Süddeutsche Zeitung

Architektur:"Wir können es leicht mit den Männern aufnehmen"

  • Dorte Mandrup ist eine der besten Architekten Dänemarks. In der männerdominierten Architekturszene ist sie die Ausnahme.
  • Demnächst soll im jütländischen Brande ein Wolkenkratzer aus ihrer Hand entstehen - mit seinen 320 Metern wäre er der größte in der Europäischen Union.

Von Laura Weißmüller

Wolkenkratzer waren in der Architektur bislang fest in Männerhand. Die dann gerne damit prahlten. Superlative machen sich gut, bei Bauherren wie in Titelgeschichten. Dorte Mandrup macht das anders. Die dänische Architektin listet das "ziemlich große Projekt in Brande" einfach nur zwischen all ihren anderen auf. Wenn man nicht nachgefragt hätte, wäre sie darüber hinweggegangen. Aber handelt es sich nicht um ein 320 Meter hohen Wolkenkratzer? "Ja, es wird der größte in der Europäischen Union sein", gibt sie zu und muss dann selbst schmunzeln. "Und es macht Spaß, ihn zu bauen."

Dorte Mandrup, 57, will nicht viel Aufhebens darum machen. Genauso wie sie nichts von einer Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Architekten hält. "I am not a female architect. I am an architect" hieß ihr Essay und brachte der vielfach preisgekrönten Baumeisterin im vergangenen Jahr einen veritablen Shitstorm ein. Sie verrate damit die Ziele des Feminismus, warfen die Kritiker ihr vor. Ein Missverständnis, sagt sie ein Jahr später in Kopenhagen. Sie habe nur keine Lust, in die Ecke der Architektinnen geschoben zu werden - "female architect" klingt tatsächlich wie eine zu vernachlässigende Unterkategorie - und dadurch vom Wettbewerb mit den Männern abgehalten zu werden. "Es gibt keinen Unterschied, wie Frauen und Männer Architektur machen", ist Mandrup überzeugt.

Das stimmt natürlich und dann auch wieder nicht. Denn auch im Jahr 2018 ist die Architekturwelt - immer noch - männlich. Obwohl seit Jahren genau so viele Frauen wie Männer Architektur studieren, verschwinden die Frauen zügig von der Bildfläche, wenn es darum geht, ein großes Museum oder ein spektakuläres Konzertgebäude zu entwerfen. Oder im Zentrum einer Einzelausstellung zu stehen. Der Pritzker-Preis, so etwas wie der Nobelpreis in der Architektur, ging seit 1979 zwei Mal an Frauen. Das sagt eigentlich schon alles.

"Es gibt viele gute Architektinnen, und wir können es leicht mit den Männern aufnehmen", sagt Mandrup im verglasten Besprechungsraum ihres Büros, einer ehemaligen Fabriketage mitten in Kopenhagen. Noch so eine Ausnahme. Die Dänin leitet seit fast 20 Jahren ihr eigenes Büro. Es gibt kaum Architektinnen, die das tun. Und wenn, dann haben sie einen Mann an ihrer Seite - dessen Namen dann auch gerne an erster Stelle im Büronamen prangt. Sauerbruch Hutton, Kühn Malvezzi, Heide & von Beckerath, um nur einige deutsche Beispiele zu nennen. Der Geniekult ist männlich, das hat auch Mandrup immer wieder erfahren. Als sie vor knapp 25 Jahren mit einem Mann zusammenarbeitete, hielten die Leute automatisch ihn für den kreativen Kopf und sie nur für seine Assistentin. "Deswegen musste ich ja mein eigenes Büro eröffnen", sagt die Dänin.

Dorte Mandrup macht lieber etwas, als lang darüber zu theoretisieren. Der Erfolg gibt ihr recht. Immer mehr Bauherren wollen ein Gebäude von ihr. Gerade hat die Architektin deswegen den Vertrag für ihr neues Büro in einer historischen Kaserne unterschrieben, die alten Räume - viel Glas, viel Licht, ansonsten sparsame Einrichtung, außer einer chromglänzenden Kaffeemaschine - sind zu eng geworden. Die 65 Mitarbeiter sitzen dicht an dicht. Das Regal ächzt unter den vielen alten Modellen bereits realisierter Projekte. Neue entstehen mitten in der Etage. Denn bei Mandrup steht die Werkbank nicht versteckt im Hinterzimmer, sondern sie ist das Herz ihres Büros - das fortlaufend pumpt. Trotzdem ist die Stimmung gut, geradezu entspannt. Ein Angestellter kommt barfuß den Gang entlang, zwei Tischreihen weiter gönnen sich einige ein Eis. Für alle ist Mandrup ausschließlich Dorte. Die könnte mit ihren offenen Haaren, dem Kaugummi im Mund und einer überraschend rauchigen Stimme auch als Rockstar beim Roskilde-Festival durchgehen.

