacht, wenn sich das Mechanische mit dem Organischen verbindet. Wenn uns also das Leben, das uns unberechenbar erscheint, als eine Kette von unveränderlichen Mustern gegenübertritt. Für die Geschichte der europäischen Juden ist dieses unveränderliche Muster der ständige Wechsel von Alltag und Vernichtung, von Zivilisation und Barbarei. Die Wiederholung gehört zu den Prinzipien des Lustigen, schreibt Bergson, und eine Geschichte der Wiederholungen ist eben auch die Geschichte der Juden in Europa: "Das Leben war schwer", heißt es an einer Stelle, "und man dachte, es würde immer so weitergehen: Manche werden geboren, sagte mein Vater, manche werden krank, manche haben Erfolg, manche nicht, manche heiraten, und manchmal bringen einen die Christen um, so lief das Leben."

Obwohl die Geschichten, die sich die europäischen Juden über sich selbst erzählen, regelmäßig in Pogromen, Vertreibungen und Genozid münden, geraten sie, sobald sie erzählt werden, zwangsläufig lustig, gerade weil es immer wieder passiert, als handele es sich um ein physikalisches Grundgesetz. Dieses Prinzip unterlegt auch Dana von Suffrins Roman, es bildet den morbiden Takt ihrer Familiengeschichte: "Dann kamen die Jahre nach 1941, in denen Gott nahm und die Juden wie Gänseblümchen von der Erdoberfläche pflückte. Fast alle unsere Verwandten kamen um, denn sie blieben in Ungarn zurück. (Die Grenze zwischen Rumänien und Ungarn war im Norden, heute gibt es dort kein Rumänien mehr, sondern Ukraine und Ruthenien und Weißderteufelwas, sagte mein Vater, Länder, von denen wir Schwestern nur dank des Eurovision Song Contest eine Vorstellung hatten: Die Völker der einstigen Judenschlächter waren jetzt mit Eurodance beschäftigt.)"

Um die öde Debütantenturnübung "Provokation" geht es diesem Roman zum Glück trotzdem nicht, seine Stärken liegen eher in der intelligenten Indiskretion und der diskreten Intelligenz. Auch das übrigens Werte, die einem an der Grenze niemand abnehmen kann.

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SZ vom 24.08.2019/tmh
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