Süddeutsche Zeitung

Bilder der Flucht:Ein zerbeulter Zaun, Menschen in Massen

Fotos von der Flüchtlingsroute können Argumente für Pro Asyl liefern - oder für die AfD. Über die Macht der Bilder.

Von Nadia Pantel

Gut zehn Stunden am Tag könnte man in Berkasovo, Tovarnik oder Dobova Bilder vom großen Warten machen. Dann wird an den Grenzorten in Serbien, Kroatien und Slowenien vor allem herumgesessen. Zum Beispiel am vergangenen Sonntag, 13 Uhr, im kroatischen Tovarnik.

Eigentlich nur ein Bahnhof mit ein paar Häusern und Apfelbäumen drumherum. Die jungen Helfer vom Roten Kreuz essen Kartoffeln und Fleisch aus Styroporboxen, die Polizisten am Bahnsteig teilen sich ein Stück Sahnetorte. Kein Flüchtling weit und breit. Irgendwann wird ein überbelegter Zug aus Serbien ankommen. Wann, weiß keiner.

Das Warten, das Nicht-Wissen, das Helfer-Zelt an der falschen Stelle, das alles gehört genauso zu dieser Flucht über den Balkan wie die Überforderung, wenn vom Nachbarland unangekündigt 3000 Menschen an den Grenzzaun gefahren werden.

Die Wartebilder schaffen es nicht in die Medien, die Massenbilder schon. An den Grenzen im Südosten Europas werden in diesen Tagen die Fotos gemacht, die die Gefühle der Europäer und das Handeln ihrer Politiker prägen. Die Lieblingsmotive zur Zeit: Massen und Müll.

Wie diese Bilder entstehen, zeigt zum Beispiel der Marsch entlang der Save in Slowenien. Am Dienstag, 20. Oktober, bringt Kroatien busweise Flüchtlinge an die Grenze. Gegen Nachmittag haben sich 2000 Menschen gesammelt, die stundenlang eingezäunt zwischen den Ländern im Niemandsland stehen.

Dass viele Marschierende im Grundschulalter sind, sieht man nicht

Dann öffnet Slowenien die Grenze. Die berittene Polizei voraus, laufen die Menschen gut acht Kilometer ins Auffanglager im slowenischen Brezice. Das Bild, das entsteht, sieht aus wie der Aufmarsch einer Horde Fußsoldaten direkt aus dem Mittelalter. Dicht gedrängt, die Reihen geschlossen, dem Befehlshaber und seinem Pferd hinterher.

Dass viele der Marschierenden im Grundschulalter sind, sieht man auf den Massenbildern nicht. "Wir werden überrannt", melden die slowenischen Medien. Die Bilder dazu könnten nicht stärker sein.

Was auf dem Balkan geschieht, ist in der jüngeren Geschichte tatsächlich ohne Beispiel. "Es ist für uns Routine, Menschen aus Kriegsgebieten umzusiedeln. Aber so viele Menschen zu versorgen, das ist für uns eine neue Herausforderung", sagt Francesca Bonelli vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR, die versucht, das Chaos an der serbisch-kroatischen Grenze nicht zur humanitären Katastrophe werden zu lassen.

Menschen, die sich mit Flüchtenden solidarisieren, tragen gerne "Refugees welcome"-T-Shirts. Ihr Logo ist immer dasselbe: die Silhouetten rennender Menschen. Es gab diese T-Shirts, lange bevor es in Europa rennende Massen gab. Noch im Frühjahr wirkten die Läufer auf der Brust etwas schief. Asylsuche in Europa, das war ein zäher Prozess, kein Dauerlauf.

Bilder von Flüchtlingen haben fast immer eine politische Bedeutung

Jetzt sind die Menschen tatsächlich eine Masse in Bewegung. "Es ist, als wären wir Rinder", sagt ein junger Mann, der seit drei Stunden vor dem serbischen Flüchtlingslager Opatovac darauf wartet, registriert zu werden. Vorher hat er einen Tag an der serbischen Grenze gewartet. Durch weite Strecken Mazedoniens ist er gelaufen. Es passiert entweder gar nichts, oder es passiert alles sehr schnell und dann für alle gleichzeitig. Wie beim Viehtrieb.

Die Hetze hat viele Ursachen. Sie beginnt in dem Moment, in dem ein Mensch sich entscheidet, sein Haus, seine Freunde, sein Land hinter sich zu lassen. Sie wächst mit jeder Erfahrung des Weitergeschicktwerdens. Das Tempo ist dringlicher geworden, je mehr Familien, Babys, Schwangere unterwegs sind.

Sie wollen nicht warten, sie wollen ankommen. Und beinahe alle Länder sind sich einig, dass sie nicht der Ort sein werden, an dem irgendjemand ankommt. Je mehr Komfort entsteht, desto eher bleiben Menschen irgendwo hängen, und sei es nur für zwei Tage.

Betten, warme Mahlzeiten, Duschen: Das alles sind Verzögerungen, die auf der Balkanroute vermieden werden. Stattdessen gibt es Essen aus schnell gereichten Plastiktüten, einmal verwendbare Rettungsdecken gegen die Kälte und drei Dixi-Klos für tausend Wartende. Das sichtbare Resultat dieser Politik ist Müll. Bergeweise Müll.

An Fotografen, die Masse und Müll dokumentieren, mangelt es nicht. Manchmal sind sie schon vor den Flüchtlingen da, manchmal werden sie von den Menschentransporten überholt.

Dass es dabei beinahe unmöglich ist, Flüchtlinge zu fotografieren, ohne dass die Bilder politische Aussagen werden, ist den meisten Fotografen bewusst. Ein weinendes Kind, das zwischen Polizisten eingequetscht wird, das ist nicht nur ein Foto, das ist ein Argument für Pro Asyl. Ein plattgetrampeltes Maisfeld, das mit halb leer gegessenen Konservendosen übersät ist, das ist nicht nur ein Foto, das ist ein Argument für die AfD.

Auch slowenische Politiker haben ein Gefühl für die Macht der Bilder

Das Magazin Ostpol hat Fotografen zu ihrer Arbeit befragt. Der ungarische Fotograf László Mudra beschreibt dort, wie er die Berichterstattung vom Budapester Bahnhof im September erlebt hat. Anfangs versteckten sich die Flüchtlinge vor den Fotografen, dann begannen sie sich mit Plakaten vor die Kameras zu stellen: "Die Menschen merkten, dass die Berichterstattung eine Möglichkeit ist, auf ihre Situation aufmerksam zu machen und sie sogar zu ihren Gunsten zu verändern."

Der serbische Fotograf Marko Risović arbeitete im August an der griechisch-mazedonischen Grenze, als die mazedonische Polizei auf einmal Blendgranaten auf die Flüchtlinge schoss. "Dass gerade diese Bilder überall zu sehen waren, war meiner Meinung nach von mazedonischer Seite beabsichtigt. Kurz darauf öffnete die Polizei ja die Grenze - und ließ die Flüchtlinge ohne Weiteres durch. Die Bilder von den Blendgranaten lieferten sozusagen die Legitimation für diese Kapitulation."

Es sei der Gedanke erlaubt, dass auch slowenische Politiker ein Gefühl für die Macht der Bilder haben. Den Marsch entlang der Save leitete die Polizei auf einen kleinen Deich. Im Hintergrund eine Kirche im Abendlicht, vorne 2000 Menschen im Gänsemarsch. Es hätte auch normale Feldwege gegeben, die durch das Gebiet führen.

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Quelle:
SZ vom 30.10.2015
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