Für Mandrup ist Architektur ein Gemeinschaftsprojekt

Keine Entsprechung gibt es tatsächlich für ihre Bauten. Die Dänin hat in Ribe ein pfeilschnelles Wattenmeer-Zentrum gebaut, das es mit der Schönheit der dänischen Meereslandschaft dort aufnimmt. Sie hat in Kopenhagen Kindergärten entworfen, deren Dachlandschaften fröhlich in den Himmel zacken und einen Discounter mit Wohnungen und einer futuristischen Sporthalle gekrönt. Einen Flugzeughangar verwandelte Mandrup in ein lichtes Büro für ein Start-up und zwar derart flexibel, dass heute eine Architekturschule darin Platz findet. Und den Veranstaltungssaal eines Gemeindezentrums setzte die Architektin so auf dünne Säulen, dass es aussieht, als würde dieser tanzen.

"Jeder Ort hat etwas Einzigartiges. Es geht darum herauszufinden, was das ist", erklärt Mandrup die Vielfalt in ihrem Werk. Doch wer sich ihre Gebäude genauer anguckt, merkt schnell, dass ihre Arbeit mehr ist als nur das konsequente Auseinandersetzen mit einem Ort. Mandrups Entwürfe sind außergewöhnlich, ohne effekthascherisch sein zu wollen. Skulptural, ohne die Funktion dabei zu vergessen. Was damit zu tun haben könnte, dass Dorte Mandrup nach der Schule erst Bildhauerin werden wollte und dann ein Jahr lang Medizin studierte, bevor sie zur Architektur wechselte. In gewisser Weise macht sie heute beides: Die Baumeisterin versucht, soziale Probleme zu lösen. Denn egal ob bei öffentlichen oder privaten Projekten denkt sie daran, was ihr Bau der Stadt und den Bewohnern bieten kann. Mandrup sieht darin übrigens den Einfluss Kopenhagens, weil hier auf die Gestaltung der öffentlichen Räume großen Wert gelegt wird. Die Architektin arbeitet aber auch bewusst künstlerisch. Mit Licht und klaren Formen, die keine Angst vor großen Strukturen haben. Bis sie bei einem Projekt mit der Gestaltung zufrieden ist, stapeln sich die Prototypen. Mandrup will sich nicht zu früh festlegen. Vor allem aber will sie der künstlerischen Forderung an sich gerecht werden. "Es hat etwas gedauert, bis ich meinen eigenen Anspruch an die Form akzeptiert habe."

Genau der dürfte es sein, der Dorte Mandrup zu einer der besten Architekten Dänemarks werden ließ. Und der sie prädestiniert, an spektakulären Orten so zu bauen, dass die Architektur zwar für sich stehen kann, aber nicht zwanghaft alles andere übertrumpfen will. Das Wattenmeer-Zentrum ist ein Beispiel dafür, ihr Eisfjord-Informationszentrum an der felsigen Westküste Grönlands ein anderes. Der Entwurf aus Holz und Stahl gleicht einer Startrampe für staunende Blicke raus zum Eismeer und seinen Gletschern. Zugleich lässt er die tiefe Bewunderung für eine Bevölkerung erahnen, die den arktischen Temperaturen von bis zu minus 40 Grad trotzt.

Ähnlich unzugänglich wirkt auf den ersten Blick die Ausgangssituation für Dorte Mandrups erstes Projekt in Deutschland, das nun realisiert wird. Einen ehemaligen Luftschutzbunker in Wilhelmshaven baut die Architektin in ein internationales Zentrum für das Weltnaturerbe Wattenmeer um. "Der Bunker ist wie ein Berg", sagt die Dänin. Und eines der ganz wenigen Relikte, die noch vom Zweiten Weltkrieg erzählen. Die Architektin will mit ihrem Entwurf die Geschichte nicht verstecken, aber das Gefühl an dem Ort doch verändern. Dafür wird sie eine gläserne Hülle über den historischen Sockel stülpen, was ihn sowohl ausstellt als auch überragt und damit Platz für etwas Neues schafft. Eine typische Mandrup könnte man sagen, kraftvoll und sensibel zu gleich.

Was ebenfalls charakteristisch für die Architektin ist: Sie spricht immer von einem Wir, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. Männliche Stars ihrer Branche tun das nicht. Darauf angesprochen, sagt Mandrup: "Der künstlerische Part hängt vielleicht von mir ab, aber es braucht so viele weitere Fähigkeiten, um ein Haus zu bauen." Es gibt also doch einen Unterschied, wie Frauen und Männer Architektur machen. Nicht in der Form, sondern in der Art, wie sie das tun. Gemeinschaftlich.

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Quelle:
SZ vom 01.09.2018/cco/luch
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