Süddeutsche Zeitung

Klimawandel und Architektur:Mehr Schatten

In immer heißeren Sommern wird die lichtdurchflutete Bauweise der Moderne zum Albtraum. Zeit, ins Dunkel zurückzukehren?

Von Gerhard Matzig

Jede Zeitenwende hat einen Kronzeugen. Vielleicht ist Martin Lindsay derjenige, der den Übergang von der lichtdurchfluteten, die ganze Welt wie unter kachelweißer OP-Belichtung ausleuchtenden Moderne in das womöglich bald zurückeroberte Schattenreich glaubhaft bezeugt. Vor acht Jahren parkt der Geschäftsmann Lindsay seinen Jaguar XJ zwei Stunden lang vor einem gläsernen Neubau in der Fenchurch Street in London. Der Bau nahe der London Bridge an der Themse, ein rund 160 Meter hoher, nach allen Seiten hin typischerweise verglaster Büroturm samt Sky-Botanikgarten oben, 422 Fahrradstellplätzen unten und Innenausbau-Holz, das zu 100 Prozent aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt, ist fast fertig - aber noch nicht eröffnet.

Als Lindsay zu seinem Auto zurückkommt, befinden sich Teile seines Luxuswagens, wie es später in dem kaum zu Übertreibungen neigenden Newsletter deutscher Ingenieure fast schon geschockt heißt, "in butterähnlichem Zustand". Lindsay berichtet der BBC: "Ich spaziere die Straße hinunter und sehe, wie ein Mann Fotos schießt, ich frage ihn, was los sei, und er antwortet mir: ,Haben Sie dieses Auto gesehen? Der Besitzer wird nicht glücklich sein.'"

Lindsay ist der Besitzer. Doch jetzt besitzt er einen Jaguar, dessen Armaturenbrett und andere Kunststoffteile zu Butter geworden sind. Wie sich zeigt, bündelt und reflektiert die gekrümmte Glasfassade des Hochhauses das Sonnenlicht wie unter einem Brennglas. Die Straße wird gesperrt, der Bau eingestellt, Architekt Rafael Viñoly entschuldigt sich - und die Londoner nennen das Haus, das seiner Form wegen als "The Walkie-Talkie" bekannt ist, nur noch "The Walkie-Scorchie". To scorch: versengen.

Natürlich kann man die brandschatzende Bösewicht-Architektur wieder einhegen - und mit Folien und Lamellen an den Fenstern einigermaßen resozialisieren. Mitte 2014 wird das Haus bezogen. Aber der Geist ist aus der Flasche. Es gibt ein neues Feindbild: gläserne Bauwerke, offen gebaute Gebäude und transparente Kuben. Vor allem auch: die vom Traum zum Albtraum sich wandelnde Sehnsuchtsvorstellung von "lichten" Häusern. Wer sich die Poetologie der Maklerbranche ins Gedächtnis ruft, der weiß, dass diese Branche ohne das Wort "lichtdurchflutet" nicht lebensfähig ist.

Auch sie wird in Klimawandelzeiten marketingmäßig umdenken müssen. Vielleicht, es sind gerade die Tage der längsten Sonneneinstrahlung in Deutschland und das Land beginnt wieder mal zu riechen wie früher der von Kaugummiresten und Sonnenmilchtropfen so herrlich verklebte Fußweg zum Dreimeterbrett im Freibad, wird man eines Tages Anzeigen lesen, in denen kellerhaft feuchte und dunkel verschattete Wohnungen, in die sich garantiert niemals ein Lichtstrahl verirrt, angepriesen werden. Diese werden Höchstpreise erzielen, die man sich nur als Vlad der Pfähler (vulgo: der lichtsensible Graf Dracula) leisten kann.

Mit ihm teilt der Autor eine seltsame, womöglich ja krankhafte Neigung: Es ist die Angst vor brütender Hitze, Schattenlosigkeit und die Sehnsucht nach Novemberniesel in hoffentlich bald wieder dunkler werdenden Tagen. Übrigens, stimmt, man sieht ja auch aus wie Knäckebrot und stammt definitiv nicht aus der Karibik. Man ist nun mal kein Freund der Sonne. Weiß aber, dass sie seit Menschengedenken angebetet wird und zum Hotspot der allgemeinen Sehnsucht wurde. "Denn die einen", sagt Brecht, "sind im Dunkeln / Und die anderen sind im Licht." Wer will schon zu den einen gehören?

