Süddeutsche Zeitung

EU-Markt:Erdbeeren - mehr als nur Geschmackssache

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Woher Obst und Gemüse kommen, macht einen dramatischen Unterschied für Verbraucher. Das kann für die Zukunft noch unangenehme Folgen haben, fürchten Leser - nicht nur wegen des sozialen Sprengstoffs, welchen die momentane Situation mit sich bringt.

"Entbeerlich" vom 24. Juni, "Bio oder billig?" vom 1. Juli:

Geschmackssache

Mein Mitgefühl gehört den Landwirten. Aber hat einer der Obstbauern jemals seine Erdbeeren probiert? Obwohl großer Fan dieser Früchte (besonders einer sommerlichen Erdbeerbowle) kaufe ich dieses Obst nicht mehr: Es schmeckt einfach nicht. Schaut toll aus, Aroma null.

Gerne würde ich einen fairen Preis für Erdbeeren bezahlen, wenn sie - wie in früheren Jahren - duften und schmecken würden. Mit Pfirsichen verhält es sich leider genauso. Geschmack und Duft sind auf der Strecke geblieben.

Angelika Gröbel, München

Auf Kosten von Klima und ärmeren Leuten

Ich teile die Sorge des Obstbauern Klaus Langen. "Wenn kein Umdenken stattfindet mit Hinblick auf den Zwölf-Euro-Mindestlohn, wird der Anbau aus Deutschland verschwinden", prophezeit er. "Dann können Sie sich die Erdbeeren aus Peru holen." Allerdings sollte unsere Sorge nicht dem Mindestlohn gelten, sondern der fehlenden Besteuerung des Flugverkehrs. Dadurch wird der regionale Anbau stets unrentabler. Die EU-Kommission hat jüngst vorgeschlagen, Flüge von Frachtflugzeugen weiterhin von jeglicher Energiesteuer zu befreien.

Bald muss das EU-Parlament und danach der Rat der EU darüber entscheiden. Wenn dies so bleibt, wird importierte Flugware, egal woher, keinerlei Energiesteuer auf dem Flug nach Deutschland zahlen. Das heißt, die Erdbeeren des Klaus Langen zahlen beim Transport mit relativ umweltfreundlichen Lkw vom nahegelegenen Buir nach München pro zurückgelegtem Kilometer Steuern für Energie und CO2, während Flugware aus Übersee für seinen viel längeren Weg keinen Cent bezahlt.

Die Steuerfreiheit des Flugverkehrs nötigt regionale Anbieter wie Klaus Langen in die unmittelbare Konkurrenz zu Anbietern aus weit entfernten Ländern, wo Grundstückspreise, Arbeitslöhne und Steuern für Energie und CO2 weit unter denen der EU liegen. Sind die extrem langen Transportwege dieser Importe dann auch noch von allen Steuern befreit, dann haben regionale Anbieter überhaupt keine Chance mehr, egal wie tief der Mindestlohn sinkt.

Flugware ist meistens Luxusware, Spargel und Erdbeeren sind teurer als Kartoffeln und Äpfel. Während lokale Waren, die viel von ärmeren Bevölkerungsschichten gekauft werden, bei Produktion und Transport vollumfänglich Abgaben für Energie und CO2 zahlen, kommen Reiche in den Genuss von steuerlich vergünstigter luxuriöser Flugware. Ärmere zahlen für den durch den Transport verursachten Klimaschaden beim Einkaufen, Reichere bekommen auf luxuriöse Flugwaren einen Nachlass. Obwohl Ärmere wenig zum Klimaproblem beitragen und Reiche sogar sehr erheblich dazu beitragen. Da Ärmere unter der zukünftigen Klimaveränderung stärker leiden werden als Reiche, ist diese ungleiche Besteuerung des Transports sozial spaltend.

Die Frachtflotte für solche Flüge besteht überwiegend aus ineffizient gewordenen und deshalb ausrangierten Passagierflugzeugen, die nach etwa 20 Jahren umgebaut werden, um weitere 20 Jahre als Frachtflugzeug zu fliegen. Bleibt diese Steuerfreiheit, wird der Frachtflugverkehr weiter überproportional auf Kosten anderer Verkehrsmittel wachsen. Ware wird aus den Frachträumen sparsamerer Passagierflugzeuge ausgeladen und in steuerfreie Frachtflugzeuge eingeladen. Da die Steuerfreiheit auch auf den besonders schädlichen Kurzstreckenflügen gilt, hat Lufthansa soeben das erste von vier Frachtflugzeugen in Betrieb genommen, um im innereuropäischen Verkehr Fracht von Schiene und Straße in die Luft zu holen.

