Süddeutsche Zeitung

Von der Eon-Vorständin zur Hausfrau:"Ich erkenne, welchen Preis ich bisher für meine Karriere bezahlt habe"

Regine Stachelhaus hat es bis in den Vorstand von Eon geschafft - dann kündigt sie, um ihren Mann zu pflegen. Ein Gespräch über Freiheit und Prioritäten.

Interview von Dagmar Deckstein

Regine Stachelhaus begann ihre Karriere als Anwältin bei Hewlett-Packard, 2009 wechselte sie zu Unicef. 2010 wurde sie Vorständin bei Eon.

PLAN W sprach mit Regine Stachelhaus im Herbst 2015 über ihre Entscheidung, aus privaten Gründen ihre Vorstandskarriere zu beenden. Am 28. November 2015 starb ihr Mann, der Musiker Willi Stachelhaus nach langer Krankheit.

PLAN W: Frau Stachelhaus, als Sie 2013 beschlossen, aus dem Eon-Vorstand auszuscheiden, weil Ihr Mann schwer erkrankt war, wurde das zuweilen als "vorgeschobener Grund" für Ihr mögliches Managementversagen kommentiert. Hat Sie das geärgert?

Regine Stachelhaus: Nein, geärgert habe ich mich darüber nicht. Mit der Formel "Krankheitsfall in der Familie" wird ja auch gerne mal nach außen hin bemäntelt, wenn es in Wahrheit um ein Versagen in der Topmanagement-Aufgabe geht.

Ich hatte drei spannende, aber auch harte Jahre bei Eon und stand dabei auch immer wieder im Zentrum der Kritik, weil ich als Arbeitsdirektorin den durch die Energiekrise notwendigen Abbau von mehr als 11 000 Arbeitsplätzen durchführen und parallel dazu neue, zentrale Organisationen in den Bereichen Personal, Einkauf und Verwaltung aufbauen musste.

Diese neue Struktur ist aber heute eingespielte Praxis bei Eon und hat insbesondere im Einkauf zu ganz erheblichen Einsparungen geführt. Das war und ist für mich bis heute sehr befriedigend. Beliebt macht man sich aber in solchen Phasen natürlich nicht.

Warum dann also abrupt aufhören? Eine wie Sie wäre ja gerade in diesen Krisenzeiten der Energiekonzerne weiter gefragt gewesen.

Ich habe mir den Entschluss wirklich nicht leicht gemacht. Ein halbes Jahr lang wog ich Pro und Contra dieses Schrittes ab, mit meiner Familie, mit dem Eon-Management. Es war aber so, dass sich um den Jahreswechsel 2012 auf 2013 die Krankheit meines Mannes verschlimmerte. Wir hatten immer treue Pflegekräfte, auch meine beiden Söhne, Moritz und Kibrom, leben in unserem Haus, aber sie haben ja auch mit Studium und Beruf einiges zu leisten. Und meinen Mann rund um die Uhr von Fremden betreuen lassen? Das kam für mich nicht infrage. Ich wollte auf keinen Fall alles delegieren.

Also das ewige Frauenthema: Die Familie ist immer wichtiger als der Beruf?

Natürlich habe ich meinen Beruf immer geliebt. Doch plötzlich veränderten sich meine Lebensumstände so gravierend, dass ich vor die Entscheidung gestellt wurde, was für mich mehr zählt im Leben: Beruf oder Familie? Ich muss dazusagen, dass ich meinem Mann Willi sehr viel zu verdanken habe.

Er hat mich in meiner beruflichen Karriere immer enorm unterstützt. Er war es, damals studierte er noch, der unseren Sohn Moritz vor 30 Jahren maßgeblich mit großgezogen hat. Also wollte ich meinerseits so gut wie möglich für ihn da sein und ihm viel von seiner Fürsorge zurückgeben. Außerdem war ich ja im Jahr meines Eon-Ausstiegs 58 Jahre alt und konnte auf eine für mich sehr erfolgreiche und befriedigende Berufskarriere zurückblicken. Aus solch einer Lebensperspektive fällt ein Schritt, wie ich ihn getan habe, leichter.

