Süddeutsche Zeitung

"Die Start-up Gang" von Carsten Maschmeyer:Da knallen die Kindersektkorken

Lesezeit: 2 min

Beim Geld beginnt die Freundschaft: Der Ich-Unternehmer Carsten Maschmeyer bringt ein kapitalistisches Kinderbuch heraus. Man sollte es besser nicht als Anleitung lesen.

Von Cornelius Pollmer

Bei seiner Premiere am deutschen Buchmarkt brachte der Unternehmer Carsten Maschmeyer einst ein Zauberstück zur Aufführung. Er kaufte vom heutigen Ex-Bundeskanzler Schröder die Rechte an dessen Memoiren für zwei Millionen Euro. An den Verlag Hoffmann & Campe gab er sie später für eine Million Euro weiter - und durfte sich parallel immer noch freuen über das Inkrafttreten eines für seine Firma lukrativen Artikelgesetzes Anfang 2005. Verblüffend.

Die der Zauberkunst unverdächtigen Kollegen der FAZ brachten das Geschäftsverhältnis Schröder/Maschmeyer später auf die schöne Formel "Beim Geld beginnt die Freundschaft". Das wäre er jetzt also gewesen, der ideale Titel für ein Kinderbuch, das Maschmeyer mit dem Wirtschaftsmenschen Axel Täubert hergestellt hat und das soeben erschienen ist. Der Titel hätte wenigstens vom Sound her gut in die kleine Sammlung mit Maschmeyers sonstigen Werken gepasst, die bisher allerdings allesamt in der Amazon-Subkategorie "Onanieren unter der Dusche" erschienen sind.

"Selfmade - erfolg reich leben", hieß ein Buch, "Die Millionärsformel. Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit" ein anderes. Im Grunde erzählt Maschmeyer immer dieselbe Geschichte, und jetzt erzählt er sie also mithilfe von Kindern. Auch in "Die Start-up Gang" geht es nämlich um die Frage, wie man möglichst schnell reich werden kann, weil reich sein alles ist und alles andere nichts.

Ganz klar ein Buch für alle, die ihr Kind als Rohstoff für die deutsche Wirtschaft begreifen

Das "Rich Kid Nele" will die Projektwoche ihrer Schule eigentlich in der "Fridays for Future"-Gruppe verbringen, aber die ist schon voll. Deswegen geht Nele zum "Design Thinking", dort lernt sie Carl und Aliyah und Mehmet kennen. Die Kinder werden "Freunde" und bekommen schnell ziemlich schlimmes FDP. "Platz da! Hier kommt die Start-up Gang!", ruft Carl, ein Unternehmen wird gegründet, am Ende knallen "Kindersektkorken". Nach der eigentlichen Geschichte steht aber noch ein Glossar. Darin werden unter anderem die Begriffe Incubator, Merger und Rapid Prototyping erklärt. Unter letzterem versteht man den "Überbegriff für verschiedene Arten der zeitsparenden Herstellung von Prototypen".

Das empfohlene Mindestalter für das Lesen dieses Buches beträgt zehn Jahre. Man möchte allen Eltern den Kauf raten, die ihre Kinder weniger als Menschen betrachten und mehr als Rohstoff für die zeitsparende Herstellung von Prototypen für die deutsche Wirtschaft. Formal ist dieses Buch ja ordentlich gemacht, es hat eine klare Botschaft und bringt diese gezielt aus.

Hinter dieser Botschaft aber steht die verklärende Romantik jener deutschen Selfmade-Hupen, von denen Maschmeyer mit einiger Wahrscheinlichkeit die lauteste ist. Egozentrismus und Geldgeilheit wird von ihm und anderen verbal schöngeföhnt zum "Unternehmergeist", ohne den die deutsche Wirtschaft spätestens übermorgen in vorindustrielle Finsternis zurückfallen würde.

Natürlich ist echter Unternehmergeist toll und natürlich ist es toll, Kinder früh über die Möglichkeit in Kenntnis zu setzen, dass man mit Fleiß und Geist die tollsten Sachen erreichen kann. Aber vielleicht kann man diese Kinder auch erst mal Herz und Seele erkunden lassen, bevor man Geld-Ethiker wie Maschmeyer auf sie loslässt? Die klimpern zwar immer verheißungsvoll mit ein paar Taschengeldbitcoins in der Hosentasche - ihre Methode aber ist die eines strengen Vaters: Geh meinen Weg und enttäusch mich nicht.

Wenn man ganz genau hinsieht, kann man in den Augen von Carsten Maschmeyer diesen klugen alten Satz von René Pollesch lesen. Das Perfide am Kapitalismus sei demnach, dass darin am Ende keiner mehr Geld wolle - und alle nur noch: Liebe.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5558629
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/RJB
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.