Süddeutsche Zeitung

Brexit-Kolumne "Affentheater":"Unsere Bananen sind endlich frei!"

Nach drei Jahren Brexit, die sich anfühlten wie dreißig, weiß niemand mehr, was eigentlich los ist. A. L. Kennedy stellt sich den Brexit deshalb als Restaurant vor - mit Boris Johnson als Oberkellner.

Während das Coronavirus aus Wuhan uns die vage Hoffnung schenkt, dass wir bis Weihnachten alle tot sein könnten, und der Vater von Popo, dem Premierminister, aus irgendeinem Grund informeller Botschafter in China wird, ringt Großbritannien weiter mit dem Brexit. In diesen drei langen Jahren - waren es nicht vielleicht doch dreißig? - ist niemandem eine bessere Definition eingefallen als der ehemaligen Premierministerin, der moralischen Schlangenfrau und Schuhkönigin Theresa May, mit ihrem "Brexit Means Brexit".

Was wir nicht definieren können, lässt sich nur durch die Unmöglichkeit einer Definition definieren. Unsere Zukunft ist nichts weiter als eine schrecklich verschwommene Zeichnung von M. C. Escher. In einem Land, das von psychologischer Manipulation und politischem Blendwerk heimgesucht wird, kann der Brexit somit alles für alle bedeuten, wenn man sich nur weit genug von der Realität löst. Für einige von uns ist er verbunden mit endloser Wut, weißen Gesichtern und vielen Flaggen. Für den Rest droht er vielmehr als "Tod des Todes und Zerstörung der Hölle".

Der Brexit galoppiert ebenso schnell auf eine endgültige Definition zu, wie diese sich weiter entzieht

Arron Banks, einer der zwielichtigen Finanzarchitekten des Brexits, zitierte diese Zeile aus dem berühmten walisischen Kirchenlied "Führe mich, großer Erlöser" in einem triumphierenden, von Brexitlust triefenden Artikel im Revolverblatt Express, zwei Tage nachdem wir alle damit angefangen hatten, uns für den Einschlag zu wappnen. Die nächsten drei Monate wird er in Neuseeland verbringen, wahrscheinlich, weil es so ein ausgeglichenes, menschliches Land mit wirkungsvollen Umweltgesetzen ist, und mit einer wegen ihrer Humanität und Intelligenz bemerkenswerten Premierministerin. So etwas will er mit Sicherheit zerstören. Und höchstwahrscheinlich wird er Popo vorschlagen, dass Vater Johnson von nun an unser informeller Großer Erlöser wird.

Wir befinden uns in der Übergangsphase, in der der Brexit ebenso schnell auf eine endgültige Definition zugaloppiert wie diese sich weiter entzieht. Das bekomme ich nur mithilfe von Metaphern in den Griff. Ich bin Schriftstellerin, ich habe eine gültige Lizenz zum Metapherngebrauch - diese Zertifizierung wird freilich mit dem Tag erlöschen, an dem wir die EU verlassen.

Kellner Popo duftet animalisch und die BBC-Journalisten vergießen bittere Tränen

Stellen wir uns also vor, der Brexit ist ein Restaurant. Wir nähern uns dem schäbigen Gebäude, vorbei an Journalisten, die nicht mehr hineindürfen, um das Angebot zu inspizieren. Die Vertreter der BBC vergießen bittere Tränen, weil sie zwar Popos Aufstieg ermöglicht haben, er sie aber immer noch nicht wirklich liebt. Wir erkennen, die Schrift auf dem Restaurantschild erinnert an die 1970er, an Großbritanniens Tage als kranker Mann Europas. Alle Wandflächen sind mit dem Wort BREXIT in verschmiertem Rot, Weiß und Blau bepinselt. Die Farben sind schwach, enthalten aber jede Menge Blei, und die Fassade ist mit Brexit-Geschirrhandtüchern behängt - nur 12 Pfund für einen fadenscheinigen Lappen mit Popos watschelnder Gestalt darauf, offensichtlich gestaltet von einem höchst patriotischen Kleinkind mit Crack-Problemen.

Beim Eintreten hören wir den Klangteppich aus überlauten Entwarnungssirenen und einem Lied der Kriegs-Chanteuse Vera Lynn über den Sieg gegen die Nazis. Die Hakenkreuzflaggen auf allen Tischen flattern fröhlich, auch wenn sie Veras eigentliche Botschaft untergraben. Unser Kellner Popo taucht auf und duftet nach einer Mixtur aus - angeblich - abgestandenem Sex und etwas stark Animalischem. Er deutet auf einen brennenden Tisch, und wir setzen uns, so gut es geht, worauf er uns die Speisekarte mit der Aufschrift RESTAURANT ERLEDIGT reicht.

Wir wollen fragen, warum es nicht mehr Brexit-Restaurant heißt, doch er legt den öligen Finger an die Lippen. "Das Wort ist, ähm, verboten - aaahhh. Sie dürfen übrigens auch den Ausdruck ,Umsetzungszeitraum' nicht mehr verwenden. Der Brexit ist bereits geschehen - so wie die, ähm, Plünderung von Tenochtitlan durch die, hm, Westgoten, und wir sind alle sehr froh, dass sich nichts geändert hat und wir immer noch Arme und Beine haben."

Verwirrt von diesem Strom paranoider Fantasien starren wir auf die sich stetig wandelnden Einträge der Speisekarte und versuchen, uns zu verhalten wie Journalisten, die einen böswilligen Narzissten zur Verantwortung ziehen. "Haben Sie nicht gesagt, wir dürften das Wort Brexit nicht mehr verwenden? Und was ist das hier: Sonderangebot - Australisches Handelsabkommen? Die EU hat kein Handelsabkommen mit Australien. Meinen Sie nicht einfach 'No Deal'? Und was soll ein 'Kanadischer Deal' sein? Handel nach den Regeln der WTO, also grauenhafte Zölle für alle, die unsere Waren importieren - zum Beispiel 84 Prozent auf Rindfleisch ...?"

Als rasche Ablenkung knallt Popo einen Teller halb verflüssigter Steckrüben auf den Tisch. (Die unmittelbar bevorstehende Liquidation aller EU-Umweltstandards hat zur Folge, dass die Wasserversorger schon jetzt unbehandelte Abwässer auf hoher See verklappen, und dass patriotische britische Verdauungsprodukte wieder auf unser patriotisches britisches Gemüse versprüht werden - man sollte sie also besser eine Stunde lang kochen.) "Sehet die, ähm, ah, die britische Fülle aus Feld und Wald!" Worauf er eine gekrümmte Banane über dem Kopf schwenkt, als erwarte er dafür Beifall. "Endlich frei! Dank dem Allmächtigen Papa! Unsere Bananen sind endlich frei!"

Die Banane ist aus Plastik. Bei uns wachsen keine Bananen. Draußen weint die BBC weiter.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke.

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SZ vom 11.02.2020/sikt
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