Sie waren die erste Frau im Eon-Vorstand. Zeitgleich mit Ihnen und nach Ihnen sind eine ganze Reihe von Frauen aus Dax-Vorständen - SAP, Siemens, Deutsche Post zum Beispiel - nach relativ kurzer Zeit wieder ausgeschieden. Zufall oder am Ende Kalkül von Männer-Managern?

Darauf wurde auch ich natürlich immer wieder angesprochen. Es hieß sogar, diese Frauen seien sicher von den männlichen Konzernmanagern bewusst nur "ins Schaufenster" gestellt worden, damit die Männer beweisen konnten, dass es eine Frau in einer Top-Verantwortung halt nicht packt. Ich hingegen sage, dass das ausgemachter Blödsinn ist. Kein Vorstandschef, kein Aufsichtsratsvorsitzender kann es sich angesichts der Herausforderungen, vor denen Unternehmen heute stehen, erlauben, mal eben eine "falsche" Frau einzustellen. Nur um zu beweisen, dass die es eben nicht kann?

Der in den vergangenen zwei Jahren erfolgte Exodus von Frauen aus den Top-Etagen war für beide Seiten sehr enttäuschend. Er hat aber auch damit zu tun, dass viele von diesen Frauen von außen, ohne stützende Netzwerke, in diese Führungspositionen berufen worden sind. Und es hat auch damit zu tun, dass sich männliche Vorstände bis heute nicht ausreichend genug mit dem Thema Diversity im Unternehmen - also mit geschlechtlicher, sozialer, religiöser, kultureller, auch sexueller Vielfalt - auseinandergesetzt haben.

Haben Sie sich damit ausreichend auseinandergesetzt?

Ich selbst habe einmal eine sehr nachhaltige Erfahrung gemacht. Es war noch zu meinen Hewlett-Packard-Zeiten, da hatten wir ein ganztägiges Training zum Thema Diversity. Ich war am Abend schon einigermaßen erschöpft und sagte: Jetzt will ich nur noch etwas Schönes essen und dann ins Bett. Aber dann spielte uns das Trainerteam noch eine Szene vor.

Es ging um die Nöte und das Versteckspiel von Homosexuellen in Unternehmen. Mit diesem speziellen Diversity-Thema hatte ich mich zuvor noch nie richtig beschäftigt, da es mich persönlich nicht betraf. Dieser Trainingsabend hat mir allerdings die Augen geöffnet. Ähnlich geht es den meisten Männern. So lange ihnen über die Nöte und Versteckspiele von Frauen in Führungspositionen nicht die Augen geöffnet werden, kann sich nichts Grundlegendes ändern in den Führungsgremien.

Welchen Nöten und Versteckspielen sind Sie denn in Ihrer Managerinnenkarriere begegnet?

Es gibt zwei größtmöglich frustrierende Erfahrungen von Frauen in Top-Positionen. Da die Frau anders auftritt und aus einer anderen, ungewohnten Perspektive argumentiert, als es die Männer gewohnt sind, traut man ihr erst einmal nichts zu. Zunächst lauern alle in ihrem Umfeld auf Fehler, und wehe, sie können dieser Frau einen solchen Fehler nachweisen! Aha, die bringt's nicht, das war ja auch vorhersehbar, heißt es dann.

Aber noch zermürbender ist die Erfahrung, wenn diese Frau wider Erwarten Erfolg hat. Dann heißt es gerne: Na, das war Zufall, da hat sie ja nur Glück gehabt. Oder: Es hat ihr offenbar jemand anderes unter die Arme gegriffen ... Oder sie hat ihren Charme spielen lassen - Sie wissen schon. Dass es die Leistung dieser Frau war, wird weiträumig abgestritten.

Wird die Frauenquote da nicht endlich Abhilfe schaffen?

