Süddeutsche Zeitung

Opernpremiere in München:Nachts im Museum

Christoph Marthaler inszeniert den theatralisch saftigen Lear erstaunlich trocken. Nach langen Theaterzwangsferien jubelt das Publikum dennoch.

Von Reinhard J. Brembeck

Christoph Marthaler, er wird bald 70 Jahre alt, ist ein Großregisseur, der in sich progressiv dünkenden Kreisen noch immer hymnisch verehrt wird. Weil er in seinen Bühnenarbeiten Dada, Valentinskomik, Verfremdungseffekte, Statik und Antitheater mischt und damit penetrant den Sinn seines eigenen Tuns wie den des Stadt- und Staatstheatersystems befragt. Jetzt auch und erstmals an der Bayerischen Staatsoper, wo Marthaler und seine geniale Bühnenbauerin Anna Viebrock das marod machtgeile Personal aus Aribert Reimanns "Lear" ausgestopft in die Vitrinen eines altertümlichen Naturhistorischen Museums gesteckt haben, neben Bienen, Rieseninsekten und Tierfellen.

Ein schlurfig weißlanghaariger und beredt schweigender Aufseher (Marc Bodnar: bravo!) führt gelegentlich ein paar Besucher in den aseptischen Saal und hat ansonsten alle Hände voll damit zu tun, die aus den Vitrinen entweichende Mischpoke samt dem schrulligen und zunehmend irrsinnigen Museumsdirektor Lear einzufangen. So betreibt Marthaler eine historisch entrückte Familienaufstellung, deren Sinn und Zweck einem in vielen Momenten entgeht.

Der 85-jährige Aribert Reimann ist einer der erfolgreichsten Opernkomponisten der Welt, der liebend gern große Stoffe der Weltliteratur veropert. Der zweieinhalbstündige "Lear" nach dem Drama William Shakespeares ist Reimanns bekannteste Oper, sie wurde vor 43 Jahren im Nationaltheater mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle aufgeführt. Lear ist ein senil gewordener Despot, der abdankt und den seine Töchter in den Irrsinn treiben. Verrat, Mord, Vergiftung, Selbstmordversuch, Blendung und Irrsinn: Das Stück ist theatralisch saftig, aber Marthaler hat allen Saft herausgelassen, und es bleibt, auch wegen des wenig inspiriert sich am Original entlang hangelnden Librettos von Claus H. Henneberg, allzu viel Moral, Königsgläubigkeit und Nihilismus übrig. Kein Wunder, dass Marthaler das alles im Museum verstauben lässt.

Gelegentlich schaffen es Sängerinnen, den Staub von ihren Rollen fortzublasen

Aber gelegentlich schaffen es dann doch viele Sängerinnen, den Staub von ihren Rollen fortzublasen und ein warm pochendes Herz in ihnen bloßzulegen. So Hanna-Elisabeth Müller als die naiv brave Lear-Tochter Cordelia, die als Lady-Di-Double daherkommt und zuletzt einen beindruckenden Weltabschied singt: klar, hell, ruhig, zu Herzen gehend. Während Angela Denoke die bitterböse Lear-Tochter Goneril als beeindruckendes Miststück zeichnet, ohne zu keifen, ohne zu outrieren, aber voller Sex-Appeal, Machtwillen und der Geradlinigkeit der großen Schuftinnen.

Georg Nigl ist sich auf einer Bühne für kein Extrem zu schade. In München aber zeichnet dieser wundervolle Sänger konzentriert und mit fahlem Stimmglanz einen alten, aufrechten Herzog, der still und stolz in sich hineinleidet und seinem verirrten König bis in die Blendung hinein die Treue hält. Das ist ein Meisterstück. Und der Countertenor Andrew Watts kann schon durch seine exorbitante, hohe und sicher geführte Stimme die Leiden des Underdogs Edgar beeindruckend zeichnen. Die ganze Crew wurde denn auch vom durchgetesteten und brav maskierten Publikum (darüber wachten penibel die Staatsopernaufseher) lang bejubelt. Da schwang wohl auch viel Dank mit, dass nach monatelangen Theaterzwangsferien wieder einmal eine Premiere vor zumindest ein wenig Publikum möglich war - jeder dritte Stuhl war besetzt.

Aribert Reimann bevorzugt eine traditionelle, chronologische Erzählung und schreibt, gerade für Frauen und Countertenor, gut in der Kehle liegende und oft stark ausgezierte Kantilenen. Im Orchester des "Lear" geht es anfangs sehr viel wilder und stark brodelnd zu, das ist eine kreative Verbeugung vor den Klangflächenorgasmen György Ligetis. Nach und nach setzt sich dann auch hier die Tradition durch, spielt das Orchester begleitend kommentierend wie seit Richard Wagner üblich, ohne dass Reimann je auf die billigen Versuchungen der Tonalität hereinfallen würde.

Dirigent und Orchester rühren ein höllenmäßiges Tohuwabohu an

Im Vergleich zu den später in München uraufgeführten Reimann-Stücken "Troades" und "Bernarda Albas Haus", erst recht im Vergleich zu seinen letzten Großmeisterwerken "Medea" und "L`invisible" mischt sich das Orchester im "Lear" noch eher zurückhaltend in Libretto und Aktion ein. Was der Dirigent Jukka-Pekka Saraste allzu gerne respektiert. Er und das Orchester rühren ein höllenmäßiges Tohuwabohu an, das erst im Laufe des Abends an Konturen, Feinschliff und einer differenzierten Lautstärkeskala gewinnt.

Mittlerweile hat sich die "Lear"-Mischpoke auf der Bühne verausgabt und stakst verrenkt in den Untergang. Auch Christian Gerhaher als Museumsdirektor Lear. Gerhaher ist der Monsterpartie in jedem Moment gewachsen, er singt farbenreich und mit dem Aplomb eines Siegers und Allerkönners. Diese Haltung aber steht in einem befremdlichen Gegensatz zur Figur des Lears, der alt, schwach, ungerecht, tattrig, despotisch, lächerlich und deshalb wider Willen zu bedauern ist. Gerhaher ist wie jeder andere Starsänger in erster Linie er selbst, Gerhaher. Das aber verdeckt einiges im Profil des unbelehrbaren Machomannes Lear.

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