Süddeutsche Zeitung

Frauenquote:Die Posten sind da, es fehlen Bewerberinnen

Mit etwas Geduld könnte sich das Problem alleine lösen: "2018 sind Frauen in Vorständen der Normalfall", heißt es in den Konzernen. Die Suche nach weiblichen Vorständen läuft auf Hochtouren.

So eine Chance lässt sich Ursula von der Leyen nicht entgehen. Der Spiegel hatte die Bundesarbeitsministerin zu ihrem Lieblingsthema befragt: Soll es eine Pflicht-Quote für Frauen in Führungspositionen deutscher Unternehmen geben? Sie sei dafür, na klar, erklärte von der Leyen bereitwillig. "Wir müssen über dieses Thema eine breite Diskussion führen", sagte sie dem Magazin. "Die Regierung wird noch in diesem Jahr einen Vorschlag vorlegen." Die Ministerin hat sich verschätzt. Am Mittwoch teilte Kanzlerin Angela Merkel mit, die Regierung werde genau das nicht tun. Eine Quote werde es nicht geben. Die Wirtschaft solle die Chance haben, "freiwillig zu Fortschritten zu kommen".

Deutschland hat ein Aufreger-Thema - obwohl die Debatte über eine Frauenquote aus den achtziger Jahren stammt. Aber die Fakten geben den Verfechtern der Zwangsregelung offenbar noch immer recht. Die großen deutschen Unternehmen von Adidas bis Volkswagen sind Männerland. Kein einziger Dax-Konzern wird von einer Frau geführt. Von den 490 Vorstandsposten der 30 größten Börsengesellschaften sind nur elf in weiblicher Hand. In den Aufsichtsräten sieht es nur wenig besser aus. Ministerin von der Leyen macht sich mit einigem Recht lustig über das emanzipatorische Entwicklungsland Deutschland: "Wir sind, was Frauen in den Führungspositionen angeht, auf Höhe mit Indien, hinter Russland, hinter Brasilien, hinter China."

Die Ministerin hat möglicherweise übersehen, dass sich die Lage gerade drastisch ändert. In der deutschen Wirtschaft hat eine fieberhafte Suche nach Frauen für Führungsposten eingesetzt. Viele glauben schon, der Ruf nach einer Frauenquote sei erledigt. "Wir brauchen jetzt keine staatliche Verordnung mehr", sagt Christine Stimpel, die Deutschland-Chefin der Personalberatung Heidrick & Struggles. Seit zwei, drei Jahren suchten die großen Unternehmen für Führungspositionen gezielt nach Frauen. "Die Entwicklung ist eindeutig", sagt die Beraterin. Sie bekomme bei jeder Suche nach einer Führungskraft den Auftrag, "mindestens eine Frau vorzuschlagen". Die Führungsetagen würden weiblicher, sagt sie. "Es ist ernst geworden." Noch in diesem Jahr, so verspricht Stimpel, werde sich "sehr viel tun".

Ähnlich äußert sich Hermann Sendele von der Beratung Board Consultants. Seit anderthalb Jahren spürt der Münchner Headhunter ein starkes Interesse großer Firmen an Frauen für Führungspositionen. "Ich suche im Moment viele Frauen." Er bekomme zahlreiche Suchaufträge mit dem Zusatz, bei gleicher Qualifikation würden weibliche Kandidaten vorgezogen. Dass Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten nur sporadisch zu finden seien, sei Vergangenheit. "Das ändert sich gerade." Besonders massiv werde er nach Kandidatinnen für Aufsichtsratsposten gefragt. Deshalb hält Sendele die Aufgeregtheit der jetzigen Debatte für überzogen. "Die Frauen sind schon da."

Bei der Unternehmensberatung Kienbaum stellen die Experten nach eigenem Bekunden ebenfalls fest, die Nachfrage nach weiblichen Führungskräften sei "deutlich gestiegen". Das Problem sei, dass es nicht genügend Frauen gebe, um die freien Führungspositionen zu besetzen.

Problemfall Deutsche Bahn

Viele Unternehmen haben verstanden, dass die alte Männertour nicht mehr weiterführt und sie ein Zeichen setzen müssen. Die großen Konzerne machen sogar den Eindruck, als sei ihnen die Dominanz der Männer inzwischen peinlich. So hat Siemens-Chef Peter Löscher inzwischen zwei Kolleginnen im achtköpfigen Vorstand. Das ist eine Rekordquote in einem Dax-Konzern. Der Chemiekonzern BASF sowie der Energieversorger Eon haben inzwischen je eine Frau in das Führungsgremium berufen.

Der Autohersteller Daimler, lange ein reiner Männerclub, teilte gerade mit, er werde die frühere Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt in sein Führungsgremium berufen. Das Handelsunternehmen Karstadt schaffte es vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen, weil es Doris Schröder-Köpf, die Ehefrau des Ex-Kanzlers Gerhard Schröder, in seinen Aufsichtsrat berufen hat.

Beim Chemieunternehmen Henkel macht der neue Chef, der Däne Kasper Rorsted, gerade mächtig Druck in der Frauenfrage. In dem Düsseldorfer Traditionsunternehmen führt Simone Bagel-Trah als einzige Frau in einem Dax-Konzern den Aufsichtsrat. Sie ist Großaktionärin bei Henkel.

Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratschef der Commerzbank, ist auch Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex. Als Wächter über gute Führungsprinzipien in Aktiengesellschaften stellt er fest, die Lage habe sich für die Frauen deutlich verbessert. Die gerade laufende Debatte über die Frauenquote sei scheinheilig. "Die Debatte ist unehrlich." Es gebe in Deutschland zu wenig Kindertagesstätten und Ganztagsschulen. Das sei für viele Managerinnen ein Karrierehemmnis. Dafür seien aber jene Politikerinnen zuständig, die jetzt die Wirtschaft wegen zu geringer Beteiligung der Frauen anklagten. Müller ist sicher: "Im Jahr 2018 sind Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen eine Selbstverständlichkeit."

Unzufriedene Politikerinnen wie Ursula von der Leyen sollten sich vielleicht ein wenig in den Firmen umschauen, die dem Staat gehören. Dort ist noch nicht viel zu Gunsten der Frauen in Bewegung geraten. Die Landesbanken der Republik? Kein einziges weibliches Vorstandsmitglied. Die Deutsche Bahn, die zu 100 Prozent im Besitz des Bundes liegt? 2009 verließ die für Personal zuständige Margret Suckale den Vorstand - ersetzt durch einen Mann.

Das wäre ein Fall für Ursula von der Leyen.

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SZ vom 07.02.2011/holz
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