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Was Hautcremes bewirken:Angeschmiert

Hyaluronsäure, Botox, Kollagen: Verschiedene Kosmetik-Wirkstoffe sollen die Haut verjüngen. Die meisten Anti-Aging-Versprechen sind aber haltlos. Ein Überblick

Egal wie verheißungsvoll die Werbebotschaften der Firmen klingen - halten lassen sie sich meist nicht. Die Hersteller braucht das aber nicht zu stören, weil sie die Wirksamkeit ihrer Produkte nicht beweisen müssen. Positive Studienergebnisse, die Firmen gern in ihrer Werbung zitieren, beruhen meist auf schlecht durchgeführten Untersuchungen, die zudem oft nicht von unabhängigen Forschern stammen und wenig aussagekräftig sind. Beispielsweise werden nur einzelne Zellen im Labor getestet, nicht aber, wie sich eine Creme auf das Erscheinungsbild eines Menschen auswirkt. Viele Inhaltsstoffe können gar nichts auf der Haut ausrichten, einige wenige scheinen immerhin nach vielen Wochen Cremerei leichte Verbesserungen zu bringen. Diese sind jedoch nicht dauerhaft, sondern verschwinden schnell wieder, sobald man die Creme nicht mehr regelmäßig benutzt.

Q10

Antioxidantien wie Q10 sollen gegen freie Radikale schützen. Das sind Sauerstoff-Teilchen in einer chemisch sehr aktiven Form. Sie entstehen natürlicherweise; der Körper kann sich dank eines Reparatursystems jedoch zum Teil gegen sie wehren. Dies funktioniert im Alter allerdings schlechter, zudem fördern UV-Strahlen und Rauchen die Entstehung freier Radikale. Cremes mit Q10 (oder Ubiquinon) sollen dem entgegenwirken. Ein gesunder Mensch stellt die Substanz jedoch in ausreichender Menge selbst her. Die Produktion nimmt zwar mit dem Alter ab. Der Q-10-Gehalt der Haut lässt sich aber nicht erhöhen, indem man die Substanz außen aufträgt. Nach bisherigem Wissen können Q-10-Cremes die Haut nicht so schützen, dass es im Erscheinungsbild irgendwann einmal auffallen würde. Die Substanz klingt zwar sehr wissenschaftlich, ist in Hautcremes aber überflüssig.

Vitamine in der Creme

Vitamin C

Die stärksten Hinweise, dass ein Antioxidans in einer Hautcreme schützend wirken kann, gibt es methodisch recht guten Studien zufolge für Vitamin C. Es kann dazu führen, dass die Haut mehr Proteine herstellt, die sie elastisch machen; gleichzeitig baut der Körper diese Proteine langsamer ab. In einer Untersuchung besserte sich nach drei Monaten die Oberflächenstruktur der Haut. Allerdings hängt die Wirkung auch davon ab, ob die Konzentration des Vitamins in der Creme ausreichend hoch ist, diese aber ist auf den Produkten oft nicht angegeben. Zudem verliert sich die Wirkung schon innerhalb weniger Stunden, wenn die Creme Licht und Luft ausgesetzt ist. Daher ist nicht gesagt, dass ein Produkt tatsächlich vor oxidativem Stress schützt, nur weil es Vitamin C enthält.

Vitamin A1

Hautärzte setzen Vitamin A oft ein, da es nachgewiesenermaßen helfen kann. Das Vitamin ist aber eine verschreibungspflichtige Arznei mit möglichen Nebenwirkungen und daher in frei verkäuflichen Cremes nicht enthalten. Stattdessen nutzt die Kosmetikindustrie eine Zwischenform, das Vitamin A1; auch sie kann die Haut reizen. Einerseits zeigen methodisch gute Studien, dass Cremes mit Vitamin A1 nach mehreren Monaten feine Fältchen reduzieren können. Die Substanz beschleunigt offenbar die Erneuerung der Oberhaut und regt die Kollagenproduktion an. Andererseits legen Untersuchungen nahe, dass Vitamin A1 ausschließlich bei über 80-Jährigen wirkt, bei Jüngeren hingegen nicht.

Kollagen und Hyaluronsäure

Kollagen

In Haaren, Fingernägeln und dem Bindegewebe bildet der Körper das Protein Kollagen. Es hält die Haut elastisch, diese Eigenschaft schwindet jedoch mit dem Alter. Trotzdem bringt es nichts, das Protein von außen auf die Haut aufzutragen, denn es ist zu groß, als dass es in die Haut eindringen könnte. Das Gleiche gilt für andere in Cremes eingesetzte Eiweiße wie Elastin oder Seidenproteine. Für kurze Zeit kann sich die Haut nach dem Eincremen dennoch besser anfühlen, weil sie sich beim Trocknen zusammenzieht. Dadurch verschwinden kleinere Erhebungen und Dellen. Der Effekt hält aber höchstens einen Abend lang an. Dermatologen spritzen Kollagen auch. Dann polstert es die Haut zwar sichtbar auf, jedoch nicht unbedingt gleichmäßig. Zudem vertragen manche Menschen die Injektionen nicht.

