Süddeutsche Zeitung

Singles und Beziehungen in der Corona-Krise:Ist das mein "Lebenspartner"?

Schon seltsam, wenn man dem Polizeibeamten erklären muss, mit wem man da gerade spazieren geht. Plötzlich regiert der Staat wieder in die privatesten Belange hinein.

Zu den Dingen, die man vor Tagen noch für unerhört gehalten hätte, gehört, wie bang man jetzt das eigene Beziehungsleben mit einem behördlichen Maßnahmenkatalog abgleicht. Die bayerische Allgemeinverfügung besagt etwa, dass die "Kontakte zu anderen Menschen außerhalb des eigenen Hausstands auf ein absolut nötiges Minimum zu reduzieren" seien. In 54,4 Prozent der Haushalte der Landeshauptstadt München und 42 Prozent der Haushalte republikweit blicken nun die Bewohner stumm um einen leeren Tisch herum. In den letzten Jahren ist der Anteil der Singlehaushalte stetig gestiegen.

Schon klar, dass die Kontaktbeschränkungen kein moralisches Reglement darstellen, sondern ein pragmatisches gegen die Ansteckung mit dem Coronavirus. Ein gesellschaftlicher Rückschritt entsteht aber gezwungenermaßen auch, wenn die Kategorie des "absolut nötigen" Kontakts der Kernfamilie wieder die Form der abgeschlossenen Einheit gibt, von der Soziologen und Psychologen zuletzt aus guten Gründen abgeraten haben. Die Fürsorge für Kinder und andere Menschen auf viele Schultern und mehrere Generationen zu verteilen; Ressourcen, wie Autos zum Beispiel, mit vielen Personen zu teilen und sowieso die intimsten Beziehungen nicht mit der Erwartung zu überfrachten, alle möglichen Lebensprobleme aufnehmen zu können - all das ist zuletzt als fortschrittliche Lebensweise gepriesen worden. Gerade Menschen, die in Statistiken unter der Rubrik "Singlehaushalte" auftauchen, haben häufig ein lebendiges Wissen davon. Der Alltag der meisten Menschen besteht in einem über Jahre geknüpften, mehr oder weniger informellen Netz von Beziehungen verschiedenster Intensität, das jetzt - zumindest was die anfassbare Welt jenseits der Videochats und Telefonleitungen angeht - in winzige Knötchen zerfällt. Und zerfallen muss, weil Netzwerke physischen Kontakts sich heute in Ansteckungsketten übersetzen.

Schon seltsam, wenn man dem Polizeibeamten erklären soll, mit wem man da spazieren geht

Ein besonders großer Fortschritt war es vor allem, dass sich der Staat zuletzt von der Sanktionierung und Beurteilung privater Beziehungen zurückgezogen hat. Und so kann man auch aus den verschiedenen Bestimmungen der Bundesländer zu Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie eine fast rührende Hilflosigkeit herauslesen, etwas reglementieren zu sollen, was zum Glück aller nicht mehr Sache von Polizei und Behörden ist. In Bayern ist etwa von "Lebenspartnern" die Rede, die man besuchen dürfe. Was ist ein Partner? Ist eine Liebesbeziehung intendiert? Monogamie erwünscht? Andererseits muss man nicht einmal den alten Montaigne für die Binsenweisheit bemühen, dass manche Freundschaft mehr Leben aushält als jede Haus- und Bettgenossenschaft. In der Hansestadt Hamburg heißt es feiner, sehen lassen dürfe man sich in "Begleitung der Personen, die in derselben Wohnung" leben, sowie "einer weiteren Person, die nicht in derselben Wohnung lebt".

Das ist nun also das Spektrum der sozialen Möglichkeiten, aber man darf es sich nicht zu Herzen gehen lassen. Es geschieht nur für den Moment und aus gravierenden Gründen. Trotzdem wirkt die Vorstellung, man müsse einem Polizeibeamten erklären können, wie man zu der Figur steht, neben der man die Straße entlanggeht, wie aus einer merkwürdigen moralischen Fantasie geboren.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4858080
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 27.03.2020/khil
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.