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich eine verbindliche, gesetzliche Frauenquote nicht für zielführend halte. Die ändert an solchen tiefsitzenden Klischeevorstellungen nämlich überhaupt nichts.

Geändert hat sich indes Ihr Leben. Wie leben Sie heute, jenseits aller jahrzehntelangen Managementtätigkeiten für Hewlett Packard, Unicef und Eon?

Ich lebe heute mit ganz anderen Prioritäten. Doch alles im Leben hat seine Zeit. Ach ja: Zeit. Ich genieße es seit nunmehr zwei Jahren, plötzlich viel mehr Zeit zu haben. Etwa die Zeit, die ich mit unserem Hund morgens durch die Felder streifen kann. Das ist für mich eine ganz neue Freiheit. Nicht nur, aber auch bei diesen Morgenspaziergängen erkenne ich, welchen Preis ich bisher für meine Karriere bezahlt habe - man bezahlt immer und für alles einen Preis.

Ich erkenne zum Beispiel, wie viel Kraft mich meine Führungspositionen gekostet haben. Ich musste immer extrem diszipliniert leben. Abends noch ein Glas Rotwein? Ging gar nicht! Ich musste am nächsten Morgen wieder topfit sein, mein Managerinnen-Alltag war vollkommen verplant, durchgetaktet.

Sie sind also seit zwei Jahren auf Terminplan-Entzug?

Durchaus. Plötzlich ist das alles ganz anders geworden. Unsere Nachbarn in Herrenberg, unsere Freunde - diesen Kreis musste ich auch erst wieder neu aufbauen. Jetzt habe ich durch diese wiederbelebten Beziehungen eine neue Bodenhaftung in meinem privaten Umfeld bekommen, die mich mit Befriedigung erfüllt, aber auch mit Demut.

Da sagte mir doch neulich eine Verkäuferin in der Bäckerei, auch ihr Mann sei schwer krank. Aber leider könne sie sich nicht rund um die Uhr um ihn kümmern, sie müsse ja - und das darf man in ihrem Fall wortwörtlich verstehen - die täglichen Brötchen für den Familienunterhalt verdienen.

Insofern, darf ich sagen, genieße ich nicht nur meine neue Freiheit, sondern auch das Privileg, finanziell gut abgesichert zu sein. Wenn ich denn überhaupt mit meinem Ausstieg aus einer Vorstandstätigkeit hadern sollte, dann auf recht hohem Niveau.

Vermissen Sie nicht manchmal die Annehmlichkeiten Ihrer früheren Vorstandstätigkeit?

Natürlich war es auch angenehm, über die Dienste von Sekretären, Fahrern, Assistenten verfügen zu dürfen, aber ich wollte mich schon immer von diesen Insignien der Macht niemals abhängig machen. Kein Konzernvorstand sollte die Bedeutung des Amtes mit der Bedeutung der Person verwechseln, wie es Inhaber von Spitzenpositionen häufig tun.

Ich war immer bestrebt, nie in Abhängigkeit solcher Machtprivilegien zu geraten. Schon als ich von Hewlett Packard zu Unicef wechselte, habe ich erfahren, wie schnell ich in meiner neuen Position von allerlei Leuten als "nicht mehr so wichtig" eingestuft und zum Beispiel zu bestimmten Anlässen nicht mehr eingeladen wurde. Das ist seit meinem Rückzug von Eon natürlich erst recht der Fall.

Solche Erfahrungen können kränkend sein. Nagen die nicht auch an Ihrem Selbstbewusstsein?

Keineswegs! Statt Abendveranstaltungen mit sogenannten wichtigen Leuten beizuwohnen, Veranstaltungen, die nicht immer nur vergnüglich sind, kann ich heute mit Freunden ins Theater gehen und danach noch jenes Glas Rotwein trinken, das ich mir früher verkniffen habe.