2021 hat Lufthansa Cargo bei einem Umsatz von vier Milliarden Euro eine Milliarde Gewinn gemacht. Während Reiche steuerbegünstigte Flugware konsumieren, zahlen alle höhere Steuern und Lufthansa Cargo macht mit dem klimaschädlichen Transport steuerbegünstigte Milliardengewinne.

Ich bin selbst Flugkapitän und dankbar für diesen schönen Beruf, meine beiden Söhne möchten auch Piloten werden, aber die jetzigen Pläne bezüglich der Besteuerung von CO2 und Energie finde ich unzeitgemäß. Es ginge auch anders, und dabei würde unser aller Leben reicher, sicherer und angenehmer werden. Bleibt es dabei, wird jedoch unsere Zukunftsangst und die unserer Kinder mit jedem Tag größer. Ich hoffe auf ein Umdenken bei den Lobbygruppen.

Klaus Siersch, München

Der Agrar-Lobby auf den Leim gegangen

Und wieder das Klagen eines Landwirts. Als langjähriger SZ-Leser lese ich Berichte über die Tier- und Landwirtschaft genau. Leider vermisse ich einen kritischen Unterton beziehungsweise Kritik am Artikel eines unternehmerischen Landwirts, der Erdbeeren angebaut und sich verkalkuliert hat. Es kann sich der Konsument beziehungsweise Käufer nur so lange strecken, wie die Decke lang ist.

Es liegt in der Natur der Sache eines Unternehmers, maximalen Profit zu erwirtschaften. Wird dieses Ziel nicht erreicht, wird reflexartig nach Ursachen außerhalb des Selbst gesucht und gefunden. Hier haben sich die Autoren von der Agrar-Lobby instrumentalisieren lassen und einen unkritischen Artikel geschrieben. Leider reiht sich solch ein Artikel in die Medienlandschaft ein - Spargelbauer, Getreide-, Obst- oder Kartoffelanbau.

Es ist das unternehmerische Risiko eines jeden Selbständigen, das nennt man Wettbewerb. Und wieder ein Klagen eines Landwirts: das lese und höre ich seit 50 Jahren. Hier ist mehr Kritik an der Agrarlobby, kritische Berichte im Umfeld eines Landwirts wichtiger, als nur die Interessen und Klagen einseitig in die Öffentlichkeit zu blasen.

Thomas Keller, Darmstadt

Lagerfähigkeit hat wohl Vorrang

Es ist wie seinerzeit bei den Tomatenproduzenten. Vorrangig sind offenbar Transport- und Lagerfähigkeit sowie optischer Eindruck. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Wer allerdings bei einer Blindverkostung mit absoluter Sicherheit auf "Erdbeere" tippen würde, könnte zur Minderheit gehören. Zwischen "weiß nicht" bis "Zitrone" ist ein weites Feld. Dabei ist es egal, ob wir die Beeren frisch vom Feld, vom Wochenmarkt oder Supermarkt holen. Selbst Spanien oder Deutschland ergab keinen wesentlichen Unterschied. Für uns ist klar: Der Artikel hat so am Markt keine dauerhafte Chance mehr. Tut mir herzlich leid für die Produzenten und ihren Aufwand.

Marianne und Hans Kähler, Elmshorn

Billig-Bio hat Folgen

Wenn in der SZ steht, es sei eine gute Entwicklung, wenn die Verbraucher und Verbraucherinnen auf die teuren Markenprodukte verzichten und so der Abstand zu konventioneller Ware im Preis geringer wird, stört mich das. Denn als Ladenbesitzer bin ich direkt betroffen. In dem Artikel wird nicht erwähnt, dass damit auch der Abstand in der Qualität zwischen den beiden Herstellungsarten sich annähert. Den Verbrauchern und Verbraucherinnen ist leider nicht klar, dass es sehr verschiedenes "Bio" gibt, und wenn sie zu günstigeren Produkten greifen, hat das verschiedene Folgen. So schaden sie damit Produzenten, die in ihren Rezepten heimische Rohstoffe verwenden statt Importware, und damit auch den einheimischen Anbauern.

Zudem verursachen sie damit höhere CO2-Ausstöße wegen der längeren Transportwege, und natürlich fließt damit das Geld ins Ausland. Auch Projektarbeit im Ausland, wie sie einige leisten, um den Menschen bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verschaffen, wird dadurch erschwert. Wenn wir also eine echte Wende in der Lebensmittelversorgung wollen, muss das auch von den Verbrauchern und Verbraucherinnen bezahlt werden, denn eigentlich sind Bioprodukte günstiger, weil den konventionellen die durch sie verursachten Kosten nicht auferlegt werden. Ich hoffe, dass die derzeitige Krise nicht unsere in mühseliger Arbeit geschaffenen Strukturen im Biobereich zerstört und wir wieder bessere Umsätze bei den echten Bio-Produkten verzeichnen.

Michael Beck, Wolfenbüttel

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SZ/cb/soy
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