Noch ein Jahrhundert vor dem sengenden Haus von London, inmitten einer immer noch im Aufbruch befindlichen Moderne, die sich außer mit den Baustoffen Stahl und Beton aufs Innigste mit den im Grunde relativ jungen Hervorbringungen der Glasindustrie verbündet hat, dichtet der Schriftsteller und Philosoph Paul Scheerbart: "Das Glas bringt alles Helle, verbau es auf der Stelle." Ein paar Jahrzehnte zuvor war der "Crystal Palace" in London eröffnet worden, als Fanal moderner Weltwunder. Joseph Paxton hatte sich zur Weltausstellung 1851 im Hyde Park ein modern konzipiertes, höchst filigranes Gehäuse aus Eisen und Glas ausgedacht. Das ist quasi der Urahn aller Lichtdurchflutung.

Noch Mies van der Rohe, der bis 1951 das zur Legende werdende "Farnsworth House" in Illinois als Wochenendhaus entwirft (eine schwebende Bodenplatte unten, dünn wie ein Pfannkuchen, Decke oben, dünn wie ein iPhone - und der Rest ist: Glas), bezieht sich letztlich auf Paxton. Bald gibt es nur noch Glaspaläste.

Später schreibt Edith Farnsworth, die erst von Mies begeisterte, dann entgeisterte Bauherrin, grimmig: "Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild ... die Glas-Stahl-Konstruktion ist unbewohnbar." Man sieht sich vor Gericht. Genau dort also, wo seit einigen Jahren auch die Glasarchitekturen New Yorks verhandelt werden - als seien sie die inkriminierten Subjekte in Paul Austers New-York-Trilogie "City of Glass". Auf der Anklagebank: Glas als Baustoff. Bill de Blasio initiiert als Bürgermeister von New York ein Nachdenken darüber, gläserne Hochhausbauten aufgrund ihrer vermeintlichen Energie-Ineffizienz zu verbieten. "Monumente", sagt er, "die unserer Erde schaden - das wird in New York City nicht länger erlaubt sein."

Gute, alte auskragende Dächer, dicke Mauern und kühlende Begrünung

Glas wird zum Dieselskandal der Architektur. Vermutlich hat de Blasio noch nie etwas von modernem Isolierglas gehört. Tatsächlich ist Glas technologisch schon längst in der Lage, Häuser vor zu viel Sonneneinstrahlung zu schützen. Es könnte sogar eine Zeit kommen, da Glasfassaden nicht zur Umweltbelastung, sondern zur Energiewende beitragen: stromerzeugend und kühlend in einem. Im Augenblick ist das aber auch eine sehr teure, an Gerätemedizin erinnernde Technologie - und so rächt es sich nun, dass Häuser und Städte seit vielen Jahrzehnten die einfache Kunst des Schattenspendens eingebüßt haben: auskragende Dächer, engstehende, einander verschattende Stadthäuser, dicke, daher speichertaugliche Mauern, schattenspendende Begrünung, Wasser, Läden zum Schließen der Fassade, der Wind, der zur Kühlung eingefangen und gelenkt wird: Nichts davon ist neu zu erfinden. Der Süden ist schon lange findig im Umgang mit dem sengenden Glutmonster dort oben.

Man kann es verstehen, Glas war einst unvorstellbar teuer, die Fenster waren klein. Das Mittelalter war eine dunkle und zugige Angelegenheit. Die Aufklärung danach geht auch symbolisch einher mit Bauten, die sich zum Licht öffnen. Die gotische Kathedrale, eine einzigartige Feier des Lichts, wird insofern immer profaner: Bald ist jeder Raum ein Ort der Sonnenanbetung. Das Bauhaus umarmt endgültig das Licht. Aus den dunklen und feuchten Wohnstätten zuvor, die Heinrich Zille inspirierten zu der Sentenz, man könne mit Wohnungen töten wie mit Äxten, werden Orte des Lichts und der Wärme.

Ein Vorschlag zur Güte: Bis abermals das fähigste Glas wieder massentauglich wird, behelfen wir uns einstweilen mit Stadtstrukturen, die auch Schatten zulassen und mit Bauten, die der Sonne trotzen können. Das Büchlein "Lob des Schattens", ein hinreißender Essay von Tanizaki Jun'ichirō, stammt aus dem Jahr 1933. Es ist ein Lob auf die nicht gar so westliche Kunst, das Schöne wie das Sein aus dem unermüdlichen Wechselspiel von Licht und Dunkel zu begreifen. Das eine ist nichts ohne das andere. Seit wenigen Tagen werden die Nächte länger - das ist die gute Nachricht. Dass unsere Häuser und Städte noch lange nicht gerüstet sein werden für den Klimawandel, ist leider die schlechte Nachricht. Und jetzt, Brüder und Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit! Oder wenigstens in den Schatten.

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