Süddeutsche Zeitung

"Avengers: Infinity War" im Kino:Sterbt - und bleibt tot!

Weil alle Marvel-Superhelden ein gemeinsames Universum bewohnen, stehen sie einander in "Avengers: Infinity War" endgültig auf den Füßen. Zeit für ein gewaltsames Reduktionsprogramm.

Von Philipp Bovermann

Allein schon das Filmplakat, herrje, was da alles los ist! Umspielt von einer infernalisch rot leuchtenden Korona präsentiert sich eine Truppe Hollywoodstars in der doppelten Stärke einer Fußballmannschaft. In ewigen Kampfposen scheinen sie dort erstarrt, und an den Kinokassen hatte das Wimmelbild bereits den gewünschten Effekt. Mit Einnahmen von 250 Millionen Dollar zog "Avengers: Infinity War" am bisherigen Rekordhalter für den besten US-Start, "Star Wars: Das Erwachen der Macht", vorbei. Dabei ist sein Thema eigentlich, trotz des Titels, die Endlichkeit.

Es ist der 19. Film im vor fast genau zehn Jahren etablierten "Marvel Cinematic Universe". So heißt die erzählte Welt, die all diese Helden teilen, sodass sie Gastauftritte in den Filmen ihrer Kollegen haben können. Das "MCU" war bisher die Geschichte eines unaufhaltsamen Wachstums. Wenn ein neuer Held eingeführt wurde, bekam er zunächst mediale Schützenhilfe von etablierten Figuren, um von deren Markenwerten zu profitieren. So wie Hollywood das früher machte, als die Studios die Leinwanddebüts neuer Talente, die sie als Stars aufbauen wollten, bei der Vermarktung extra auswiesen und mit bereits bekannten Gesichtern flankierten. Dasselbe findet hier auf der Erzählebene statt.

Da taucht dann gern mal kurz vor Schluss ein neuer Kämpfer auf, um das Blatt in der entscheidenden Schlacht doch noch zu wenden. Als Belohnung erhält er dafür einen eigenen Film. Mit ihm im Schlepptau kommt dann eine ganze Welt, aus der er stammt. So gelangte zuletzt das afrikanische Fantasieland "Wakanda" auf die Marvel-Landkarte. Es hatte sich, wie wir in "Black Panther" erfahren, die ganze Zeit hinter einem unsichtbar machenden Schutzschirm versteckt.

Gibt es Anschlussfehler zwischen den Filmen, beginnen die Hardcore-Fans zu murren

Diese Welten passen natürlich eigentlich nicht zusammen. In "Infinity War" kämpft Spiderman, der sich in seinem letzten Solo-Film noch als freundliche Nachbarschafts-Spinne durch die Vororte schwang, plötzlich auf der Außenhülle eines Raumschiffs, an der Seite eines zeitreisenden Magiers. Der erzählerische Aufwand, all das zusammenzuhalten, steigt mit jedem weiteren Film. Zum Beispiel hat der Held Thor in "Thor: Ragnarok" sein Auge verloren. In "Infinity War" braucht er also ein neues. Das kriegt er vom kämpfenden Waschbären Rocket Racoon - was wiederum eine Anspielung auf den ersten Teil der "Guardians of the Galaxy" ist. Die werden nun ebenfalls ins Avengers-Universum eingespeist.

Für ein derartiges Hinterherräumen bleibt aber oft keine Zeit, weshalb sich die Anschlussfehler zwischen den Filmen häufen. Gerade die Hardcore-Fans, denen so was auffällt, beginnen im Internet zu murren. Dinge aus vorigen Teilen, die nicht ins Konzept passen, sind plötzlich nie geschehen; ein dramatisch geläuterter Recke gibt sich wieder als das alte Großmaul, weil für Eigenbrötlereien im Team keine Zeit bleibt; und wenn jemand gestorben ist, um einen Solo-Film zu krönen, taucht er eventuell schon im nächsten aus hanebüchenen Gründen wieder auf. Schließlich sind sie Marken und damit bares Geld wert. Das kann man nicht einfach verbrennen.

Es passiert also Entscheidendes, wenn "Infinity War" nun die Todesglocken läutet. Das war schon vorab gerüchteweise zu vernehmen und sorgte für wohliges Erzittern bei den Fans. Und tatsächlich: Es ist noch nicht einmal die Titelsequenz gelaufen, da packt Thanos, der seit dem ersten "Avengers"-Teil als finsterer Strippenzieher im Hintergrund aufgebaut worden war, eine der wichtigeren Figuren an der Gurgel. Er drückt zu, die Augen seines Opfers verfärben sich blutrot, dann wirft er den toten Körper achtlos zur Seite. Da waren's nur noch 23. "Keine Wiederbelebungen dieses Mal", knurrt er. Der Name dieses Oberschurken leitet sich von "Thanatos" her, dem griechischen Wort für Tod. Die Grenzen des kapitalistischen Wachstums sind in der Welt von Marvel offenbar erreicht. Es fällt nicht schwer, darin einen versteckten Hinweis auf die Todessehnsucht der gegenwärtigen Zeit zu sehen, die so gern zu den Wurzeln zurückkehren möchte, wenn nötig mit Gewalt. Sie richtet sich außerhalb des Kinos auf eine Welt, die so vernetzt, so globalisiert, so unübersichtlich und bunt geworden ist wie das "MCU".