Hyaluronsäure

Das Zuckermolekül Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der Tränenflüssigkeit, von Knorpeln, Gelenken und der mittleren der drei Hautschichten, der Lederhaut. Die Substanz ist wichtig für den Nährstoff- und Flüssigkeitsaustausch zwischen Zellen. Hyaluronsäure wird oft als eine Art Wundermittel beworben. Sie soll nicht nur der Haut helfen, sondern auch Arthrose-geplagten Gelenken, was qualitativ gute Studien aber nicht belegen können. Hyaluronsäure kann wegen ihrer chemischen Struktur sehr viel Wasser speichern. Daher klingt das Versprechen naheliegend, dass Cremes mit dieser Substanz die Haut praller aussehen lassen. Dazu müsste der Wirkstoff aber bis zur Lederhaut vordringen. Dies ist einer - allerdings sehr kleinen - klinischen Studie zufolge offenbar dann möglich, wenn es sich um sehr kurze Abschnitte des Moleküls handelt. Nach dem Auftragen einer Creme, die sehr kleine Hyaluronsäure-Fragmente enthielt, verbesserte sich die Hautelastizität der zwölf Probanden deutlicher als nach einem Placeboprodukt. Größere Stücke des Moleküls bleiben an der Hautoberfläche, wo sie allenfalls kurzzeitig Feuchtigkeit spenden. Kunden können nicht einschätzen, in welcher Form die Hyaluronsäure in einer Creme vorliegt - die kurzen, möglicherweise wirksamen Fragmente sind eindeutig die Ausnahme.

Polypeptide, Nutricosmetics, Botox

Polypeptide

Die Bezeichnung Polypeptid bezieht sich nicht auf einen Wirkstoff, sondern auf die biochemische Struktur. Es handelt sich um unterschiedliche Eiweiße, die so klein sind, dass sie tiefer in die Haut eindringen können als andere Substanzen. Dort können sie beispielsweise den Zellen das Signal geben, mehr Kollagen zu produzieren. Mehrere recht gute klinische Studien haben gezeigt, dass das Polypeptid pal-KTTS nach mehreren Wochen die Faltentiefe und -dicke reduzieren kann. Experten zufolge könnten solche Moleküle sogar so eingesetzt werden, dass sie noch wirksamer sind - dann würden sie aber als Medikamente gelten statt als zulassungsfreie Kosmetika. Aus Belegen, dass ein bestimmtes Polypeptid wirkt, lässt sich nicht ableiten, dass dies auch für alle anderen gilt.

Nutricosmetics

Dubiose Kapseln zum Einnehmen sollen die Haut glätten, verjüngen oder Augenringe und -schwellungen reduzieren. Die Produkte enthalten laut Inhaltsliste einen wilden Mix aus Vitaminen, Mineralien und sonstigen Substanzen. Dabei ist nicht nur fraglich, ob die Stoffe überhaupt in der Haut ankommen. Vor allem ist seit langem belegt, dass Vitaminpräparate gefährlich sein können, etwa weil sie Krebs fördern. Ähnliche Vorsicht ist bei Lebensmitteln angebracht, die mit angeblich schönheitsfördernden Stoffen aufgepeppt wurden. Wer unkontrolliert Vitamine und Mineralien als Nahrungsergänzungsmittel nimmt, hilft nicht seiner Haut, sondern riskiert unter Umständen seine Gesundheit.

Botox

Unumstritten können Injektionen mit Botox Mimikfalten verschwinden lassen. Weil das Nervengift bis in jenes Gewebe eindringt, das unterhalb der tiefsten der drei Hautschichten liegt, gilt es als Arzneimittel und nicht als Kosmetikprodukt. Allerdings hält die Wirkung nur wenige Monate an. Zudem können die Spritzen auch Gesichtsmuskeln lähmen, die für eine normale Mimik notwendig sind. Mittlerweile werden einige Cremes als "Botox-Alternative" beworben, etwa solche mit dem Peptid Argireline. Mimikfalten entstehen jedoch in tiefen Hautschichten, und dorthin darf schon per Gesetz keine Kosmetikcreme dringen. Wer die Botox-Wirkung haben will, kommt um Spritzen nicht herum.

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Quelle:
SZ vom 03.09.2011/beu/edi
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