Süddeutsche Zeitung

Prominente Prokrastinierer:Was du heute kannst ...

Aufschieben, Ablenken, Hinauszögern. Wer zu Prokrastination - vulgo Aufschieberitis - neigt, lebt mit schlechtem Gewissen. Doch die Biografien großer Geister zeigen: Auch Goethe vertändelte seinen Tag.

Von Karin Janker

Prokrastination macht produktiv. Dieser Artikel zumindest entstand nach mehreren Anläufen an einem Tag, der unterbrochen war von Konferenzen, einer Mittagspause in der Sonne, einigen Besuchern im Büro, die Kopfschmerztabletten oder Handyladegeräte brauchten, und jeder Menge E-Mails, die natürlich sofort beantwortet werden mussten. Eine lange Folge von Tätigkeiten, die vor allem einen Sinn hatten: das Weiterarbeiten aufzuschieben. Irgendwann, kurz vor Feierabend, wurde der Text aber dann doch fertig. Dann war endlich auch der Einstiegsabsatz geschrieben.

Das ständige Aufschieben, Sich-Ablenken und Hinauszögern von Aufgaben trägt seit den 1980er Jahren einen Namen, der Psychologen auf den Plan ruft und es auf die Titelseiten unzähliger Ratgeberbücher geschafft hat: Prokrastination. So heißt das oft als negativ empfundene Verhalten, wenn man zum Beispiel lieber die Wohnung aufräumt, als für eine Prüfung zu lernen. Oder auch umgekehrt - etwa, wenn die Wohnung gerade verrottet.

Dabei ist diese Arbeitsvermeidungsstrategie natürlich deutlich älter als das Fachwort dafür: Was wir von unseren Eltern kennen ("Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen"), kannten Künstler von Ernest Hemingway bis Wolfgang Amadeus Mozart, von Vincent van Gogh bis Toni Morrison selbstverständlich auch. Sie lebten ständig mit der Gefahr der Prokrastination - und wussten um ihr Potenzial.

Der Autor Mason Currey hat die Arbeitsroutinen berühmter Kreativschaffender in einem Buch zusammengetragen, das nun unter dem Titel "Musenküsse" auch auf Deutsch erschienen ist. Die Idee für das Projekt entstand, wie könnte es anders sein, beim Prokrastinieren. An einem Nachmittag im Juli 2007 - Currey musste eigentlich einen Artikel für den kommenden Tag vorbereiten - bastelte er an einer neuen Blogidee herum. Aus diesem Prokrastinations-Produkt entstand schließlich das Buch, für das Currey in Biografien und Briefen recherchiert hat und das auf knapp 260 Seiten die täglichen Rituale von 88 Schriftstellern, Komponisten, Malern und Filmemachern rekonstruiert.

Morgenstund' hat keine Zeit zum Prokrastinieren

Frühmorgens munter drauflosarbeiten oder erst langsam wach werden und den Tag mit einem ausgiebigen Frühstück begrüßen? Nach dem Mittagessen ein Schläfchen oder die Mittagspause einfach durcharbeiten? Den Feierabend in den Nachmittag vorverlegen oder bis Mitternacht werkeln? Welche Tagesstruktur ist die beste, um ein großes Projekt abzuschließen und der Ablenkung zu entgehen? Wer aus Curreys Buch Tipps ableiten will, wie er seinen Arbeitstag am besten gestaltet, findet Inspiration.

Bei den meisten Tagesabläufen, die das Buch beschreibt, zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Viele Künstler und Intellektuelle sind in den Morgen- und Vormittagsstunden am produktivsten. Also eher Beamtenmentalität statt genialer Musenküsse weit nach Mitternacht. Curreys Recherchen zeichnen ein Bild von Kulturschaffenden, die meistens höchst diszipliniert ihren Tag strukturieren. Zum Beispiel Thomas Mann (1875 - 1955): Aufstehen um acht Uhr, Frühstück bis neun Uhr, danach ungestörtes Arbeiten bis zwölf Uhr.

Die hohe Kunst

Nach dem Mittagessen allerdings beginnt bei ihm wie bei vielen anderen Schriftstellerkollegen die Phase höchster Prokrastination: Zigarre, Lesen auf dem Sofa, Nickerchen, Tee mit der Familie, Briefe und Telefonate, Spaziergang, Abendessen. Wie bei Thomas Mann verschieben die meisten der beschriebenen Künstler das Prokrastinieren auf die zweite Hälfte des Tages. Eine Prokrastination der Prokrastination also - oder getreu dem Sprichwort "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen". Ist das die hohe Kunst?

Julia Elen Haferkamp, Expertin für Prokrastination an der Universität Münster, empfiehlt eine ähnliche Strategie. "Das Problem bei Aufgaben, die man aufschiebt, ist, dass die Belohnung oft in weiter Ferne liegt. Denken Sie an die Steuererklärung, für die Sie irgendwann einmal Geld vom Finanzamt zurückbekommen", sagt die Psychologin. Deshalb sei eine Möglichkeit, sich zu motivieren, sich selbst für erledigte Aufgaben zu belohnen, zum Beispiel mit einem Kinobesuch: "Aber nur dann, wenn man sein Tagesziel wirklich erreicht hat."

