Süddeutsche Zeitung

Serie: Welt im Fieber:Die "Covidioten" nähren einen Flächenbrand

Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Brasilien strauchelt in der Krise, blind geführt von einem Präsidenten, der so tut, als sei alles wie immer.

"Brasilien darf nicht stillstehen", forderte der brasilianische Präsident Jair Messias Bolsonaro Ende März, er kopierte den Slogan #milanononsiferma (Milano steht nicht still) von Mailand. In meinen Ohren klang das allerdings, als würde Bolsonaro das Todesurteil über Hunderttausende Mitbürger aussprechen. Am 24. März sagte er im Fernsehen, es stimme, die Krankheit werde vielleicht alte Menschen töten, doch für die meisten wäre es nicht mehr als eine "kleine Grippe" (grippezinha). Auch die Kinder sollten seiner Meinung nach weiter zur Schule gehen.

Als der Präsident seinen Slogan weiterhin in den Medien verbreitete, blockierte die Justiz seine Kampagne. Doch die großen Unternehmen konnten ihre Strategien nicht schnell genug den neuen Zeiten anpassen und erfanden ihrerseits einen ähnlichen Slogan. Wegen dieser Offensive der großen Konzerne gegen das Recht auf Leben fürchten wir nun um unsere Freunde und Verwandten.

Über die sozialen Netzwerke erfahren wir, was vor sich geht, fast von Minute zu Minute. Mein bester Freund, der in New York lebt, verbrachte Anfang März eine Woche in unserem Haus, als Covid-19 weder in den USA noch in Brasilien eine Rolle spielte. Er reiste einen Monat lang durch Brasilien und ist nun wieder in New York, wo er nur im nötigsten Fall mit Atemschutzmaske auf die Straße geht. Ein Freund aus Joinville im Süden Brasiliens, wo wir wohnen, sagt: "Ich steige nicht in diesen Irrsinn ein", und meint damit, er wolle nicht zuhause bleiben. Er hat Bolsonaro gewählt, und was dieser sagt, ist wie eine Zeitbombe: "Ich lebe mein normales Leben!" Er denkt gar nicht daran, dass das Leben in diesem Moment nicht mehr vom Einzelnen abhängt. Jedes Teil in diesem Mosaik zählt nun.

Für mich hat sich das Leben in den letzten drei Wochen völlig verändert. Ich gehe nicht mehr auf die Straße, ich fahre nicht zur Arbeit, ich habe seit einem Monat meine Mutter nicht mehr besucht. Wir wohnen nur drei Kilometer voneinander entfernt. Mein und ihr Leben hängen von unserem Verhalten ab. Wir haben Angst, ich, sie und meine Geschwister. Wir wissen, dass die Regierung Bolsonaros nicht in Wissenschaft, Forschung und Bildung investiert. Verantwortungsvolles Handeln ist nicht gerade seine Stärke.

Mindestens 24 Personen, die mit Bolsonaros Delegation Mitte März Donald Trump in seinem Privatklub in Florida besuchten, wurden positiv auf Covid-19 getestet. Er selbst legte keinen negativen Test vor. Bolsonaro ignorierte am letzten Märzwochenende erneut die Empfehlung zu sozialer Distanz, die die WHO vorgibt, und umarmte seine Anhänger.

An diesem Tag bekam mein Mann Fieber, Schüttelfrost und Übelkeit. Er ist 49 Jahre alt, er fühlt sich vollkommen erschöpft. Seit sieben Tagen ist das nun schon so. Das Fieber kommt und geht. Die Schwäche bleibt. Ich schlafe im Wohnzimmer, dorthin habe ich auch meinen Kleiderschrank und alle meine Sachen gebracht. Unser siebenjähriger Sohn und ich benutzen jetzt ein eigenes Badezimmer.

Wir wohnen in einem Haus mit Garten. Seit zehn Jahren arbeiten wir von Zuhause aus. Wir sind daran gewöhnt. Aber wir sind die Ausnahme. Seit 23 Tagen haben wir das Haus nicht mehr verlassen, doch Brasilien ist nicht stehen geblieben. Bisher sind "nur" 445 Tote (Stand Samstagmorgen) bestätigt, die am Corona-Virus gestorben sind. Für ein so gigantisch großes Land wie Brasilien erscheint das sehr wenig. Es wird nicht beachtet, dass die Zahl der Todesfälle jeden Tag rasant steigt. In wenigen Wochen könnten die bisher schlimmsten Szenarien in Brasilien übertroffen werden.

Es kann zu einem Desaster kommen, vor allem, weil die Politik den Kampf gegen das Virus nicht auf staatlicher Ebene aufnimmt und Hilfe verweigert. Der Präsident arbeitet gegen den Gesundheitsminister und die Gouverneure der Bundesstaaten. Die Präfekte der Städte verfolgen unterschiedliche Strategien.

Dass das Gesundheitssystem diese Herausforderung nicht bestehen wird, weiß man schon jetzt. Wir haben Glück, im Bundesstaat Santa Catarina im Süden des Landes zu leben. Der Gouverneur Carlos Moisés ist ein Oberst a.D. der militärischen Feuerwehr - man nennt ihn "Kommandant Moisés". Er ist Jurist, spezialisiert auf Verfassungsrecht. 2018 wurde er für dieselbe rechtsextreme Partei wie Jair Bolsonaro gewählt. Doch im Gegensatz zum Präsidenten hat er auf die Empfehlungen der WHO gehört und handelt entsprechend.

Doch Moisés ist nur der Gouverneur eines kleinen Bundesstaates. Er ist wie ein Vögelchen, das versucht, einen Brand damit zu löschen, dass es mit seinem Schnabel Wasser holt. Dies ist ein Flächenbrand, genährt von den "Covidioten", die ihr normales Leben weiterführen, die das Virus und die Panik vor dem ökonomischen Absturz verschlimmern. Viele Menschen sind unsicher. Das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, raubt mir den Schlaf. In dieser Pandemie sind wir ohne Führung. Brasilien weiß nicht, wo es enden wird.

Katherine Funke, geboren 1981 im brasilianischen Joinville, ist Autorin und Gründerin des Verlags "Microcontas". Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

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SZ vom 06.04.2020/khil
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