Süddeutsche Zeitung

Coldplay machen es spannend:Wir warten auf "Mylo Xyloto"

Drei Jahre nach dem Bombenerfolg von "Viva la Vida" veröffentlichen Coldplay ein neues Album. Am Freitag ist es so weit. Ein Besuch in London lüftet das erste Geheimnis: "Mylo Xyloto" ist mehr ist als das Destillat des Vorgängers.

Es gibt keine andere Platte, auf die die Musikbranche seit drei Jahren so gebannt wartet wie auf Mylo Xyloto, das am kommenden Freitag bei EMI erscheinende Coldplay-Album. Vor vier Jahren veröffentlichte die englische Band Viva La Vida, das mit knapp zwölf Millionen verkauften Einheiten das bestverkaufte Album des Jahres 2008 war. Auf größere Verkaufszahlen hat es in der Popbranche seither niemand mehr gebracht. Trotzdem muss man sich in einer Durchgangsstraße im Nordwesten Londons nicht lange gedulden, wenn man Coldplay mal persönlich kennenlernen will.

Scheinbar interessiert sich in der Wohngegend, in der seit geraumer Zeit die gehobene Mittelschicht an der Themse sesshaft wird, keiner für die Typen, die hier in zwei unscheinbaren Gebäuden das Album mit dem seltsamen Titel aufgenommen haben. Im Halbstundentakt wechseln Tontechniker, Roadies und ein paar Musiker-Berühmtheiten die Straßenseiten. Bassist Guy Berryman schlendert unbehelligt über die Straße, winkt kurz von der gegenüberliegenden Seite rüber und ruft: "Wir sehen uns gleich." Willkommen in der Coldplay-Realität!

Die Band kann überall mühelos Stadien füllen und seit knapp zwölf Jahren Platten veröffentlichen, die weltweit alle nationalen und internationalen Konkurrenten abhängen. Berühmtheit kehrt die Band trotzdem lieber ins Gegenteil. Vielleicht, weil sie nicht in die gleichen Ruhmesfallen treten wollen, in denen zahllose Bands vor ihnen feststeckten. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Vier zugunsten der Verfeinerung ihres Ausdrucks, ihrer Musik keine Zeit mit Suhlen im Ruhm verplempern wollen.

Zuletzt feierten Coldplay mit Viva La Vida das Leben, schufen sich mit dem gleichnamigen Song ein überlebensgroßes Hymnen-Denkmal und versagtem dem Tod und dessen Kumpanen ihre Gefolgschaft. Und sie warfen damit Fragen wie diese auf: Was soll von Coldplay danach noch kommen? Muss die Band nach dem Schlussrefrain des letzten Albums, "ich will keinen Kreislauf wiederverwerteter Rache" nicht mit zukünftigen, profaneren Aussagen gnadenlos scheitern?

Die Antwort lautet in Hurts Like Heaven, dem Eröffnungssong des neuen Albums: "Du nutzt dein Herz als Waffe." Profan sind solche Refrains nicht. Vielmehr zielsicher formulierte Fortsetzungen des Entsagens der Depression, das mit Viva La Vida begann. "Wenn ich davon singe, dass jemand sein Herz als Waffe einsetzt, meine ich damit das leidenschaftliche Betrachten dessen, was einem heilig ist", erzählt Chris Martin im Aufnahmeraum der als "Bakery" bekannten Ideenschmiede der Band.

Rihanna ist auch dabei

Früher hingen gerahmte Original-Abzüge von Beatles- und John Lennon-Fotos im Flur des zweistöckigen Gebäudes. Heute ist alles schön bunt hier. Der Farbenmischmasch von Graffiti säumt jetzt die Wände des Coldplay-Headquarters. Vieles deutet zunächst darauf hin, dass Coldplay mit ihrer neuen Platte das Destillat ihres letzten Albums geschaffen haben. Wieder steht ein instrumentales Intro vor einem Songkonzept, das den Angsthämmern der modernen Zivilisation mit Chören und energetischen Gitarrenakkorden in Dur trotzt. Auch die Popstar-Verkleidungsauffassung der Band ist ähnlich, umfasst jetzt Graffiti-Kunstklamotten statt bunter Generalsjacken.

Mylo Xyloto wurde von Markus Dravs, Daniel Green und Rik Simpson produziert, Brian Eno hat mitkomponiert, die Band trotzt mit gradlinig formulierten Texten der Doktrin der vordergründigen Coolness. Dennoch ist die Platte nicht bloß eine Fortsetzung der Produktserie Coldplay. Us Against The World heißt einer der neuen Songs und musikalisch wie auch textlich nimmt sich das ganze Ding auch so aus. Rihanna inszeniert sich in Princess Of China endlich mal als Soul-Rock-Wunder, die erste Single Every Teardrop Is A Waterfall überrascht mit Dance-artigen Beats - und die Coldplayer schert es nicht, ob ihr Plädoyer für das Sehen mit dem Herzen als zeitgemäß erachtet wird. Sie sind wie sie sind: kreativ, individualistisch und beneidenswert konstruktiv-energetisch.

"Cool ist was gefällt, nicht was gefallen soll", sagt Frontmann Chris Martin und benennt man damit die inhaltliche Losung des Albums. "Die Liebesgeschichte eines jungen Paares, das der Panikmache der allumgreifenden Sensationsgier trotzt, mit der die Medien uns füttern, ist die Grundidee, auf dem unsere Art von Konzeptalbum fußt", erklärt Drummer Will Champion.

Mylo Xyloto - der Titel wird weder mit Kenntnissen eines Slangs noch mit dem Verstehen einer exotischen Fremdsprache begreifbar. "Wir haben einen Albumtitel gewählt, der bewusst erst mal nichts bedeuten soll, damit er genügend Projektionsfläche für individuelle Deutungen bietet." Sänger und Texter Martin empfindet "das Mysterium Mylo Xyloto als leeres Blatt Papier, "auf dem ich meine Texte klarer formulieren kann, weil ich mich selbst ausklammern darf, vordergründig".

Im oberen Stockwerk bekommt Mylo Xyloto eine plastische Gestalt. Drummer Will Champion schiebt zwei graue Büsten, eine männliche, eine weibliche, in die Mitte des Tischs. Beide Gesichter machen einen scheuen, neugierigen Eindruck. Will Champion zeigt auf die männliche Büste. "Das ist Mylo", sagt er und Martin charakterisiert die Figur. "Mylo begegnet den modernen Elementen, die ihn und seine Freundin voneinander entfremden wollen mit Liebe, mit der zarten Kraft seines Herzens. Er schert sich nicht um Coolness. Er ist ein großartiges Maskottchen für unser neues Album."

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