"Infinity War" demonstriert das in jetsetmäßiger Beliebigkeit: Weil mit den vielen Figuren so viele erzählerische Bälle in der Luft sind, springt die Handlung hin und her zwischen Schauplätzen wie New York, Edinburgh und einer intergalaktischen, von Zwergen betriebenen Schmiede. Allenfalls Texteinblendungen verraten dem schwindlig gewordenen Zuschauer noch, wo er sich gerade befindet.

Mission des Weltenzerstörers Thanos: kurzgesagt Euthanasie

Um dieser Zerstreutheit entgegenzuwirken, macht der Film den Widersacher, den Weltenzerstörer Thanos, zum heimlichen Subjekt der Handlung. Dessen Mission ist, kurz gesagt, Euthanasie. Er glaubt, dem Ganzen zu dienen, wenn er die Hälfte von allem vernichtet. Ein Stahlgewitter soll die Welt reinigen. Der Stärkere wird herrschen. Die Revolution kommt bei Marvel also von rechts.

Damit kehrt ein düsterer Ton in die sonst so poppige, ironisch-heitere Marvel-Welt ein. Man merkt, durchaus positiv übrigens, dass diesmal wirklich etwas auf dem Spiel steht. Dieses "etwas" bleibt ebenso abstrakt wie im "Star Wars"-Universum, auf das sich das Franchise in Lichtgeschwindigkeit zuzubewegen scheint. Eher vage definierte Kräfte des Guten sind dort im Kampf mit der "dunklen Seite", ihren Militärparaden und ihrem Imperator - aber die dunkle Seite steckt längst auch in den Herzen der Figuren. Ganz ähnlich in "Infinity War": Die Helden selbst sind zum Ziel der Kräfte geworden, die sie bekämpfen. Thanos muss sie aus dem Weg räumen, um sämtliche "Infinity Steine" an seinem welterschütternden Handschuh zu vereinen und absolute Macht zu erlangen.

Menschliche Stars, die zu alt werden, sind die Achillesferse des ganzen Unternehmens

Dass Marvel sie nun mit seiner Hilfe teilweise loswerden will, hat auch einen pragmatischen Grund: Sie kommen in die Jahre. Natürlich altern nicht die Figuren selbst, die sind so zeitlos wie die Masken, die sie tragen, aber die Schauspieler darunter werden allmählich zu müde in den Knochen, um monatelang, an Seilen befestigt, vor Greenscreens herumzuhüpfen. Sie sind gewissermaßen die biologische Achillesferse dieses großteils computergenerierten Filmuniversums - der Punkt, an dem es mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie die "Lindenstraße". Robert Downey Jr. beispielsweise, der als "Iron Man" seit nun schon zehn Jahren an Bord ist, hat kürzlich seinen 53. Geburtstag gefeiert.

In den Comic-Vorlagen von Marvel durften im Lauf der Jahrzehnte immer wieder neue Protagonisten in die bekannten Heldenanzüge schlüpfen, um sie einem sich wandelnden Zeitgeschmack anzupassen und neue Zielgruppen zu erschließen. Dabei kamen auch zunehmend weibliche Figuren und People of Color zum Zug. Der Erfolg von Superhelden-Figuren wie "Wonder Woman" oder "Black Panther" nähren die Hoffnung, dass das auch im MCU passieren könnte.

Im kommenden, animierten "Spiderman"-Film, den Sony Ende des Jahres in die Kinos bringen wird, soll unter dem Spinnenkostüm bereits ein schwarzer Held namens Miles Morales stecken. Der Kampf im Herzen des Marvel-Universums, ob alles nun düsterer oder doch eher bunter wird, ist also noch keineswegs entschieden.

Avengers: Infinity War, USA 2018. Regie: Anthony & Joe Russo. Buch: Christopher Markus, Stephen McFeely. Kamera: Trent Opaloch. Mit: Robert Downey Jr., Josh Brolin, Chris Evans, Scarlett Johansson, Benedict Cumberbatch, Verleih: Disney, 160 Min.

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Quelle:
SZ vom 02.05.2018/biaz
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