Nun ist es ja nicht so, dass ich allem beruflichen Engagement auf Nimmerwiedersehen den Rücken gekehrt hätte. Ich bin heute in drei interessanten Unternehmen im Aufsichtsrat beziehungsweise im Board: Im Chemiekonzern Covestro in Deutschland - der neuen, börsennotierten Bayer-Abspaltung also. Dazu bei Computacenter mit Sitz in London, ein Dienstleister und Lösungsanbieter für Informationstechnologie. Und schließlich bei Spie in Paris, einem technischen Unternehmen, das ein breites Spektrum technischer Dienstleistungen in der Gebäudetechnologie, dem Sicherheitsbereich, Energiesektor bis hin zu Produktionsbereichen abdeckt.

Ich habe bewusst diese Angebote aus dem Ausland angenommen. Hier ist im Gegensatz zur deutschen Mitbestimmung die strenge Zweiteilung von Vorstand und Aufsichtsrat weniger stark vorgeschrieben. In den Boards dieser Firmen sind Aufsichtsräte im operativen Geschäft viel präsenter und bestimmender - das gefällt mir. Mein Leben heute ist also voller neuer Freiheiten, auf andere Weise bereichernd.

Ihr Mann Willi hat Sie nach der Geburt Ihres gemeinsamen Sohnes Moritz unterstützt. Sie sprachen vorhin aber auch von Ihrem zweiten Sohn Kibrom.

Ja, es war eine gute Entscheidung, vor acht Jahren unseren Patensohn Kibrom in unser Haus nach Herrenberg zu holen. Er kommt aus Eritrea, hatte damals, mit 16, schon einiges erlebt. Er kam hier ganz alleine in Deutschland an, von seiner Großmutter geschickt, die in Eritrea politisch verfolgt auf der Flucht in den Sudan war. Seine Eltern hat Kibrom mit drei Jahren zum letzten Mal gesehen.

Es war nicht einfach für ihn, aber es war beglückend, Kibrom bei uns heimisch werden zu sehen. Inzwischen studiert er Medien- und Kommunikationsmanagement. Und wenn er zuhause bei uns in Herrenberg ist, macht er inzwischen eigenhändig Spätzle. Wir freuen uns sehr darüber, dass Kibrom sich so erfolgreich eingelebt hat. Deutschland ist seine Heimat geworden. Und wir freuen uns auch, dass wir ihn dabei unterstützen durften.

Regine Stachelhaus und Familie als Vorkämpfer für die inzwischen umstrittene deutsche Willkommenskultur?

Angesichts des uns alle bedrängenden Flüchtlingsproblems sage ich: Wenn verfolgte Menschen in großer Not vor unserer Tür stehen, dürfen wir diese Tür nicht zuschlagen. Besonders für die hier gestrandeten Kinder sollten wir uns alle gemeinsam verantwortlich fühlen. Wir brauchen gerade wegen der vielen tausend alleinreisenden Kinder aus den Fluchtländern viel mehr Pateneltern. Menschen, die gerade ihnen ein neues, liebevolles, zweites Zuhause zumindest an den Wochenenden geben, eine neue Geborgenheit, die sie angesichts von Krieg und Terror in ihren Heimatländern verloren haben.

So haben wir auch vor Kurzem erst Patenschaften für zwei afghanische Buben, Hamid und Borhan, übernommen, beide 14 Jahre alt. Sie haben Schreckliches auf der Flucht erlebt und müssen beide den gewaltsamen Tod ihrer Eltern beziehungsweise eines Elternteils in ihrem Heimatland verkraften. Ich freue mich, dass wir ein bisschen helfen können, diesen jungen Menschen eine neue Perspektive in Deutschland zu eröffnen.

Und Ihr leiblicher Sohn Moritz? Was macht er?

Ach ja, Moritz, inzwischen 30, ist jetzt nach seinem BWL-Studium bei Hewlett Packard in Böblingen beschäftigt. Dort hat man ihn als jahrelang bewährten Ferienarbeiter inzwischen gerne fest angestellt. Aber das ganz ohne mein Zutun! Die junge Generation muss ihren eigenen Weg finden und aus eigener Kraft gehen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2776377
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/sks
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.