Weniger strukturiert ging es bei Honoré de Balzac (1799 - 1850) zu, glaubt man den Recherchen Mason Curreys. Nun, bei ihm gab es noch kein Kino, aber auch bei dem Franzosen wechselten sich Arbeitsorgien mit Entspannungs- und Lustphasen ab. "Ich richte mich auf grausame Weise zugrunde", soll der Schriftsteller 1830 geschrieben haben. Ein Opfer des Leistungsdrucks? Wenn er gerade in einer Arbeitsphase steckte, sah sein Tag in etwa so aus: 18 Uhr Abendbrot und anschließend Nachtruhe, um ein Uhr morgens stand er auf und arbeitete bis acht Uhr. Dann ein Nickerchen und die nächste Arbeitsphase von 9:30 bis 16 Uhr - während der er literweise schwarzen Kaffee trank. Anschließend baden, spazieren und Besucher empfangen und um 18 Uhr wieder ins Bett. In den Lust- und Entspannungsphasen dagegen erlaubte sich Balzac mehr Ruhe und Ablenkung.

Wer zu einer ähnlich unsteten Tagesstruktur neigt, läuft Psychologin Haferkamp zufolge Gefahr, mit der Zeit ein Problem mit seiner Aufschieberitis zu entwickeln. Sie wird krankhaft. In der Spezialambulanz für Prokrastination der Universität Münster empfiehlt die Psychologin Betroffenen, Rituale einzuüben, die den Arbeitstag strukturieren. Wer Probleme hat, mit der Arbeit anzufangen, dem könne es helfen, sich mit einem Wecker ein Signal fürs Loslegen zu setzen. "Wichtig ist, dass solche Rituale aus kurzen, leicht abschließbaren Tätigkeiten bestehen. Man kann vor Arbeitsbeginn zum Beispiel sein Lieblingslied hören, und wenn das zu Ende ist, fängt man an", rät Haferkamp.

Auch viele Künstler und Kreative entwickeln ihre eigenen Tagesrituale, um sich zur Arbeit zu motivieren und Inspiration zu bekommen. Der Filmemacher Woody Allen (geboren 1935) zum Beispiel schwört auf regelmäßige Veränderungen. Er gehe manchmal einfach in ein anderes Zimmer, auf die Straße oder ins Bad. Unter der Dusche verbringe er dann auch gerne mal 45 Minuten, während denen er die Handlung eines neuen Films weiterentwickle.

Und der Maler Gerhard Richter (geboren 1932) gab in einem Interview mit der New York Times zu, dass er selbst leidenschaftlicher Prokrastinierer sei: Zwar gehe er jeden Tag ins Atelier, aber er male nicht jeden Tag. "Ich könnte den ganzen Tag nur Dinge sortieren. Wochen verstreichen, in denen ich nicht male, bis ich es schließlich nicht mehr aushalte", zitiert Currey ihn in seinem Buch.

Aktive und passive Prokrastinierer

Damit gehört Richter wohl zu der Sorte der Prokrastinierer, die Angela Hsin Chun Chu und Jin Nam Choi in ihrer Studie als "aktive Prokrastinierer" bezeichnen. Die beiden Wissenschaftler plädieren dafür, die rein negative Bedeutung der Prokrastination zu überdenken und legen dar, dass nicht jede Form des Aufschiebens negative Folgen haben müsse. Während die klassischen "passiven Prokrastinierer" regelmäßig an Deadlines und Aufgaben scheitern, ziehen ihre aktiven Gegenparts es vor, unter Druck zu arbeiten und entscheiden sich deshalb freiwillig für das Aufschieben bis kurz vor Schluss. Am Ende seien die aktiven Prokrastinierer bei der Erledigung ihrer Aufgaben ebenso erfolgreich wie Menschen, die gar nicht aufschieben, ergab die Studie.

Die Müsteraner Psychologin Haferkamp allerdings weist darauf hin, dass vor allem viele Studierende in ihre Prokrastinations-Ambulanz kämen, die unter erheblichem Druck stehen. "Die Betroffenen empfinden enormen Stress und eine Belastung - die meisten sind dann eben nicht mehr produktiv, sondern lähmen sich selbst", sagt Haferkamp. Der Leidensdruck sei das Kriterium für die pathologische Prokrastination, bei der eine Therapie helfen könne.

"Nichts forcieren und unproduktive Tage lieber vertändeln"

Wer aber nur keine Lust auf seine Steuererklärung hat, dem rät die Psychologin zur Entspannung. "Man muss natürlich unterscheiden: Jeder schiebt mal etwas auf, einer Umfrage unter Studierenden zufolge haben nur 1,5 Prozent noch nie Dinge aufgeschoben."

Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) fand im Alter zu einem entspannten Umgang mit seiner Tendenz zur Prokrastination. Während der Dichter in jungen Jahren noch den ganzen Tag arbeiten konnte, gelang es ihm während der Arbeit am "Faust II" nur noch ein paar Stunden, sich zu konzentrieren. 1828 klagte er deshalb: "Was ist es, das ich ausführe! Im allerglücklichsten Fall eine geschriebene Seite. (...) und oft, bei unproduktiver Stimmung, noch weniger."

Weil aber Inspiration für die Arbeit eines Schriftstellers wichtig ist, empfahl Goethe Entspannung: "Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat."

Linktipp: Ob Sie Gefahr laufen, ein bedenkliches Prokrastinationsverhalten und daraus entstehende negative Folgen wie Depression zu entwickeln, können Sie mit Hilfe dieses Tests der Universität Münster herausfinden.

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