Süddeutsche Zeitung

Beethoven-Jubiläum:Musik als Ersatzreligion

Mit Beethoven kam die Unsicherheit als neues Phänomen in die Musik. Im Corona-Jahr 2020 fällt das ganz besonders auf.

Von Reinhard J. Brembeck

An diesem Donnerstag vor 250 Jahren wurde Ludwig van Beethoven in Bonn getauft, das Ereignis feiert Dirigent Daniel Barenboim zusammen mit seinem East Western Divan Orchester in der Oper Bonn, 3sat überträgt das Konzert von 20.15 Uhr an. Wann Beethoven geboren wurde, weiß kein Mensch. Er selbst hielt sich für oder machte sich ein Jahr, später sogar zwei Jahre jünger. Das war aber nicht nur Eitelkeit. Es verweist auf ein damals neues und zunehmend alle Lebensbereiche betreffendes Phänomen der Jahre vor der Französischen Revolution. Ein Phänomen, das sich seither noch verstärkte und auch das Heute noch einschneidend prägt.

Denn mit Beethoven kam die Unsicherheit als existenziell bestimmender Faktor in die Welt. Unsicherheit prägte sein Œuvre, wie auch das der beiden ebenfalls im Jahr 1770 geborenen Jubilare, des Dichters Friedrich Hölderlin und des Philosophen Georg Friedrich Hegel. Doch ohne die Seuche, die derzeit die Welt verwüstet und auch die Klassikszene zum Erliegen bringt, wäre dieses Phänomen Unsicherheit, das zentral ist für Beethovens Komponieren, kaum ins Bewusstsein getreten.

Mit der Unsicherheit korrespondiert bei Beethoven das Zerbrechen von Sicherheiten und Formen. Das ist unübersehbar beim Vergleich der Klaviertrios op.1 und den Klaviersonaten op.2 mit den letzten Sonaten und Streichquartetten. Anfangs füllt Beethoven, so wie noch alle Komponisten vor ihm, eine gegebene Form. In den späten Stücken sind die Formen nur mehr als vom Komponisten zerbrochene Gespinste auszumachen. Das bei ihm oft brutale Zerbrechen, Durchbrechen, Stauchen und Überladen alter und ausgedienter Formen zeigt einen Komponisten, der auf die Zerfallserscheinungen in Politik, Religion, Philosophie, Gesellschaft reagiert. Weil Beethovens Welt nach und nach jeden religiösen, metaphysischen und philosophischen Halt einbüßte, wird schon bei ihm und nicht erst bei Richard Wagner die Musik zu einem Surrogat, zu einer Ersatzreligion.

Eine Sonate Beethovens bedeutet deshalb für Komponist wie Hörer mehr als eine von Wolfgang A. Mozart. Spiegelte Mozarts Musik noch eine stabile Welt, in der sich wie im "Don Giovanni" kommende Umbrüche nur als Ahnungen abzeichneten, so trägt jedes Beethoven-Stück ein trotziges Jetzt-erst-recht in sich, das die Musik verändert und zersetzt. Beethoven ist ein Trauernder. Er hätte gern die Unversehrtheit der Welt zurück, in der sich Mozart noch geborgen fühlte. Die Zerstörungen der Französischen Revolution, vorbereitet durch die Aufklärung, aber ließen kein naives Leben mehr zu. Religion, Liebe und Gesellschaftsordnung waren angezählt. Beethoven konnte nur durch kompositorische Gewaltakte und gegen besseres Wissen ihre Unversehrtheit behaupten. Zeugen dieses später als idealistisch verklärten Ringens sind die Oper "Fidelio", die Missa solemnis und die Neunte Sinfonie, allesamt Riesenunternehmungen, deren Zwanghaftigkeit Interpreten, Musiker wie Philosophen vor unlösbare Probleme stellen. Diese Stücke überwältigen durch Kraft und geben eine idealisierte Wirklichkeit als real aus. Ein Hauch von kompositorischer Falschmünzerei ist unüberhörbar.

Von nun an versteht der Mensch all seine Produktion bloß als Entwicklung und Mode

Schon Waldstein-Sonate und Appassionata, zwei der beliebtesten Klavierwerke des knapp 35-Jährigen Sturm-und-Drang-Komponisten, donnern leidenschaftlich, trotzig und verzweifelt gegen das Zerbrechen aller Sicherheiten an. Aber die Leidenschaft kann nicht übertünchen, dass in diesen Sonaten etwas Unerfülltes steckt, das seither jeder Kunst zu eigen ist. Es ist ein Makel, den Susan Sontag in ihrem Essay über den Aphoristiker Emil Cioran (1911-1997) in der Historisierung verortet, die sich im frühen 19. Jahrhundert manifestiert. Sontag spricht von "einer raubtierartigen Umarmung", von einer unermüdlichen Selbstbevormundung des Menschen, weil der Mensch nunmehr all seine Produktion bloß als eine Entwicklung und Mode versteht. Dadurch konnte "unbestreitbar das Kraftvollste, Dichteste, Subtilste, das durchweg Interessante und Wahre in der gesamten Geschichte des Menschengeschlechts" geschaffen werden. Doch damit koppelt sich das "Empfinden, auf den Ruinen des Denkens und knapp vor den Ruinen der Geschichte und des Menschen selbst zu stehen". Diese beiden sich beunruhigend bekriegenden Gefühle löst auch Beethovens cis-Moll-Quartett im Hörer aus: Es gibt kein kraftvolleres, dichteres, subtileres und wahreres Stück in der Musikgeschichte, das aus den Ruinen des Einst und zudem am Abgrund des Daseins geschaffen wurde. Dieser Gegensatz ist das große und schwierige Vermächtnis Beethovens, der nicht ganz leicht auszuhalten ist, weder emotional noch intellektuell.

Die späten Quartette haben mit ihrer hermetischen Rätselhaftigkeit nicht nur Musiker vor den Kopf gestoßen und inspiriert, sondern auch Dichter. Die späten Sonette Stéphane Mallarmés lassen sich mit Beethoven im Kopf erhellend leichter lesen. Der Philosoph José Ortega y Gasset berichtet von einer Gedenkfeier 1923 zu Mallarmés 25. Todestag, zu der er einige Künstler in Madrids Botanischen Garten einlud, gleich neben dem Prado. Dabei sollten keine Reden gehalten, sondern es sollte fünf Minuten geschwiegen werden: "Fünf Minuten Schweigen sind viel. Es bangt einem davor, sie wortlos durchschwimmen zu müssen." Kaum dass das Schweigen beginnt, bricht sich in Ortega ein innerer Monolog Bahn, in dem er all das ausspricht, was er bei seiner nicht gehaltenen Gedenkrede auf den Dichter gesagt hätte. Er gipfelt in einer Behauptung, die Susan Sontags These einseitig radikalisiert: "Ich bin schon seit geraumer Zeit der Überzeugung, dass die Poesie sich erschöpft hat. Was heute noch zustande kommt, ist nichts als das Röcheln einer absterbenden Kunst." Zuletzt philosophiert er noch kurz über "das ausgesprochene und unausgesprochene Denken". Und der Leser, noch ganz im Banne Beethovens, beschließt, es Ortega gleichzutun und am heutigen Tauftag Beethovens fünf Minuten lang schweigend zu gedenken. Wer weiß, was das Schweigen für Ungeheuer, für Paradiese gebiert.

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